2. BL Nord Saison 1991/1992 Hannover 96 gegen den BSV Stahl Brandenburg (Quelle: imago-images)
Video: rbb UM6 | 20.10.2020 | Philipp Büchner | Bild: imago-images

70 Jahre Stahl Brandenburg - Der Stahlarbeiterverein des Ostens

Zu den ganz Großen der DDR-Oberliga gehörte Stahl Brandenburg nie. Aber der Stahlarbeiter-Verein aus der Havelstadt konnte die Großen immer wieder ärgern. Ein Portrait zum 70. Geburtstag. Von Philipp Büchner

"Stahl Feuer!" Wer sich vor der Wende für die DDR-Oberliga interessiert hat, erkennt sofort diesen Kampfruf der Betriebssportgemeinschaft Stahl Brandenburg. Und es wirkt, als habe Rekordtorjäger Eberhard Janotta die Fans im Ohr, als er sich im Herbst 2020 im Stadion am Quenz zufrieden umblickt. "Der gleiche Charme wie vor 30 Jahren," schmunzelt er. Rund zehn Jahre war er nicht mehr hier. "Stahl - Feuer! Das war dieser Ruf, weil das Feuer im Stahlwerk gelodert hat und das wollten die Fans auch von uns sehen." Und in der Tat wurde es für die ganz Großen oft ungemütlich, wenn von allen Seiten "Stahl Feuer!" tönte.

Offiziell passten 18.000 Zuschauer in das Stadion, aber ältere Brandenburger geben mit einem Augenzwinkern zu, dass es vielleicht ganz aus Versehen auch mal deutlich über 20.000 waren. Mit einer Mischung aus Kampf und guter Spielkultur konnte die Mannschaft um Mittelfeldmann Janotta mit dem leidenschaftlichen Publikum im Rücken auch den Schwergewichten der Liga einheizen: Dynamo Dresden gelang in der DDR-Oberliga kein einziger Sieg im Stadion am Quenz. Und obwohl Stahl erst 1984 in die oberste Spielklasse der DDR aufstieg, schaffte es die kleine BSG bereits zwei Jahre später in den UEFA-Cup und überstand dort sogar die erste Runde gegen den FC Coleraine aus Nordirland.

Kurzes Stahlfeuer nach der Wende

Stahl gehörte zu den sechs Mannschaften aus den neuen Bundesländern, die sich bei der Eingliederung des Ostfußballs in den Profifußball des Westens 1991 immerhin für die zweigleisige zweite Bundesliga qualifizierten. Damals zog ein gewisser 1. FC Union Berlin den Kürzeren. Es war auch der erste große Erfolg des jungen Eigengewächses Steffen Freund, dem späteren Europameister. Im Stadion An Der Alten Försterei traf damals auch wieder einmal Torjäger Janotta für Stahl: "Wir waren damals wirklich wie eine Familie, von den Fans angefangen, den Betreuern, dem Platzwart, den Spielern und das hat uns stark gemacht."

Allerdings war es nur ein kurzes Stahlfeuer nach der Wende. Die Wirtschaftskraft des Vereins, der Region und nicht zuletzt die der Stahlindustrie an der Havel reichten nur noch für ein Jahr zweite Liga. Nicht nur im Stahlwerk hieß es bald: Ofen aus! Auch sportlich ging es steil bergab bis in die Landesliga Nord Brandenburg, die 7. Liga. Vor einigen Jahren ist sogar der Lokalrivale BSC Süd an Stahl vorbeigezogen, was nicht nur den Stolz verletzt, sondern auch die Sponsorensuche und eine Rückkehr in höhere Spielklassen erschwert.

Das Alte und das Neue sollen verschmelzen

Das Stadion am Quenz hat seine großen Zeiten hinter sich und ist doch eine Schönheit auf den zweiten Blick. Rund um das Gelände verraten Wandgemälde aus den vergangenen Jahren, dass Stahl noch immer lebt: als Verein und als Kultur. Die alten Tribünen werden von Fans ehrenamtlich liebevoll in Stand gehalten. Betonstützen wurden bereits neu gegossen, Bänke erneuert, Tore und Zäune in den Vereinsfarben blau und weiß lackiert. In einer ehemaligen Reporterkabine befindet sich ein herrlich schrulliger Fanshop. Der sportliche Leiter, Lars Bauer, zeigt dem prominenten Besucher Eberhard Janotta stolz den runderneuerten Kabinentrakt.

Die Umkleiden sind neuerdings nicht mehr nummeriert, sondern nach verdienten Ehemaligen benannt: eine zum Beispiel nach dem verstorbenen Frank Jeske und auch Janotta hat seine eigene. "Das ist natürlich eine große Ehre!" Auf einmal hat man das Gefühl, dass der Rekordtorschütze stolz zu Bauer aufblickt, der seinen alten Verein mit vielen Ehrenamtlichen und viel Herzblut am Laufen hält. Mit mühsam eingesammelten Erinnerungsstücken wird der Kabinentrakt zum 70. Jubiläum in eine Art Museumskulisse verwandelt. "Wir wollen die Tradition bewahren und unserer Jugend mitgeben, dass das Alte und das Neue verschmelzen können und da etwas noch besseres rauskommen kann," erklärt Bauer. Als besonderes Erinnerungsstück zeigt er Janotta sogar dessen Aufstiegstrikot aus dem Relegationsspiel bei Union: "Du hast es nach dem Spiel ins Publikum geworfen. Und der Fan, der es damals gefangen hat, hat es jetzt uns überlassen."

Stahlstadion-Schriftzug auf Beton

Das Feuer lodert noch

Kurz vor dem 70. Geburtstag erinnern sich bei Stahl Brandenburg zwar alle an die große Vergangenheit, doch das Hauptaugenmerk gilt der Zukunft. Dazu passend steht der Klub immerhin an der Tabellenspitze der Landesliga. Und "Stahl! Feuer!" rufen die Fans bis heute, auch wenn die Flammen etwas kleiner lodern als zu Zeiten der großen Stahlöfen.

Sendung: rbb UM6, 20.10.2020, 18 Uhr

Beitrag von Philipp Büchner

4 Kommentare

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  1. 4.

    Naja, ist doch klar. Weil es doch so schön ist, jeden Montag zur Arbeit zu kommen und sein Verein hat schon wieder gewonnen am Wochenende. Man nennt das auch "Erfolgsfan". Ich finde es erbärmlich und das hat mit Fan-Sein, schon aus Entfernungsgründen, nichts zu tun.

  2. 3.

    Sehr schöner Bericht. Danke dafür.

  3. 2.

    Warum wundern Sie sich? Ich finde, jeder hat seine Gründe, weshalb er Symphatien für den einen Verein hat und weshalb er andere nicht ab kann. Jeder Verein zieht die Menschen an, zu denen sie mit ihren Werten und Vorstellungen passen. Ich bin nicht hier in Berlin geboren, aber ich bin seit Jahrzehnten Unioner, wie mein Vater, der auch nicht hier geboren wurde und per Entsendung Ostberlin mit aufgebaut hat.
    Stahl Brandenburg ist mir in guter Erinnerung, trotz der Niederlage in der Relegation ;-) Schön, dass es den Verein noch gibt und Glückwunsch zum Jubiläum!

  4. 1.

    Ich wundere mich immer über die Leute, die hier geboren sind, dann aber Bayern München oder Dortmund Fans sind.

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