Jubel Taiwo Awoniyi (Union Berlin) 22.11.2020, Fussball GER, Saison 2020 2021, 1. Bundesliga, 8. Spieltag, 1. FC Köln - 1. FC Union Berlin (Quelle: dpa/Maik Hölter)
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Union gewinnt auch in Köln - Ein Sieg als kleine Euphoriebremse

Der glückliche Sieg beim 1. FC Köln zeigt, dass der 1. FC Union Berlin noch viel Arbeit vor sich hat. Die Gastgeber zogen Unions Offensive über weite Strecken den Zahn. Vor den schweren Aufgaben der nächsten Wochen muss sich Urs Fischer eine Lösung überlegen. Von Till Oppermann

Vielleicht hat Union-Präsident Dirk Zingler am Sonntagabend noch bei DFL-Boss Christian Seifert angerufen. Dann hätte er sich für die Ansetzung bedanken können. Denn die war der Hauptgrund für Union Berlins Auswärtssieg beim 1. FC Köln.

Die Köpenicker zeigten ihre schlechteste Leistung seit der Auftaktniederlage in Augsburg, trafen aber auch auf einen der schwächsten Gegner in der aktuellen Bundesliga-Saison. In Max Kruses Treffer in der 70. Minute fand die Begegnung das Siegtor, das es verdiente: Der Elfmeter war schwach getreten und schon gehalten, im zweiten Versuch drückte Unions Topscorer den Ball dann aber doch über die Linie. Sinnbildlich.

Seit sieben Spielen nicht verloren

Und ärgerlich für Kruse persönlich, der damit die Chance verpasste, einen neuen Bundesliga-Rekord aufzustellen. Er hatte bisher alle seine 16 Elfmeter verwandelt, das war bisher nur dem früheren Schalker und Bochumer Spieler Jochen Abel gelungen. In Köln hätte Nummer 17 fallen können. Weil sein Nachschuss saß und Union gewann, war er nach der Partie am Sky-Mikrofon trotzdem zu Scherzen aufgelegt: "Ich habe den Elfer mit Absicht nicht reingemacht."

Denn statt über ihn persönlich, solle lieber über etwas anderes geschrieben werden: "Wir haben sieben Spiele nicht verloren", so Kruse. Weil das ohne seine Tore und Vorlagen nicht denkbar wäre, lohnt sich der persönliche Blick auf ihn trotzdem. Denn schon vor dem Spiel hatte der Kölner Trainer Markus Gisdol darauf hingewiesen, dass es für seine Mannschaft besonders auf eines ankäme: Max Kruse dürfe nicht im Raum zwischen dem defensiven Mittelfeld und der Abwehr an den Ball kommen.

Köln zeigt, wie man Unions Angriff lähmen kann

"Köln hat Manndeckung gespielt", analysiert Kapitän Christopher Trimmel nach der Partie. Besonders Kruse sei 90 Minuten eng bewacht worden. Tatsächlich wich ihm der gegnerische Sechser Skhiri nicht von der Seite. Und tatsächlich gelang es den Berlinern nicht, an die gute Offensivleistung von vor der Länderspielpause anzuknüpfen. Die Versuche in Kombinationen zu kommen, endeten meist in Fehlpässen. Bis zur 69. Spielminute. Nach einem Ballverlust der Kölner im Aufbauspiel, konnte sich die kompakte Defensive der Gastgeber nicht rechtzeitig formieren.

Endlich hatte Kruse etwas Platz in der gefährlichen Zone zwischen Mittelfeld und Abwehr und leitete sofort mit einem feinen Steilpass auf Sheraldo Becker den Angriff ein, der zum Elfmeter führte. Genau daran scheiterten seine Mitspieler vorher reihenweise. Das lässt zwei Schlüsse zu. Erstens: Es ist unmöglich einen Spieler von Kruses Klasse über 90 Minuten gänzlich unter Kontrolle zu haben. Zweitens: Der 1. FC Köln hat der gesamten Liga vorgemacht, dass man Unions Offensive mit Manndeckung gegen Kruse – eigentlich ein Konzept aus der Mottenkiste des Fußballs – nahezu lahmlegen kann.

