Hertha-Trainer Bruno Labbadia ist enttäuscht (Quelle: imago images/Camera 4)
Bild: imago images/Camera 4

Kommentar | Herthas Niederlage in Leipzig - Der Kitt fehlt

Es wird zur Gewohnheit, dass Hertha BSC verliert. Mit dem 1:2 in Leipzig steht die vierte Niederlage in Folge in der Statistik. Die Blau-Weißen stecken nicht nur tief unten fest in der Tabelle, sondern auch in einer handfesten Krise. Von Guido Ringel

Was Hertha auch anfasst, es geht schief. Nur hier und da zeigen sich Lichtblicke, die so schnell verdunkeln wie ein Gewitterblitz. Aufgehellt wird aktuell nichts bei den Berlinern. Weder die Punktebilanz, noch die Stimmung. Dabei gab es tatsächlich diesen Schimmer des Strahlenden in Leipzig: nach der engagierten Anfangsphase das 1:0 durch Cordoba, bereits nach neun Minuten.

Aber alles fiel schnell in sich zusammen. Statt mit Ruhe und Klugheit RB weiter das Leben schwer zu machen, führte fehlende Konsequenz in der Defensive zum Ausgleich - nur zwei Minuten nach der Führung.

Es fehlt fußballerische Klugheit

Eines muss man der Mannschaft von Hertha BSC allerdings lassen: Der Einsatz passte. Laufstark, engagiert, motiviert. Die Blau-Weißen zeigten Präsenz. Aber das reicht eben nicht. Weil das Team in der Summe zu tollpatschig ist, gilt der Klassiker: Was vorne aufgebaut wird, ist sogleich mit dem Hintern wieder eingerissen. Nach schlauen Balleroberungen schnell wieder alles zunichte gemacht mit dusseligen Fehlpässen.

Und teilweise - sorry - dummen Fouls: erst zwei hintereinander, innerhalb von nur fünf Minuten (!), des gerade erst eingewechselten Zeefuik, mit der Folge Gelb-Rot. Und dann das sowas von überflüssige Einsteigen von Cordoba im eigenen Strafraum, das in der 77. Minute Leipzig den Elfmeter und das Siegtor von Sabitzer brachte. Diese Schlappe war hausgemacht.

Der Trainer ist jetzt gefragt

Und jetzt, spätestens jetzt, kommt der Trainer ins Spiel. Bruno Labbadia muss liefern. Er hat das zweifelhafte Vergnügen, Woche für Woche immer wieder zu versuchen, seine Jungs aufzubauen nach schmerzhaften Schlägen in die fußballerische Magengrube. Gleichzeitig aber muss er sie voranbringen. Nicht nur eine Mannschaft formen, was schwer genug ist mit den vielen Neuen. Sondern ihnen auch noch Fußball beibringen. Taktisch und konzeptionell. Noch sind das Rezept und die große Vision, wo Labbadia hin will, nicht erkennbar. Hertha wackelt zwischen den Systemen hin und her und kann sich auf die eine Linie nicht festlegen. Möglichst die eine, die Erfolg bringt.

Denn Erfolg fällt im Fußball schon lange nicht mehr vom Himmel. Er ist immer die Folge und die Summe aus Entscheidungen. So vielschichtig die auch sein mögen. Aber das ist die Kunst: Im Gewimmel den Überblick zu haben und das wirklich Wichtige zu erkennen. Daran zu arbeiten und es zu entwickeln.

Was ist wirklich wichtig?

Bruno Labbadia hat nachgewiesen, dass er ein kompetenter Trainer ist. Und natürlich braucht er Zeit. Aber die hat er nicht! Dazu ist die Saison zu dicht gedrängt in diesem Ausnahmejahr. Mit dem Geld des Investors und mit möglichst schlauen Einkäufen kann und muss der Coach mehr auf die Beine stellen. Es bröckelt an allen Ecken und Enden am Gesamtbild Hertha BSC. Natürlich geht es auch darum, die schönen Stellen zu kitten – aber vor allem ist wichtig, das Fundament zu stärken!

