Symbolbild Schiedsrichter (Bild: imago images/ Andrey Popov)
Bild: imago images/ Andrey Popov

Interview | Berliner Schiedsrichter-Chef Jörg Wehling - "Dass die Wertschätzung deutlich gestiegen ist, kann ich nicht behaupten"

Um auf die zunehmende Gewalt gegen Unparteiische aufmerksam zu machen, bestreikten die Berliner Fußballschiedsrichter vor einem Jahr einen ganzen Spieltag. Im Interview erzählt der Berliner Schiedsrichter-Chef Jörg Wehling, was sich seitdem (nicht) getan hat.

rbb|24: Herr Wehling, mit dem Abstand von einem Jahr: Wie bewerten Sie den Schiedsrichterstreik und dessen Wirkung?

Jörg Wehling: Er hat uns viel Aufmerksamkeit beschert. Nicht nur auf Berlin bezogen, sondern auch in anderen Landesverbänden. Es hat ja auch Streiks in Köln, in Halle und anderen Städten Deutschlands gegeben. Es gab eine ziemliche Welle an Erregung über die Gewalt auf Sportplätzen. Zwar hat Corona durch die lange Zeit des Nichtspielens vieles nivelliert, aber wir merken in der laufenden Saison, dass es sich nicht deutlich verbessert hat und weiter zum Fußball gehört. Mein Fazit: Es ist gut, dass wir darüber mal deutlicher darüber sprechen.

Was genau hat sich denn seitdem verbessert?

Es ist deutlich öffentlicher geworden. Vor unserem Streik galt es als eine Aneinanderreihung von Einzelfällen, die zwar bedauerlich sind, aber ohne eine gemeinsame Struktur dahinter. Außerdem haben wir versucht, innerhalb des Berliner Fußballverbands Maßnahmen durchzuführen, die Verbesserungen mit sich bringen. Zum Beispiel gibt es jetzt einen Ansprechpartner, der dem Schiedsrichter während des Spiels zur Verfügung steht. Was uns noch fehlt, - obwohl wir auf dem BFV-Verbandstag im November drastische Strafen beschlossen haben - ist die Umsetzung dieser Strafen. Das ist noch ein ganz großes Problem und das finde ich ausgesprochen schade.

Wo klemmt es denn?

Man meint, dass es nicht angemessen wäre, den Schiedsrichter anders zu behandeln. Da gab es seitens des Verbandsgerichts und des Sportgerichts deutlichen Einfluss und so hat eine rechtliche Prüfung ergeben, dass wir das so nicht umsetzen können. Das ist bitter. Im Moment sind wir dabei, uns diesem Thema in einer Zukunftswerkstatt innerhalb des Projekts "BFV Future" deutlicher zu widmen.

Was steckt hinter dieser Zukunftswerkstatt?

Die besteht aus zehn, zwölf Leuten und widmet sich der Frage, welche Strafen angemessen sind für Tätlichkeiten und Gewalttaten gegen Schiedsrichter. Wir hoffen, dass wir zum nächsten Verbandstag einen endgültigen Beschluss fassen, der deutlich stärkere Strafen vorsieht. Dabei sind Sanktionen nur das eine, das andere ist Prävention. Und da sind wir bei der größten Nachhaltigkeit unseres Streiks. Wir haben nämlich einen Sponsor gefunden, mit dessen Hilfe wir eine Sportpsychologin einstellen konnten, die in Fragen der Konfliktbewältigung und Reaktionen auf Gewalt deutlich mehr Unterstützung bietet, als wir das in unserer Organisation hatten.

Wie passen Sie die Aus- und Weiterbildung von Schiedsrichtern an die unschönen Umstände an?

Das soll ein größerer Bestandteil unserer Ausbildung sein. Es ist zwar nicht so toll, wenn man ein Hobby hat und als erstes unterhalten wir uns über die Gewalt, die einem widerfahren könnte. Aber vielleicht muss man das wie bei einer Eheschließung machen und auch über die Scheidung reden. So ist das sicherlich auch ein Ergebnis des Streiks, dass wir deutlicher innerhalb der Schiedsrichterei über Gewalt reden und den Anteil, den wir durch unser Verhalten daran haben.

Ist denn ein anderes Verhalten von Trainern, Spielern und Zuschauern gegenüber Schiedsrichtern spürbar?

Nein. Wir hatten zwar wunderbare Rückmeldung zum Streik, aber wir erleben nach wie vor auf dem Platz, dass Entscheidungen des Schiedsrichters unglaublich diskutiert werden. Da wird sich beschwert und Theater gemacht. Dass die Wertschätzung des Schiedsrichters deutlich gestiegen ist, kann ich nicht behaupten.

Wie zuversichtlich sind Sie für die Zukunft?

Schwierige Frage. Ich bin kein Hellseher. Wenn Schiedsrichter hellsehen könnten, wäre es manchmal einfacher. Aber allein durch die Tatsache, dass wir im BFV nur eine Hinrunde spielen, kommt jedem Spiel eine noch höhere Bedeutung zu. Das spüren wir auch auf dem Platz. Ich hoffe nur, dass wir weiter diesen Weg gehen und es durch Prävention und Sanktion hinkriegen. Wir wollen keine Gewalt haben, wir werden uns dagegen wenden und wollen mit solchen Leuten nicht zusammen Fußball spielen. Und meinen Optmismus behalte ich mir einfach.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Mathias Ehlers, rbb Sport

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