Hertha-Coach Jürgen Klinsmann vor der ersten öffentlichen Einheit der Winter-Vorbereitung mit Journalisten. / imago images/Matthias Koch
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Rückblick | Hertha BSC und das Kapitel Klinsmann - "Wir wollen gemeinsam etwas bewegen - und zwar langfristig"

Vor genau einem Jahr stellte sich Jürgen Klinsmann als neuer Trainer von Hertha BSC vor. Wer seine Aussagen von damals im Rückblick betrachtet, muss feststellen: So manches relativierte sich doch recht zügig. Von Ilja Behnisch

14 Kamera-Teams zählten die Kollegen vom rbb-Fernsehen am 27. November 2019 im Presseraum des "Bald-Schon-Big-City-Club" Hertha BSC. Kein Wunder. Berlin war im Klinsi-Fieber, infiziert vom Virus der Veränderung. Gleich würde er sich der Weltpresse vorstellen, der Ex-Bundestrainer. Der größte Reformator seit Luther. Er war der Mann hinter dem Sommermärchen, vielleicht war er auch das Sommermärchen. Jetzt also Hertha.

Der Verein seines Vaters, seiner Jugend und zeitweise seines Sohnes Jonathan. Klingt nach heiliger Dreifaltigkeit und warum denn nicht, Klinsmann wurde in Berlin auch empfangen wie ein Heilsbringer. Die Antritts-Pressekonferenz in der Liveübertragung. Was würde er wohl sagen? Wie würde er die vom Abstieg bedrohte Hertha zu Ruhm und Ehre führen wollen? Und welchen Anglizismus am häufigsten benutzen? Spannung lag in der Luft. Als würde die Bundeskanzlerin den BER eröffnen und gleichzeitig umfassende Neubesetzungen im Cast von "Berlin - Tag & Nacht" verkünden.

"Die Dinge gemeinsam tun"

"Die Zukunft gehört Berlin", stand auf der Wand hinter der Empore, auf der Pressesprecher Max Jung und Geschäftsführer Michael Preetz Platz nahmen. Jürgen Klinsmann kam direkt über dem Slogan zu sitzen, so als wäre er ein leibhaftiges Korrektorat dieser Markenbotschaft, als müsse es eigentlich heißen: "Die Zukunft gehört mir, Jürgen Klinsmann."

Und dann legte er los. "Wichtig ist, dass alle spüren, dass wir die Dinge gemeinsam tun und so schnell wie möglich nach oben klettern wollen", sagte Klinsmann. Mit dem Abstand eines Jahres, mit dem Wissen um das, was nach diesen Worten kam, muss man zugeben, dass das keine hohles Gerede war. Denn sie wollten nach oben und das spürte man auch. Nur ein kleines Detail lief dann doch anders. Das mit dem "gemeinsam" - nun ja. Eher verhielt es sich im Rückblick wie mit so vielen Alpha-Männchen. Die gern einer Meinung sein wollen mit einem - solange es ihre ist.

Das Zeugnis fällt bescheiden aus

Aber er sagt an diesem Tag noch mehr, dieser Jürgen Klinsmann, zum Beispiel über die Art von Fußball, die er spielen lassen wolle: "Ich denke, dass jeder Trainer seine Idealvorstellung hat, wie er spielen lassen möchte. In dieser Situation ist es aber das Wichtigste, einen Weg zu finden, wie das Team aus sich das Maximale herausholen kann. Wir brauchen jetzt Punkte. Ich habe als Trainer immer versucht, mit Risiko und aggressiv zu agieren. Im Moment stelle ich das weit hinten an, wir müssen zunächst ins gesicherte Mittelfeld kommen."

Schaut man auf die Zahlen, schaut man auf den Punkteschnitt aller Hertha-Trainer mit zehn (wie Klinsmann) oder mehr Spielen in der Verantwortung, fällt das Zeugnis für dieses Vorhaben mit 1,2 Punkten pro Spiel bescheiden aus. Damit ist Klinsmann historisch betrachtet schlechter als etwa Martin Luppen (1,48 Punkte pro Spiel) oder Bernd Stange (1,32 Punkte pro Spiel) und sogar schlechter als sein direkter Vorgänger im Amt, als Ante Covic, der immerhin auf 1,21 Punkte pro Partie kam. Immerhin waren namhafte Kollegen wie Otto Rehhagel (0,86 Punkte pro Spiel), Friedhelm Funkel (0,94 Punkte pro Spiel) und aktuell Bruno Labbadia (1,11 Punkte pro Spiel) noch schlechter als Klinsmann.

"Und zwar langfristig!"