Die Basis muss her. Eine, auf der sich solide aufbauen lässt. Und das ist nicht nur eine stabile Defensive, sondern auch und vor allem das berühmte und immer wieder beschworene, aber nicht minder wichtige Zusammengehörigkeitsgefühl!

Hertha versteht sich nicht

Hertha versteht sich noch nicht. Jeder wurschtelt für sich, ein "wir" zeigt sich nur zu selten. Es entsteht Verunsicherung, weil keiner so recht weiß, ob der andere da ist, hilft oder was er überhaupt kann und will. Ein Gefühlschaos. Die Mannschaft aber muss eine Mannschaft sein. Sonst geht nichts. War so. Ist so. Und wird immer so sein. Beim SV Schnulli-Bulli in der 10. Liga - oder beim gestandenen Profi-Verein.

Dazu muss der Trainer nicht nur fußballerischen Sachverstand beweisen, sondern auch Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Wie schlägt das Herz seiner Mannschaft? Welche Sprache spricht sie? Wie erreicht er sie? Wenn Bruno Labbadia diese Fragen schnell beantwortet, kann er Hertha retten. Sonst wird die Schieflage das Umkippen zur Folge haben.

Sendung: rbb UM6, 25.10.2020, 18 Uhr

Beitrag von Guido Ringel

15 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 15.

    Nein, nicht die Hertha, sondern Preetz war und ist das Problem ...

  2. 14.

    Der Stieler hat die Hertha nicht das erste Mal verarscht. Aber gestern das war der Höhepunkt. 1.) 11er für Lukebakio in der 1. Minute nicht gegeben (Kölner Keller natürlich im Tiefschlaf ), 2.)eine äußerst fragwürdige gelb-rote Karte gegen Zeefuik, mit der er den Spielverlauf maßgeblich zugunsten dem Brauseklub veränderte (von vielen neutralen Beobachtern so bestätigt) , 3.) die lächerliche rote Karte gegen Ngankam (die sogar vom Kölner Keller korrigiert wurde), 4.) die vielen Fouls von Upamecano gegen Córdoba, die nicht einmal mit Gelb bestraft wurden, 5.) letztendlich auch noch Gelb gegen Labbadia. Schade, dass Bibi Steinhaus nicht mehr pfeift. Die ist nicht so arrogant wie Stieler und manche andere seiner Kollegen aufgetreten und ich kann mich nicht an krasse Fehlentscheidungen von ihr bei Hertha-Spielen erinnern.

  3. 13.

    Hertha kann vorne gar nicht so viele Tore schießen wie man hinten durch naives und übermotiviertes Defensivverhalten zulässt. Es fehlt an Abwehrspielern, die pannenfrei über 90 Minuten kommen. Hoffentlich lässt sich das trainieren.

  4. 12.

    Bei diesen hohen Sponsorengeldern/Werbeeinnahmen schon bedenklich. Der Sponsor sollte lieber, wenn er Geld zu verschenken hat, dieses Geld für die Naturschutz/Tierschutz spenden. Sie scheinen wohl bei Hertha übersatt zu sein. Deren Luxus ist auch ohne viel zu tun bei 90 Minuten auf dem Rasen gesichert. Die Millionenhäuser sind bezahlt. Ehrlich, dazu fällt mir nichts mehr ein. Spielt mit Sportler, die echt dahinter stehen. Vielleicht mal einer aus Deutschland dabei, dann hapert es auch nciht an der Sprache.

  5. 11.

