Herthas Matteo Guendouzi (r.) und Bruno Labbadia diskutieren die 2:5-Niederlage gegen Dortmund (imago images/nordphoto)
imago images/nordphoto
Audio: Inforadio | 21.11.2020 | Jakob Rüger | Bild: imago images/nordphoto

Nach Herthas 2:5-Niederlage - 5 Lehren aus dem Dortmund-Spiel

Die erste Halbzeit mit 1:0 gewonnen, die zweite mit 1:5 verloren. Wie konnte das passieren? Hier kommen fünf - positive wie negative - Lehren aus Herthas Spiel gegen Borussia Dortmund. Von Ilja Behnisch

Individuelle Klasse

Das Spiel gegen Dortmund zeigte, dass Hertha BSC auf dem Weg ist, über einen qualitativ hochwertigen Kader zu verfügen. Aber auch, an welchen Stellen es noch hapert. In der ersten Halbzeit bewiesen dabei vor allem Mattéo Guendouzi und Matheus Cunha, dass sie den Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Mannschaft ausmachen können. Hier der Franzose, der das Spielgerät nicht nur zu erobern, sondern auch strategisch geschickt wieder zu verteilen weiß. Dort der Brasilianer, der rund um den Strafraum jederzeit in der Lage ist, Dinge zu veranstalten, die sowohl überraschend als auch präzise sind.

Die zweite Halbzeit deutete dann allerdings darauf hin, dass die Mannschaft diese Qualität noch nicht durchgängig besitzt. Peter Pekarik mag defensiv ein "Mr. Zuverlässig" sein, in seine Spieleröffnung schlichen sich vor allem in der zweiten Halbzeit aber zu viele einfache Fehler. Zudem hätte er direkt nach dem 1:2 durch Erling Haaland mehr aus seinen beiden Torchancen machen können. Innenverteidiger Omar Alderete wiederum zeigte sich gegen noch wenig zielstrebige Dortmunder in der ersten Halbzeit stabil. Als die Gäste mit Beginn der zweiten Halbzeit das Spieltempo anzogen, wirkte der Paraguayer allerdings in jeder Hinsicht überfordert.

Faktor Passspiel

Der gute Eindruck, den Hertha in der ersten Halbzeit hinterließ, war auch der hohen Qualität im Passspiel geschuldet. Obwohl die Mannschaft viel Bewegung in den eigenen Reihen hatte, ging zumindest im Spielaufbau kaum ein Ball verloren. So schafften es die Berliner selbst gegen das massive Dortmunder Mittelfeld um Ballstaubsauger Axel Witsel immer wieder, sich in Strafraumnähe zu kombinieren.

Zum Leidwesen der Herthaner änderte sich auch das mit dem Beginn der zweiten Halbzeit. Bezeichnend dafür war insbesondere der Fehlpass von Marvin Plattenhardt in Richtung Alderete. Vierfach-Torschütze Erling Haaland nahm die Einladung kurz entschlossen dankend an.

Gute Hertha - bessere Dortmunder

Dass die Gäste den Halbzeitrückstand innerhalb von vier Minuten nach der Pause in eine Führung verwandelt hatten, lag schlicht auch daran, dass die Borussia nun auf einem beeindruckenden Niveau agierte.

Weil eine Abwehr immer nur reagieren kann, war die Schnelligkeit und Präzision, mit der Dortmund etwa den 1:1-Ausgleich vorbereite, kaum zu verteidigen. Hertha mag in der zweiten Halbzeit schwächer agiert haben als noch vor dem Wechsel, Dortmund war nun allerdings auch einfach besser. Und so sehr Herthas Kader zuletzt aufgehübscht wurde: Schöpfen beide Mannschaften ihr volles Potential aus, bringt die der Borussia noch immer mehr Leistung auf den Rasen. In der zweiten Hälfte des Gastspiels von Berlin war die Mannschaft von Lucien Favre dabei nahe dem Optimum.

