Christoph Pfingsten vom Team Jumbo-Visma (picture alliance / Roth)
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Corona wirbelt Giro d'Italia durcheinander - Quarantäne statt Bergetappe

Der Giro d'Italia war sein großes Ziel, doch der Radsportler Christoph Pfingsten ist mit seinem Team wegen eines positiven Corona-Tests ausgestiegen. Der Giro 2020: ein Mix aus Enttäuschung, der Liebe zum Radsport und der Vernunft in der Krise. Von Jonas Schützeberg

Eine Schneedecke ziert die Zielgerade in der Webcam, die Wetterprognose liegt bei einer durchschnittlichen Temperatur zwischen 2 und 7 Grad Celsius. Am Sonntag erklimmt das Fahrerfeld des diesjährigen Giro d'Italia endgültig das Hochgebirge, Etappenziel ist der Wintersportort Piancavallo.

Bei Christoph Pfingsten werden es wohl eher um die 22 Grad sein. Der Radprofi vom Team Jumbo Visma wird die Etappenankunft beim Giro d'Italia nur zu Hause auf der Couch in Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) vor dem Fernseher verfolgen können. Am Dienstag verließ sein komplettes niederländisches Team die diesjährige Italienrundfahrt nach einem positiven Corona-Test des Topfavoriten Steven Kruijswijk.

"Wir haben eigene Matratzen und Bettwäsche ins Hotel gebracht"

"Ich bin extrem enttäuscht. Wir waren alle so euphorisch und motiviert, um für Kruijswijk zu fahren. Jeder, der beim Giro an den Start geht, will auch das Ziel in Mailand erreichen. Darauf arbeitet man so viele Monate lang hart hin", sagt Pfingsten am Telefon. Der gebürtige Potsdamer befindet sich momentan in häuslicher Quarantäne, selbst auferlegt, um sich und seine Familie zu schützen.

Am Ruhetag am vergangenen Montag gab es acht neue Corona-Fälle, aus insgesamt fünf verschiedenen Profi-Teams. Unter anderem hatte es Pfingstens niederländischen Kapitän getroffen, der völlig symptomfrei war. "Wir waren alle geschockt, keiner konnte sich das erklären. Dem Team können wir nichts vorwerfen, die haben wirklich alles für unseren Schutz getan. Unsere Betreuer sind von Hotel zu Hotel gereist. Sie haben alles desinfiziert und sogar die Matratzen und die Bettwäsche ausgetauscht, bevor wir abends ankamen."

Einige Tage zuvor wurde bereits Klassement-Fahrer Simon Yates von Mitchelton Scott positiv getestet. Seine Teammitglieder waren negativ, fuhren weiter. Beim zweiten Test waren dann vier Betreuer positiv. So ein Szenario wollte man bei Jumbo Visma um jeden Preis verhindern. "Das Team hat so entschieden und ich stehe zu 100 Prozent dahinter. Wir wollten auf keinen Fall das Risiko eingehen und das Virus vielleicht im Fahrerfeld verteilen. Da steht die Gesundheit im Vordergrund", schildert Radprofi Pfingsten, "wir haben ja auch eine gewisse Vorbildfunktion."

Vorstellung Radteam Jumbo Visma beim Giro, Fahrer stehen auf Podest (picture alliance / ROT)
Vorstellung Team Jumbo Visma Giro d´Italia 2020 | Bild: picture alliance / ROT

Die Blase ist undicht

Seit dem Start am 3. Oktober in Palermo gab es mehr als 2.000 Corona-Tests. Insgesamt sind zwei Teams ausgestiegen, neun Fahrer und Betreuer wurden positiv getestet. Bei einem parallelen Radrennen nur unweit des Giros kamen 17 Polizisten hinzu. "Die Dinge laufen sehr schlecht", sagte der Belgier Thomas de Gendt, "wir fühlen uns nicht sicher."

