Bruno Labbadia (imago images/Mika Volkmann)
Audio: Inforadio | 29.11.2020 | Daniela Müllenborn | Bild: imago images/Mika Volkmann

Herthas Nullnummer in Leverkusen - Etappenziel erreicht

Beim 0:0 in Leverkusen überzeugt Hertha BSC mit einer guten Abwehrleistung. Das verdankt die Mannschaft der akribischen Arbeit ihres Trainers. Dass in der Offensive gleichzeitig wenig funktioniert, offenbart Fehler in der Kaderplanung. Von Till Oppermann

Bruno Labbadias Videoanalyse in Vorbereitung auf Herthas Bundesligaspiel bei Bayer Leverkusen wird einige Spieler an ihre Schulzeit erinnert haben. Angesichts der Gegentorflut im ersten Viertel der Saison spielte der Trainer seiner jungen Mannschaft jeden der bereits 18 Gegentreffer noch einmal vor. Mit einem klaren Ziel: Das Fehlerstudium sollte an die Grundlagen des Verteidigens erinnern. "Ich hatte das Gefühl, dass der ein oder andere noch mal individuell eine Auffrischung braucht." Ein erfolgreicher Ansatz des Fußballlehrers Labbadia, dessen Mannschaft insbesondere wegen einer guten Abwehrleistung am Sonntag gegen die ungeschlagenen Leverkusener einen Punkt gewann.

Hertha verteidigt überzeugend

Man habe gegen eine der formstärksten Mannschaften der Liga gespielt, lobt der Trainer nach dem Spiel folgerichtig: "Deshalb müssen wir diese gute Leistung anerkennen." Nachdem individuelle Fehler und ein unkoordiniertes Anlaufverhalten Hertha nach einer positiven ersten Halbzeit gegen Dortmund noch das Genick gebrochen hatten, verteidigte Labbadias Team bei der Werkself deutlich konzentrierter. Gegen den Ball formierten sich die Herthaner in einem kompakten 4-4-2-System. Während einer der beiden Stürmer Piatek und Lukebakio jeweils den Leverkusener Innenverteidiger im Spielaufbau anliefen, sicherte der andere dahinter die nächste Passoption ab. Weil gleichzeitig die beiden Viererketten im Mittelfeld und in der Abwehr enge Abstände einhielten, versandeten die meisten Ballbesitzphasen der Leverkusener.

Gerade in der Anfangsphase ließen die Berliner ihren Gastgebern keine ruhige Sekunde – sie gewannen in der ersten halben Stunde knapp 60 Prozent der Zweikämpfe. Aussagekräftiger ist eine andere Statistik: Obwohl Leverkusen insgesamt 14 Schüsse auf Alexander Schwolows Tor abfeuerten, weist die Bundesliga für sie nur einen Expected-Goals-Wert (xG) von 0,8 aus. Denn Hertha gelang es zu verhindern, dass Leverkusen in gefährliche Abschlusspositionen kam. Stattdessen musste die Mannschaft von Trainer Peter Bosz immer wieder aus der Distanz schießen. Obwohl sich die Berliner nach der Anfangsphase etwas zurückzogen und erst ab der Mittellinie pressten. Sportdirektor Arne Friedrich – seines Zeichens immerhin doppelter WM-Teilnehmer als Abwehrspieler – lobt: "Wir haben deutlich besser verteidigt."

Labbadia will das Team mit Kontinuität stabilisieren

Und das mit derselben Mannschaft, die noch vergangene Woche heillos überfordert fünf Gegentore hinnehmen musste. Von einer zweiten Chance möchte der Coach trotzdem nicht sprechen. Wegen der vielen Wechsel im Sommer suche man nach Stabilität. "Ich muss der Mannschaft Zeit geben und ihr dabei helfen." Für diese Hilfe bleibt Labbadia weiter der Richtige – trotz der mauen Punkteausbeute. Diese Woche zeigte seine Arbeitsweise exemplarisch. Mit der wackeligen Defensive lag das Problem auf der Hand. Mit viel Kommunikation und einer akribischen Analyse gelang es die Fehler abzustellen. Innerhalb von einer Woche gelang eine sichtbare Weiterentwicklung. Angesichts der neu zusammengewürfelten Mannschaft sollte man Bruno Labbadias Arbeit weniger daran messen, ob Hertha den heiß ersehnten Europapokal erreicht, sondern viel mehr daran, ob es gelingt die fußballerischen Schwächen zu beheben.