Die Mannschaft hat sich gefunden - eigentlich

De facto schickte Bruno Labbadia gegen Dortmund die Mannschaft aufs Feld, die vor der Länderspielpause souverän in Augsburg (3:0) siegte. Einzig Jhon Cordoba wurde verletzungsbedingt durch Krzysztof Piątek ersetzt. "Never change a winning team", heißt es bekanntlich. Gegen Dortmund zeigte sich anfangs allerdings auch, dass diese Zusammenstellung in sich schlüssig ist.

Hertha überzeugte mit kollektiver Geschlossenheit, die einzelnen Mannschaftsteile halfen sich gegenseitig, Niklas Stark schien endgültig angekommen auf der Position im defensiven Mittelfeld. Geschickt half er immer wieder im Abwehrverbund aus, um sich anschließend nahtlos ins Umschaltspiel einzufügen. Allein: Mit der Führung ging zu Beginn der zweiten Halbzeit auch die Geschlossenheit dahin. Hertha wirkte nun wieder wie in Einzelteile zerfallen. Dennoch: Bruno Labbadias Spielidee funktioniert - wenn auch bisher nur phasenweise.

Krzysztof Piątek fremdelt

Gegen Augsburg traf der Pole noch und beteiligte sich auch ansonsten am Offensivspiel der Hertha. Gegen Dortmund nun wirkte er wie ein absoluter Fremdkörper. Kaum ein Anspiel, dass ihn erreichte. Und wenn Piątek Anstalten machte, sich freizulaufen, verlagerten seine Kollegen das Spielgeschehen mit schöner Regelmäßigkeit in genau die andere Richtung. Weshalb Herthas Nummer neun in der 60. Minute auch einfach abwinkte, als er mal wieder eine andere Idee hatte als seine Mitspieler. Am Ende standen so gruselige null Torschüsse nach 90 Minuten zu Buche.

Sendung: rbb UM6, 22.11.2020, 18:15 Uhr

Beitrag von Ilja Behnisch

1 Kommentar

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 1.

    Gut gemeinter Text. Man könnte den Spielverlauf auch folgendermaßen beschreiben: Dortmund spielte in der ersten Hälfte energiesparend um nach der (Länderspiel-)Pause wieder "rein-zu-kommen". dabei schoß die Hertha ein Tor. In der zweiten Halbzeit wurde dann ein Gang höher geschaltet und innerhalb von 3 Minuten!? war die ganze Träumerei beendet. Hertha ist meilenweit von "einer guten, bzw. einer sehr guten Mannschaft entfernt. Die hochfliegenden Ambitionen sind ja völlig in Ordnung, aber dazu gehören Kontinuität. Die holt man sich nicht (nur) mit Millioneneinkäufen. Dazu habe ich immer noch den Muff von West-Berlin der 70er und 80er in den Nase. Das war eine schöne Zeit hier zu leben, aber fußballerisch war und ist es auf Funktionärsebene immer noch unterirdisch. Andersrum formuliert: in der ersten Halbzeit ließ man die alte Dame gewähren, in der zweiten Halbzeit hieß es: reicht, danke, Setzen, ne 5.

Das könnte Sie auch interessieren

Jubel Taiwo Awoniyi (Union Berlin) 22.11.2020, Fussball GER, Saison 2020 2021, 1. Bundesliga, 8. Spieltag, 1. FC Köln - 1. FC Union Berlin (Quelle: dpa/Maik Hölter)
dpa/Maik Hölter

Union gewinnt auch in Köln - Ein Sieg als kleine Euphoriebremse

Der glückliche Sieg beim 1. FC Köln zeigt, dass der 1. FC Union Berlin noch viel Arbeit vor sich hat. Die Gastgeber zogen Unions Offensive über weite Strecken den Zahn. Vor den schweren Aufgaben der nächsten Wochen muss sich Urs Fischer eine Lösung überlegen. Von Till Oppermann