Und er wurde ja auch nicht entlassen, der Super-Schwabe und Weltmeister von 1990. Er ging, und das abrupter als ein Facebook-Livestream endet. Dabei hatte er doch auf seiner Antritts-Pressekonferenz noch zu Protokoll gegeben: "Wenn ich etwas tue, dann tue ich es richtig. Das ist eine ganz spannende Aufgabe, bei der wir gemeinsam etwas bewegen wollen - und zwar langfristig! Ich bin sehr motiviert und habe große Lust auf diesen Job!" Keine Pointe. Lieber noch einen drauf:

"Wenn ich etwas tue, dann richtig, egal in welcher Funktion. Das wird hier bei der Hertha eine spannende Aufgabe. Die Arbeit mit der Hertha ist keine kurzfristige. Was hier aufgebaut werden soll, finde ich super spannend. Ich bin motiviert und will die Bausteine so zusammensetzen, wie es sein muss. Ich traue mir das zu." Und weil es so schön war, nochmal: "Wenn ich etwas tue, dann richtig, egal in welcher Funktion. Das wird hier bei der Hertha eine spannende Aufgabe. Die Arbeit mit der Hertha ist keine kurzfristige. Was hier aufgebaut werden soll, finde ich super spannend. Ich bin motiviert und will die Bausteine so zusammensetzen, wie es sein muss. Ich traue mir das zu."

Mit einer Sache hatte Klinsmann Recht

76 Tage später war sowohl der Hertha-Trainer als auch das Hertha-Aufsichtsratmitglied Jürgen Klinsmann schon wieder Geschichte. Den einen Job übernahm Alexander Nouri, den anderen Jens Lehmann. Es soll Hertha-Anhänger geben, die Klinsmann allein deswegen böse sind.

Heute wirkt das Kapitel Klinsmann wie eines aus einer anderen Zeit, allein schon, weil mit Corona nicht nur die Fußball-Welt aus ihren Gewohnheits-Angeln gehoben wurde. Nur eine Klinsmann-Aussage vom 27. November 2019, dem Tag, an dem 14 Kamera-Teams im Presseraum vom "Immer-Noch-Nicht-Big-City-Club" Hertha BSC zu zählen waren, hat auch heute noch Bestand: "Die sportliche Situation ist schwierig, ihr könnt ja alle die Tabelle lesen."

Sendung: rbb UM6, 27.11.2020, 18:15 Uhr

9 Kommentare

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  1. 9.

    In der Tat: Naiv und seit Jahren an der Nase herumgeführt, und doch Gegenbauer wiederwählend, werden wir auf Jahre noch in der kalten und leeren Betonschüssel unter uns bleiben, und nach 15 Minuten wieder Motzen, und zum größten Teil nicht verstanden haben, dass KKR und Sportfive und Tenor auf ruinöse Entscheidungen von Vorstand Sport und Vorstand Finanzen waren. Wenn der Bock zum Gärtner gemacht wird.

  2. 8.

    Das positive ist : Wir Berliner und echte Fans sind im Stadion unter uns. Keine Modefans, kein Dogma, immer super Stimmung verbreiten zu müssen...

  3. 7.

    Kein Wort über den verantwortlichen Vorstand Sport. Ein Jahr ist das Kasperletheater her. Das der Lange das überlebt hat! Unvorstellbar. Wie er sich damals abgerungen hat, die Idee mit Klinsmann als seine zu verkaufen. Und den angeblich schon länger zu ihm pers. bestehenden Kontakt beschwor. Und später dafür nicht die Konsequenzen tragen musste. Unglaublich. Römische Intriganten hätten von Micha lernen können. Nun haben wir den Salat, noch weniger Punkte als damals und noch immer den selben Vorstand Sport. Mittelmaß 4 ever, einzig dafür steht dieser Klub und sein unprofessionelle sportliche Leitung. HaHoHe.

  4. 6.

    Die Welt lacht nicht über Hertha BSC, wenn Sie gleichzeitig erwähnen, dass der Verein Mittelmaß ist. Das ist nämlich ein Widerspruch. Und in den letzten Wochen hat vor allem der angeblich so beliebte Club aus Köpenick massiv an selbiger verloren. Der Umgang mit Covid-19 war, freundlich gesagt, bei diesem Verein unter aller Kanone. Und das kam im gesamten Bundesgebiet nicht gut an. Selbst von Unionern gab es Kritik. Würde ich an Ihrer Stelle noch mal drüber nachdenken. ;-)

  5. 5.

    Geld schießt doch Tore: Cunha, Cordoba! Für (viel) Geld verpflichtet und treffen das Tor!

  6. 4.

    Im Arbeitszeugnis von Klinsi wird stehen, er hat sich stets Mühe gegeben!

  7. 3.

    Na schön, eine Erinnerung an Herrn Klinsmann. Alte Geschichten zum Aufwärmen, um zu übertünchen, dass die Welt noch heute über Hertha BSC lacht. Preetz, der Geldgeber, der Trainer und nicht zuletzt die Spieler unfähig, unmotiviert, selbstherrlich, bedeutungslos.
    Berlin hat, Gott sei Dank, noch einen Verein, der etwas Licht in die Tristesse in den Berliner Fußball bringt.
    Vom "Big-City-Club" ist ie Hertha soweit entfernt, wie die Erde von der Sonne. Und das nicht nur, weil der gesamte Verein schon immer nur Mittelmaß ist und bleibt.

  8. 2.

    Tja ich habe immer gesagt und das tue ich wieder Geld alleine schießen keine Tore !
    Das sollte endlich mal akzeptiert werden.
    schöne Weihnachtszeit
    Christian

  9. 1.

    Ich habe zuerst nicht gesehen, dass es sich um einen Rückblick handelt und gedacht, dass Klinsmann zurück kommt. Hab einen ordentlichen Schreck bekommen...;)

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