Urs Fischer bremst die Euphorie zurecht

So tat Trainer Urs Fischer gut daran auf die Euphoriebremse zu treten. Zwar sind 15 Punkte aus acht Spielen eine herausragende Bilanz, allerdings ging es bisher auch überwiegend gegen schwächere Gegner. Deshalb mochte der Schweizer noch nicht von einer Weiterentwicklung seiner Mannschaft sprechen: "Bei Entwicklung geht es um Konstanz und das ist nach sieben oder acht Spielen noch zu früh." Zumal sich seine Mannschaft am Sonntagabend nicht unbedingt vom Abstiegskandidaten aus dem Rheinland abhob.

Den Ballbesitz teilten sich beide Teams genau gleichmäßig. Die Passquote betrug jeweils nur 79 Prozent und Union gewann am Ende mit 101 Duellen nur einen Zweikampf mehr als der Gegner. Auch die Abschlüsse waren ausgeglichen. Union schoss vier Mal auf das Tor der Kölner, die Geißböcke drei Mal auf das der Berliner. Ein weiterer Abschluss segelte in der Nachspielzeit über den machtlosen Torwart Andreas Luthe an den Innenpfosten. Glück gehabt.

Altes Rezept führt zum Erfolg

Trimmel freut's: "Wenn wir auch solche Spiele gewinnen und geduldig bleiben, dann ist das ein gutes Zeichen." Tatsächlich spielte Union taktisch sehr diszipliniert, kämpfte vorbildlich, ließ defensiv wenig zu und behielt offensiv trotz der fehlenden Durchschlagskraft die Ruhe. Andererseits braucht man Geduld nur, wenn der eigentliche Plan nicht funktioniert. So waren die einzigen Lichtblicke bis zu Kruses Geistesblitz zwei lange Diagonalbälle des Innenverteidigers Marvin Friedrich. Einer führte zu einer Großchance für Marcus Ingvartsen, der andere zum 1:0 durch Stürmer Taiwo Awoniyi.

In diesen Situationen passten sich die Berliner strategisch gut an die Taktik der Kölner an. Um die kompakt zentrierten Gastgeber auseinander zuziehen und Lücken zu öffnen, schoben die Außenverteidiger im Spielaufbau weit an die Seitenlinie. Als die Kölner darauf reagierte öffneten sich in der Mitte einige Lücken, in welche dann die Stürmer der Eisernen starten konnten. Dieses Erfolgsrezept aus der letzten Saison scheint noch zu funktionieren, führte allerdings auch dazu, dass die Zone in der Kruse am gefährlichsten ist, häufig überspielt wurde.

Die schweren Gegner kommen jetzt

Ein Dilemma, das Trainer Fischer schleunigst lösen sollte. Denn die richtig schweren Gegner warten jetzt. In der Hinrunde muss Union unter anderem noch gegen Bayern, Dortmund, Wolfsburg, Leipzig und Leverkusen spielen. In der vergangenen Spielzeit gelang es der Fischer-Elf regelmäßig starke Gegner mit langen Bällen vor große Probleme zu stellen. Allerdings war der damals beste Angreifer des Teams, Sebastian Andersson, prädestiniert für dieses Spiel. Nun heißt die wichtigste Waffe Max Kruse, der für flaches Kombinationsspiel steht. Man darf also gespannt sein, inwiefern es den Unionern gelingt, in den kommenden Wochen die richtige Balance zu finden.

Doch eines ist klar: Sollten die Unioner in diesen Spielen im Aufbau ebenso ungenau und unkonzentriert auftreten wie am Sonntag im Rheinland, sind all diese Überlegungen hinfällig. Denn gegen Robert Lewandowski oder Erling Haaland wären Fehlpässe wie der von Robin Knoche vor dem zwischenzeitlichen Ausgleich der Kölner besonders fatal. Christopher Trimmel erinnert da vorsorglich nochmal daran, dass das Hauptziel der Klassenerhalt bleibe. Dieser ist nach dem hervorragenden Saisonstart nicht unwahrscheinlich. Allerdings bewies das Spiel gegen Köln, wie schnell es auch in die andere Richtung gehen könnte. Aber auch, dass Union sich im Zweifelsfall immer auf Disziplin und Kampf verlassen kann.

Sendung: Inforadio, 23.11.2020, 5 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

3 Kommentare

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  1. 3.

    Jeder Punkt ,ist ein Punkt gegen den Abstieg.
    Gut das Union auf dem Teppich bleibt.

  2. 2.

    Die haben Preetz, einen Sponsor, der versprochene Gelder nicht frei gibt und selbstgefällige Spieler, unmotiviert, lustlos, ...

  3. 1.

    Union hat ein Problem?
    Was hat denn da die Hertha?

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