Der Etappenjäger von Lotto-Soudal berichtete über Diskussionen im Team Bus und einen möglichen Startverzicht seines Teams. Er selbst habe Fahrer im Rennen husten hören. "Am Ende kannst du dich nicht mehr konzentrieren. Ich bin einer der Fahrer, die lieber nicht mehr starten würden." Das Team Education First hat vom Veranstalter bereits den Abbruch gefordert.

Christoph Pfingsten hat sich bis zum Ausstieg sicher gefühlt, erklärt aber auch: "Der Veranstalter ist schon gewillt, aber das hier ist eben nicht die Tour de France, wo jedes Team ein eigenes Hotel hatte." Teilweise waren bis zu vier Teams plus Polizisten und normale Gäste in einem Hotel untergebracht.

"Jeder Profi träumt einmal davon"

Für Christoph Pfingsten war der Giro die vierte große Landesrundfahrt seiner Karriere. Alle drei vorangegangenen konnte er auch beenden. "Das ist jedes Mal ein besonderes Highlight. Wenn man am Anfang der Saison in den Radkalender schaut, ist die Vorfreude riesig" sagt der deutsche Rad-Cross-Meister von 2012, "jeder Profi träumt davon einmal dabei zu sein, das treibt einen an, jetzt fehlt mir nur noch die Tour de France."

Die Tour hat gezeigt, dass ein sportliches Großereignis auch in Corona-Zeiten sicher und erfolgreich stattfinden kann, auch wenn die Gefahr einer Grippeinfektion im Spätsommer sicherlich geringer ausfällt, als im nasskalten Oktober. Fraglich bleibt dennoch, wie man im Zuge der steigenden Infektionszahlen mit solchen Veranstaltungen umgehen kann. Die Athleten brennen für ihren Sport und für Wettkämpfe, da besteht kein Zweifel. Auch das kann ein gutes Signal in die Welt tragen.

Bereits am Dienstag beginnt die dritte große Landesrundfahrt des Jahres, die Vuelta a España. Zur Zeit infizieren sich in Spanien mehr als 10.000 Menschen täglich mit dem Virus. Bleiben die Zahlen, könnte zum Start des Rennens die Eine-Million-Marke geknackt sein. Christoph Pfingsten zweifelt: "Ob man die Vuelta bei diesen Fallzahlen wirklich starten lassen muss, weiß ich nicht. Andererseits hat die Tour gezeigt, dass es funktionieren kann. Wir brauchen den Sport. Es ist eine schwierige Situation, auch wirtschaftlich, für die Hotels, Restaurants et cetera. Jeder kämpft ums Überleben."

Radfahrer stehen mit verschränkten Armen hinter dem Rücken auf einem Podest (picture alliance / ROT)Das Team steht geschlossen zusammen.

Geld, Sponsoren und Prestige

Ob der Giro d'Italia 2020 sein Ziel wirklich erreicht, ist momentan nur schwierig vorstellbar. "Ich habe keine Ahnung, aber ich würde es allen gönnen. Der Giro ist ein megageiles Radrennen und die Italiener sind so begeistert. Ich hoffe, sie kommen alle mit einem blauen Auge davon und am Ende wieder gesund nach Hause", sagt Christoph Pfingsten. Bis Montag ist der 32-Jährige noch in Quarantäne und wartet auf sein hoffentlich zweites negatives Testergebnis.

Neben der Corona-Pandemie macht das Wetter den Fahrern weiter zu schaffen. Normalerweise sind die Berge schneefrei, wenn der Giro kommt. Normalerweise findet die Italienrundfahrt auch im Mai statt, aber was ist in diesen Tagen schon normal? Es wird bereits nach C- und D-Lösungen im Streckenverlauf gesucht.

Insgesamt geht es um viel Geld, um Sponsoren und um Prestige. Der Veranstalter RCS Sport will die Rundfahrt bis zum großen Finale am 25. Oktober durchziehen - mit welchem Ergebnis, ist aktuell noch unvorhersehbar.

Sendung: rbbUM6 | 19.10.20 | 18:00 Uhr

Beitrag von Jonas Schützeberg

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