Viktoria-Spieler jubeln gemeinsam/imago images/Matthias Koch
Video: rbb UM6 | 16.10.2020 | Jonas Schützeberg | Bild: imago images/Matthias Koch

Viktoria Berlin mit weißer Weste - Reif für die 3. Liga?

Wer neun Siege in neun Spielen einfährt, kann getrost von einem perfekten Saisonstart sprechen. Viktoria 1889 Berlin führt die Regionalliga Nordost souverän mit fünf Punkten Vorsprung an. Aufstiegsträume verbieten sich derzeit in Lichterfelde. Von Lukas Scheid

Wer dieser Tage in Lichterfelde auf dem Trainingsplatz von Viktoria Berlin vorbei schaut, blickt fast ausschließlich in fröhliche Gesichter. Es wird gelacht und rumgealbert, die Stimmung könnte kaum besser sein beim Tabellenführer der Regionalliga Nordost. "Es fällt leichter zu arbeiten mit neun Siegen und sehr viel Selbstbewusstsein", stellt Abwehrspieler Patrick Kapp fest. Dabei laufe es nicht nur auf dem Platz gut, sondern auch außerhalb, erzählt der 23-Jährige: "Wir verstehen uns alle miteinander. Wir sitzen oft noch zusammen, wenn wir aus der Kabine kommen. Ich glaube, das ist das Geheimnis."

Siegesserie trotz Rückschlag

Auch sein Trainer lobt den Zusammenhalt der Mannschaft. Zwar unterstütze die aktuelle Situation die gute Stimmung, sagt Benedetto Muzzicato, aber der Charakter der Mannschaft sei seit dem ersten Tag so. Dabei hebt er auch den Umgang der Spieler mit der bitteren Niederlage im Berliner Landespokalfinale gegen Altglienicke (0:6) im August hervor: "Diese Mentalität, dass man sagt 'Mund abwischen und weiter machen', die sieht man jetzt."

Neben den 27 Punkten auf dem Saisonkonto ist die Marktwertsteigerung einiger Viktoria-Spieler ein weiteres Ergebnis der guten Punktausbeute bei Viktoria. Der flinke brasilianische Mittelstürmer Falcão konnte seinen Marktwert laut dem Fußball-Portal transfermarkt.de seit Saisonbeginn verdoppeln auf nunmehr 150.000 Euro. Grund genug für die Vereinsführung, den Vertrag des feinen Technikers vorzeitig bis 2022 zu verlängern.

Für den 20-jährigen Brasilianer ist Viktoria Berlin allerdings nur ein Zwischenstopp. "Ich möchte mich hier beweisen, um dann in der zweiten Liga oder der Bundesliga zu spielen", kommentiert Falcão gegenüber dem rbb seine Ziele bei Viktoria.

Mannschaftlicher Erfolg steht im Vordergrund

Auch Abwehrchef Patrick Kapp konnte transfermarkt.de zufolge in Sachen Marktwert noch einmal zulegen und steht mittlerweile bei 175.000 Euro. Mitbekommen habe er das allerdings selbst nicht, berichtet er: "Das kommt von allein mit dem Erfolg. Jeder arbeitet hart, aber keiner guckt darauf, denn wir stellen den mannschaftlichen Erfolg in den Vordergrund."

Diese Strategie scheint bisher aufzugehen in einer ausgeglichenen Regionalliga, in der es nach der vergangenen Saison keinen Aufsteiger in die 3. Liga gab, mit Jena und Chemnitz jedoch zwei Absteiger aus der 3. Liga hinzukamen. Jeder könne jeden schlagen, betont Kapp, deshalb denke man zwar ab und zu an einen möglichen Aufstieg, aber bis dahin seien es noch 29 Spieltage: "Das kann ganz schnell gehen. Wenn wir jetzt vier Spiele verlieren und in vier Wochen nur noch Zweiter oder Dritter sind, dann hat uns das Ganze nichts gebracht." Und darum weiß der 23-Jährige auch, dass man bei all der guten Laune derzeit nicht die Konzentration verlieren sollte: "Wenn es auf dem Platz los geht, müssen wir alle trotzdem 100 Prozent geben."

Trainer Muzzicato nicht immer zufrieden

Zwar gingen die Berliner in dieser Saison stets als Sieger vom Platz, doch zufrieden war Trainer Muzzicato dabei nicht immer. Den in Bremerhaven geborenen Italiener nervten vor allem die vier Gegentore in den letzten Spielminuten der vergangenen zwei Ligaspiele gegen VfB Auerbach und BSG Chemie Leipzig. "Diese Fehler muss man ansprechen und den Finger in die Wunde legen", sagt Muzzicato. Das Spiel nach vorne und die Entscheidungen, ob Passspiel oder Verlagerung des Spiels, müssen noch besser werden, fordert er.

Womit er aber sehr zufrieden sei, ist die Flexibilität im Spielsystem der Mannschaft. "Wir sind nicht festgefahren in unserem Stammsystem, sondern variieren. Die Jungs nehmen das auf und ziehen mit." Und so soll es auch gegen den nächsten Gegner geschehen. Am kommenden Sonntag spielt Viktoria auswärts bei Germania Halberstadt. Dass dies das Spiel zwischen dem Tabellenersten gegen den Tabellenletzten ist, interessiert den Coach allerdings wenig: "Wir respektieren Halberstadt und müssen dort unseren besten Fußball spielen."

Langfristig wolle man die drittstärkste Mannschaft in Berlin werden, sagt Muzzicato zu den Zielen des Vereins. Träumen würde er von der 3. Liga allerdings noch nicht, das sei noch zu weit weg.

Sendung: rbbUM6, 14.10.2020, 18:00 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    "Bundesweites Fanpotential"
    Jetzt habe ich vor Lachen meinen Kaffee verschüttet.
    Aber der Witz ist echt gut. Respekt!

  2. 6.

    Unterschätze das bundesweite Fanpotential von Energie nicht. Das erreichen alle Berliner Viertligisten zusammengestellt nicht mal ansatzweise!

  3. 5.

    Falcao ist natürlich schon vom Namen her Bundesliga tauglich.

  4. 4.

    Ich würde es der Mannschaft zutrauen und auch gönnen.
    Das große Problem sehe ich allerdings in den Regionen des schnöden Mammons.

  5. 3.

    Beeindruckend starker Start der Viktoria. Und vielleicht waren die späten Gegentore in den letzten beiden Spielen gar nicht so schlecht. Sie zeigen, dass man nicht meilenweit vorneweg schreitet, wie es vielleicht die Punktausbeute glauben lässt, sondern ständig weiter für jeden Sieg bis zum Ende eines jeden Spiels weiterackern muss.
    Alles Gute erstmal für das Spiel am Sonntag in Halberstadt!

  6. 1.

    Ob die Teams der 3. Liga ausgerechnet auf die Viktoria wartet? Da habe ich wirklich meine Zweifel!

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