Bahnrad-Fahrer Maximilian Levy (Quelle: imago images/Camera 4)
Video: rbb UM6 | 09.11.2020 | Jonas Schützeberg | Bild: imago images/Camera 4

Cottbuser Levy fährt allein zur Bahnrad-EM - "Ich fühle mich wie ein Tiger, der im Käfig eingesperrt ist"

Am Mittwoch startet in Plovdiv die Bahnrad-EM. Weil Bulgarien ein Risikogebiet ist, hat die deutsche Mannschaft abgesagt. Maximilian Levy startet dennoch - allein und auf eigene Verantwortung. Der Cottbuser ist hochmotiviert und will um Medaillen kämpfen.

Es ist fast schon gespenstisch still in der Oderlandhalle in Frankfurt. Hier, wo sich sonst zahlreiche Athleten auf ihre Wettkämpfe vorbereiten, dreht Bahnradfahrer Maximilian Levy einsam seine Runden. "Bam, bam bam", schreit sein Trainer Eyk Pokorny, um den Cottbuser anzuspornen.

Die letzten Vorbereitungen laufen, denn schon ab Mittwoch will der 33-Jährige im bulgarischen Plovdiv um die Medaillen mitfahren. Bei den Europameisterschaften - als Einzelkämpfer. "Natürlich wäre ein Gegner beziehungsweise ein Freund aus der Trainingsgruppe, gegen den man fahren kann, schon optimaler", sagt Levy in einer Trainingspause. Doch den hat er zur Zeit nicht.

Levy: Wirtschaftlich auf die EM angewiesen

Weil Bulgarien als Corona-Risikogebiet gilt, hat der Bund Deutscher Radfahrer seine Teilnahme an den Titelkämpfen abgesagt. Sportlich ein herber Rückschlag für alle. Doch für Levy kommt auch noch ein finanzieller dazu. Denn während sich alle anderen Fahrer des Nationalteams über die Bundeswehr oder die Bundespolizei finanzieren, ist der 33-Jährige wirtschaftlich auf die EM angewiesen. "Da ich der Einzige bin, der nicht in öffentlichen Händen ist, habe ich überlegt, was ich tun kann. Ich war schon sehr frustriert", erinnert sich Levy an die Tage nach der Absage zurück. Also bat er den Verband um eine Starterlaubnis. "Zu meiner Überraschung kam dann der Anruf, dass ich fahren kann."

Am Montag machten sich der viermalige Welt- und Europameister und sein Trainer auf den Weg nach Plovdiv. Weil der Flug kurzfristig gestrichen wurde, mussten sie einen Umweg über Warschau nehmen. "Für einen saftigen Aufpreis", wie Levy erzählt. Für den ersten wirklichen Wettkampf seit sechs Monaten nimmt der gebürtige Berliner das aber in Kauf. Für die EM investierte Levy viel, verzichtete sogar auf die gemeinsamen Herbstferien mit seiner Familie. "Ich will es einfach mal wieder rauslassen. Ich fühle mich wie ein Tiger, der im Käfig eingesperrt ist und versuche, die Ketten irgendwie abzureißen."

Medaille im Keirin als Ziel

Die Motivation beim Keirin-Spezialisten ist spürbar groß. Und auch sein Trainer Eyk Pokorny, mit dem er seit 2007 zusammenarbeitet, traut ihm viel zu. "Er ist sehr zielstrebig und kann sich und seine eigene Leistungsfähigkeit sehr realistisch einschätzen", weiß der Coach. Levys Ziel ist eine Medaille. Und es ist nicht auszuschließen, dass es für den 33-Jährigen die letzte Chance auf internationales Edelmetall ist. "Ich habe mir für das kommende Jahr einen neuen Arbeitgeber gesucht. Das baut natürlich alles auf Olympia 2021 auf", erzählt er. "Und so richtig sicher bin ich mir eigentlich nicht, ob die Spiele dann in Tokio stattfinden."

Die Coronapandemie hat die sportlichen Pläne des Bahnradfahrers durcheinandergewirbelt. Angst vor einer Infektion bei der EM hat Levy aber nicht. "Ich betreibe eigentlich keine Kontaktsportart. Ich bin mit meinem Gegner zwar drei Minuten auf der Bahn, aber es ist ja auch nicht so, dass wir da kuscheln", sagt er. "Bestenfalls treffen wir uns am Ellenbogen – also so, wie sich heute alle 'Guten Tag' sagen. Daher sehe ich kein größeres Risiko, als mit der Straßenbahn zur Arbeit zu fahren."

Bei der Anreise werden alle Starter getestet. Wann immer ein Athlet die Bahn betritt, wird die Körpertemperatur gemessen. "Daher habe ich eigentlich wenig Bedenken", so der Cottbuser. Dann dreht er in der Oderlandhalle wieder seine Runden - mit dem großen Ziel vor Augen: "Ich will mit einer guten Leistung einen Strich unter dieses verkorkste Jahr ziehen."

Sendung: rbb UM6, 09.11.2020, 18 Uhr

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