Andreas Otto vor dem Jahnstadion. Quelle: rbb
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Abriss erst einmal verschoben - Und täglich grüßt das Stadion im Jahn-Sportpark

Das Stadion im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark bleibt, zumindest vorerst: Abriss und Neubau werden verschoben, erst sollen Architekten ran. Die Betriebsgenehmigung für das Stadion wird laut Senat für Inneres und Sport aber nicht verlängert. Von Stephanie Baczyk

Der Mann wirft die schwarze Kapuze über: Er hat einen Plan, soviel steht fest. Trotz der unfeinen Mischung aus grauem November-Himmel und Nieselregen an diesem Dienstagmittag geht der Fensterputzer vom Jahn-Stadion konzentriert seiner Arbeit nach. Die Fassade der Haupttribüne soll nach etwas aussehen, es radeln ja immer wieder Menschen vorbei, quer über den Vorplatz.

Auch Andreas Otto kommt mit dem Fahrrad. Die Brille des Grünen-Politikers gleicht bei dem Wetter ein bisschen einem Instagram-Filter, überzogen mit kleinen Regentropfen. Dabei sieht Otto doch sehr klar. "Der Kompromiss heißt: erst planen, dann bauen", sagt er bestimmt mit Blick auf den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Das Gelände soll zum Vorzeige-Inklusions-Standort werden, so der Plan. Zig Vereine unterstützen das Vorhaben, mit ihnen die Senatsverwaltung für Inneres und Sport. Die will das marode aber geschichtsträchtige Stadion mit den bunten Sitzschalen und den vielen Mängeln für 195 Millionen Euro abreißen und neu aufbauen lassen. Ende 2020, Anfang 2021 sollten die Bagger kommen.

Jetzt kommen sie erstmal nicht.

Kritikpunkt: Abriss ohne Ausblick

"Das ist das Neue, das wir jetzt geschafft haben über diesen Sommer", so Otto. Er hat gekämpft, zusammen mit der Bürgerinitiative Jahnsportpark, und erreicht, dass ein sogenanntes Werkstattverfahren durchgeführt wird. "Da lädt man Planungsbüros ein, Architekten, Städtebauer. Mit denen überlegt man gemeinsam. Wie ordnen wir hier Sporthallen an? Wie sieht ein neues Stadion vielleicht aus? Was von dem alten Stadion bleibt erhalten? All das hat noch nicht stattgefunden". Ein Abriss ohne Ausblick: Nur einer der Kritikpunkte von Otto und der Bürgerinitiative.

Der Blitzschutz im Gebäude auf der Haupttribüne: veraltet. Die Plätze für Rollstuhlfahrer, inklusive Sichtbehinderung, sowie die Fluchtwege: fragwürdig. Die Liste mit Argumenten für den Neubau ist aus Sicht von Sportstaatssekretär Aleksander Dzembritzki lang. Im Sommer spricht er gegenüber rbb|24 davon, dass "die Reihen so eng aneinander sind, dass die Entfluchtung aus diesen Reihen heraus nach heutigen Sicherheitsstandards nicht funktioniert", und ein Stadion-Ersatzneubau vom Senat für Stadtentwicklung geprüft und "alternativlos" sei.

Keine Wettkämpfe oder Spiele mehr ab Januar 2021

Auf erneute Anfrage schreibt Senatssprecher Martin Pallgen, die Sportverwaltung sehe "nach wie vor die Notwendigkeit eines Neubaus". Der würde nicht nur "die sportpolitischen Ziele eines inklusiven Sportparks erreichen, sondern durch seine Konstruktion auch die Lärm- und Lichtemission deutlich senken." Die markanten, zwischenzeitlich absturzgefährdeten Flutlichtmasten – nach einem Kabelbrand mittlerweile ohnehin außer Betrieb – sollen einer geschlossenen Dachkonstruktion mit Photovoltaik und Beleuchtung weichen. Man habe sich "eine schnellere Lösung gewünscht", heißt es weiter.