    Ich denke ebenfalls, dass diese Theorie des nicht genug deutsch Könnens nicht sehr belastbar ist.
    Noch dazu bei jedem anständig geführten deutschen Profi-Verein umgehend intensiver Sprachunterricht erfolgt, wenn keine oder zu geringe Kenntnisse der deutschen Sprache bei einem Spieler vorhanden sind.
    Davon abgesehen weiß die sportliche Leitung ja bereits vor der Verpflichtung eines Spielers von vorhandenen bzw. nicht vorhandenen Sprachkenntnissen und kann dieses Wissen dann mit in die Entscheidung einfließen lassen, ob man den Spieler holen möchte oder eben nicht.
    Gerade für die taktische Schulung ist es mit Sicherheit wichtig, dass die Spieler die vorgaben tatsächlich verstehen, damit sie diese auch umsetzen können.

    Die Jungs brauchen einfach noch ein bisschen Zeit, bis sie miteinander eingespielt sind. Die Einstellung sollte jedoch möglichst von Anfang an sitzen, dafür muss man keine Laufwege lernen. Und da wäre etwas mehr Konstanz wünschenswert.

  6. 10.

    Stimmt, das war doch auch in München schon in der Nachspielzeit mit dem Elfmeter ein ganz linkes Ding, ich denke irgendeiner vom DFB will uns aus der Liga kicken.
    hoffe dass der Berliner fußballverband da mal auf die Schiedsrichter entsprechend einwirkt, so kann es jedenfalls nicht weitergehen mit der ewigen Benachteiligung.

  7. 9.

    Man muss wirklich aber auch sagen, dass neben allen internen Faktoren auch noch der Faktor 12. Mann (Unparteiischer nicht Zuschauer) ein ziemlicher Faktor ist...Gestern war mal wieder ein Musterbeispiel aber das war bei weitem nicht das erste Spiel in denen gehörige Fehlentscheidungen gegen die Hertha fallen. Es ist zur Gewohnheit geworden, dass deutlichste 11m gegen Hertha gar nicht erst im Videokeller begutachtet werden unter der Argumentation es war keine "klare Fehlentscheidung" oder der Schiedsrichter hatte die Szene gesehen und bewertet... Es sind aber nun einmal Fehlentscheidungen und wenn der TV-Beweis nicht in der Lage ist diese abzustellen ist das lächerlich.

    Es gibt in den Regeln keinen Interpretationsspielraum, der eine Argumentation zulässt, dass Hertha in der 1. min keinen 11m bekommt. Wenn Herr Stieler gestern nach 2 Fouls an uns gelb-rot gibt.. dann MUSS er um die 70. rum mit Herrn Upamecano den besten Leipziger auch mit gelb rot vom Platz schicken. und vieles mehr

  8. 8.

    Ich finde dieses immer wiederkehrende "Argument" bzgl. Herthas Kaderzusamenstellung, dass Spieler verschiedener Nationalitäten, und damit auch Muttersprachen, weniger gut zusammenspielen können, als wenn alle Deutsch oder mw. Englisch sprechen würden etwas seltsam. Auf'm Platz herrscht eine Art Alternativsprache, die jeder Profi versteht. Und auch das Trainerteam ist nicht darauf angewiesen, den Spielern die Taktik mit Händen und Füssen zu erklären.

  9. 7.

    Ich verstehe die Panik nicht ganz, Hertha ist nur 3 Punkte vom 9. PLATZ entfernt.
    Das Hertha mehr bringen muss, steht außer Frage, aber die Schiedsrichter sollten auch einmal lernen fair zu pfeifen.

  10. 6.

    Und wenn dann der Trainer übereilt entlassen wurde, gibt es einen neuen Trainer und der braucht dann ja eigentlich auch wieder Zeit, um sich einzuarbeiten und eine Struktur reinzubringen. Ein vernünftig geplanter Neuanfang dauert eher Jahre als Wochen. Ich bin so froh, dass ich (Exil-)Freiburger bin und man dort im Verein weiß, dass ein Trainer Vertrauen und auch Zeit braucht, um in Ruhe sein Ding umsetzen zu können. Wenn man das als Vereinsführung gar nicht möchte, sollte man den entsprechenden Trainer fairerweise gar nicht erst verpflichten.