Die nächste hat Arne Friedrich bereits identifiziert: "Wir wollten Leverkusen unter Druck setzen, das ist nicht gelungen." Nur eine Ecke im gesamten Spiel und kein einziger Torschuss im zweiten Durchgang sprechen eine klare Sprache. Der Tribut, den Herthas stabile Defensive forderte, war die Torgefahr. "Offensiv haben wir leider nicht unser bestes Spiel gemacht und ein wenig die Durchschlagskraft vermissen lassen", analysiert Friedrich. Es wäre mehr möglich gewesen. In der Anfangsphase schlug Kapitän Dedryck Boyata beispielsweise einen langen Ball hinter die Abwehrkette der Leverkusener und brachte so den flinken Dodi Lukebakio in eine gefährliche Position. Leider blieb das die einzige gefährliche Aktion im Leverkusener Strafraum. Gerade im Umschaltspiel brachten sich die Berliner nach guten Ballgewinnen mit ungenauen Konterpässen mehrere Male selbst um Chancen. "Wenn wir das klarer ausspielen, können wir Tore machen", sagt auch Labbadia. "Das müssen wir noch besser trainieren."

Dem teuren Kader fehlt die Ausgewogenheit

Man darf gespannt sein, ob das reichen wird. Insbesondere in diesen Spielsituationen wurde deutlich, dass Labbadia trotz der Investorenmillionen von Lars Windhorst über keinen ausgewogenen Kader verfügt. Sinnbildlich dafür steht Niklas Stark. Der zum Sechser umfunktionierte Innenverteidiger absolvierte am Sonntag ein gutes Spiel – zumindest gegen den Ball. Seine intelligente Organisation in der Zentrale und eine gesunde Zweikampfhärte waren zwei Gründe für den stabilen Defensivverbund. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass seine schlecht getimten und ungenauen Zuspiele in den Lauf von Lukebakio und Matheus Cunha mehrere Konter im Keim erstickten. Ohne seinen Nebenmann – die Last-Minute-Leihgabe Matteo Guendouzi – wäre ein halbwegs geordneter Spielaufbau undenkbar. Um die hochgesteckten Ziele zu erreichen, fehlt Hertha BSC derzeit ein defensiver Mittelfeldspieler von gehobener Bundesligaklasse. Er könnte Offensive und Defensive ausbalancieren.

Als Labbadia für die Schlussoffensive dann als Wechseloptionen nur Nachwuchsmann Jessic Ngankam und Dauerreservist Matthew Leckie blieben, offenbarte sich die nächste Schwachstelle. Auch auf der offensiven Außenbahn sollte Hertha BSC nachlegen. Solange Labbadia gerade in Zeiten vieler Verletzungen den Mangel einer chaotischen Sommertransferperiode verwalten muss, wird die angestrebte Entwicklung schwierig. Der Trainer zeigt sich trotzdem vom Weg seiner Mannschaft überzeugt: "Wenn wir so weitermachen, werden die Dinge kommen." Zumindest hat er nun positiveres Anschauungsmaterial für die Videoanalyse. Am kommenden Freitag gastiert mit dem 1. FC Union Berlin die zweitgefährlichste Offensive der Liga im Olympiastadion. Torwart Alexander Schwolow betont erleichtert: "Es ist wichtig, dass wir mit einem guten Gefühl in das Derby gehen."

Sendung: rbb24, 29.11.2020, 21:45 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Was für ein niveauloses Gepöbel. Warum lesen Sie die Spielberichte und kommentieren diese auch noch, wenn
    Sie den Verein nicht mögen? Übrigens, Hertha hat seit zwei Spielen nicht gewonnen und nicht seit sieben!

  2. 2.

    Der 13. Platz in der Tabelle, seit sieben Spielen nicht gewonnen? Etappenziel erreicht? Weil die Hertha nicht auf einen Abstiegsplatz steht? Gut, anscheinend reicht das für den Big-City-Club Hertha BSC Berlin.
    Gott sei Dank, gibt es ein Club in Berlin, der nicht so großkotzig seine haupstädtige Belanglosigkeit artikuliert.

  3. 1.

    eine sehr gute Spielanalyse von Till Oppermann, finde ich.
    Das Trainerteam um Labbadia ist jedenfalls sehr professionell sachlich und dabei clever und erfahren. Es scheint mir derzeit auch richtig zu sein, erstmal defensiv stabil zu werden und nicht zu versuchen, attraktiven Fußball zu spielen. So kommt man wenigstens auf ein paar Unentschieden statt knapper Niederlagen. Erst wenn die Mannschaft sich defensiv stabilisiert hat, kann man es wieder probieren, offensiver und schöner zu spielen. Das ist vielleicht schon drei oder vier Spiele später möglich, vielleicht dauert es auch noch länger aufgrund der vielen späten Transferwechsel/Spielerausfälle. Man muss der Mannschaft wirklich genug Zeit geben, ihre Stabilität dauerhaft zu festigen, mit Ungeduld würde man das Gegenteil erreichen.

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