Ein interessanter Fakt ist auch die zum Jahresende auslaufende Betriebsgenehmigung für das Stadion. Die ist von der Verwaltung in der Vergangenheit schon einige Male verlängert worden. Beim letzten Mal allerdings wurde sie an die Bedingung gekoppelt, das abgerissen und folglich neu gebaut wird. Von Seiten des Senats für Inneres und Sport wird klar formuliert: "Eine Nutzung der Tribünen und des Hauptgebäudes ist darüber hinaus nicht mehr möglich. Es werden dort ab dem 1. Januar 2021 keine Veranstaltungen, Wettkämpfe oder Spiele mehr stattfinden." Eine Ausnahme werde lediglich für den Schulsport und den Trainingsbetrieb gemacht.

BFC ins Sportforum, VSG in den Olympiapark

Bis zum Lockdown haben die Fußball-Regionalligisten BFC Dynamo und VSG Altglienicke ihre Heimspiele im oft spärlich besuchten Rund ausgetragen. Für den BFC ist es nun das Ende einer Ära: Der von Stasi-Chef Erich Mielke unterstütze Rekordmeister der DDR-Oberliga hat hier im Prenzlauer Berg unter Flutlicht im Europapokal gespielt. Der Klub zieht jetzt weiter nach Hohenschönhausen ins Sportforum.

Aktuell pausiert die Regionalliga Nord-Ost noch coronabedingt, die VSG Altglienicke hat für die Zeit danach allerdings schon eine neue Wahl-Heimat gefunden: Der Verein teilt sich künftig das Amateurstadion im Olympiapark mit der U23 von Hertha BSC. "Wir haben einen Antrag gestellt und der wurde genehmigt", sagt Geschäftsführer Marco Schröder. "Wir sind schon dankbar, dass wir überhaupt noch eine Spielstätte haben".

Auch die Special Olympics, die 2023 eigentlich im Jahn-Sportpark stattfinden sollten, wandern rüber in den Westen der Stadt, ebenfalls in den Olympiapark.

Was ist vielleicht von dem Stadion erhaltenswert?

Das alte Jahn-Stadion bleibt dagegen, wo es ist. Zumindest vorerst. Ergebnisse aus dem Werkstattverfahren peile man für die zweite Jahreshälfte 2021 an, teilt Andreas Otto auf seiner Homepage mit. Die Planreife werde für Ende 2022 angestrebt, danach sei der Bau des neuen Stadions möglich.

"Das heißt, man muss auch Kompromisse machen und untersuchen, was möglich ist. Was ist vielleicht von dem Stadion erhaltenswert? Was ist sogar sinnvoll?", so der Grünen-Politiker. "Bisher ist man davon ausgegangen, dass auch das historische Stück Hinterland-Mauer abgerissen wird. Die steht auf einem Hügel, der Hügel muss erhalten werden – auch in einer gewissen Breite. Und all das wird jetzt in dem Planungsprozess berücksichtigt werden und da bin ich ganz froh drüber."

Sendung: rbb Inforadio, 18.11.2020, 11.15 Uhr

Beitrag von Stephanie Baczyk

3 Kommentare

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  1. 3.

    Richtig: Erst planen, dann eventuell abreissen und neu bauen. Oder Vorhandenes weiter nutzen. Das kann man dann machen, wenn es einen wirklichen Plan für den Sportpark gibt.

    Es macht keinen Sinn, kaum vorhandenes Geld für einen Abriss zu verschleudern, wenn es noch nicht mal ein echtes Konzept für die weitere Nutzung gibt.

  2. 2.

    Hall Ivo,
    das neue Stadion soll ein zentraler Standort für Behindertensport (Vorzeige-Inklusions-Standort) werden, nicht für den BFC oder VSG.

  3. 1.

    Wieso erhält man diese Sportstätte, wenn alle Veranstaltungen auch in anderen Stadien stattfinden können? Ist eine Investition in den Spielbetrieb der VSG Altglienicke und dem BFC Dynamo in Höhe von fast 200 Mio. € irgendwie zu rechtfertigen? Wie lange müssen die beiden Klubs denn im Stadion kicken, bis dieses Geld wieder reingespielt wird?
    Dann sollen die Jungs aus Hohenschönhausen ihr marodes Stadion im Sportforum doch einfach selbst renovieren und die VSG zieht ins Poststadion oder in den Olympiapark.
    Und das FLJ-Stadion? Zu machen. Zwei neue Sportplätze für den Breitensport hin und 2-3 Sporthallen und fertig. Das bringt mehr - für alle.

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