    Im Übrigen finde ich, dass man in München - wo Hertha sehr gut gespielt und nur knapp verloren hat - wie auch in Leipzig durchaus verlieren kann. Wichtig sind erstmal die Ergebnisse gegen das gefühlte zweite und dritte Drittel der Liga.

    Es wird jedenfalls schwer, da inzwischen bei Hertha BSC zu viele Leute glauben, mitreden zu müssen und dies auch tun, noch dazu oft in der Öffentlichkeit. Das ist immer hinderlich.

  11. 5.

    11 Trainer in 10 Jahren....Da stimmt doch etwas nicht. Leider geht es ja nicht die Mannschaft zu entlassen. Denke aber das das einmal darüber nach gedacht werden sollte bei der Vereinsführung mal aus zu sortieren.

  12. 4.

    normaler Hauptstadtfussball eben................

  13. 3.

    Trainer Labbadia kann eine Mannschaft vorm Abstieg retten, für mehr reicht es nicht! Das nennt man glaube ich "Feuerwehrmann!"

  14. 2.

    Nicht überbewerten. Hertha hat in München ( wo jeder Andere 0 zu 5 verliert) und in Leipzig.. Nase hoch.. die Punkte werden kommen.. nicht nachlassen..

  15. 1.

    Analyse stimmt genau. Und das war auch zu erwarten, dass die nach etlichen Abgängen viel zu spät zusammen gestellte Mannschaft erst mal gar nicht funktionieren kann. Aber trotz der vielen Niederlagen hintereinander sieht man, dass viele Spieler Potential haben, Man sollte auch bedenken, dass diese Niederlagen alle gegen Mannschaften der oberen Tabellenhälfte zustande kamen. Labbadia traue ich auf jeden Fall zu, dass er Teamgeist, Loyalität, Stabilität, Geschlossenheit, positive Energie und Dynamik in die Mannschaft bringt, denn genau das sind die Stärken dieses Trainers. Problematisch erscheint mir die Vielsprachigkeit der Spieler, da muss man eigentlich weniger mit Worten mehr optisch "ansprechen" und das dauert!
    Zeit für Geduld hat man m.E. schon. Wir stehen erst ganz am Anfang der Saison und wenn sich Corona weiter so entwickelt wie jetzt, wird diese Saison sowieso bald abgebrochen oder doch zumindest für mehrere Monate unterbrochen werden müssen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mannschaft von Tasmania Berlin in der Saison 1965/66
imago images / Horstmüller

So geht es Tasmania Berlin heute - Ein Ruck durchs Ra-Ra-Ra

Angesichts der Schalker Sieglos-Serie von 24 Spielen schaut ganz Fußball-Deutschland mal wieder auf Tasmania Berlin, die einst 31 Spiele ohne Erfolg blieben. Dabei hat auch die Gegenwart des Klubs aus Berlin Neukölln mächtig was zu bieten. Von Ilja Behnisch

Hertha-Spieler Matheus Cunha gibt die Richtung auf dem Platz vor(Quelle: imago images/Matthias Koch)
imago images/Matthias Koch

Spieler mit Führungsqualitäten - Hertha sucht den Leitwolf

Neben Punkten in der Bundesliga fehlen der Alten Dame vor allem Anführer und Lautsprecher auf dem Platz. Das hat der Saisonstart eindeutig gezeigt. Die Frage, die auch Trainer Bruno Labbadia beschäftigt, lautet: Wer könnte das sein? Von Friedrich Rößler

Albas Spielmacher Peyton Siva (imago images/Tilo Wiedensohler)
imago images/Tilo Wiedensohler
1 min

Comeback nach Corona-Erkrankung - Mit Siva und Köpfchen

Peyton Siva ist einer der absoluten Schlüsselspieler bei Alba Berlin und Krankheiten und Verletzungen leider gewohnt. Warum ihn die Corona-Infektion dennoch härter erwischt hat als erwartet und wieso er von dieser Saison seinen Enkeln erzählen wird. Von Ilja Behnisch