Unions Verteidiger Marvin Friedrich zeigt an, wer der Favorit ist (imago images/O. Behrendt)
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Union zu Gast in Köln - Die Favoriten-Allergie

Die Länderspielpause kam für den 1.FC Union zur Unzeit. Eine starke Serie katapultierte die Köpenicker bis auf die Europapokalplätze. Nun ist die große Frage: Können die Jungs von Trainer Urs Fischer gegen Köln an die letzten Leistungen anknüpfen? Von Jakob Rüger

Das Personal

Nur drei Unioner waren in den letzten zehn Tagen bei der Nationalmannschaft. Ideale Voraussetzungen, um im Training in Ruhe an den Feinheiten zu arbeiten, während die Konkurrenz ob der Nationalmannschaftsabstellungen stöhnt. Doch auch beim 1.FC Union lief nicht alles nach Plan. Gleich sieben Spieler drohen für das Auswärtsspiel in Köln auszufallen. Die beiden wichtigsten Profis sind sicherlich Mittelfeldmotor Christian Gentner (Wadenblessur) und Stürmer Joel Pohjanpalo, der sich bei der finnischen Nationalmannschaft eine Knochenfraktur im Sprunggelenk zugezogen hat. Er wurde bereits operiert und fällt mindestens bis Anfang des Jahres aus.

Die Form

Der 1.FC Union ist vielleicht so gut wie noch nie in der Fußball-Bundesliga. Seit sechs Spielen ungeschlagen, der zweitbeste Angriff der Liga und auch defensiv machen es die Eisernen weiter jedem Gegner extrem schwer. Eine "Momentaufnahme" sagt Trainer Urs Fischer, der sich weniger über den Tabellenplatz als vielmehr über die schon gesammelten zwölf Punkte freut. Und doch tun sie sich in Köpenick schwer mit der neuen Rolle. Verteidiger Marvin Friedrich verzieht bei der Frage nach der Favoritenrolle das Gesicht, als hätte er in einen Kaktus gefasst: "Wir fahren definitiv nicht als Favorit nach Köln". Eine Herdenreaktion ist das. Auf das Wort "Favorit" reagieren beim 1.FC Union alle allergisch. Dabei heißt das Zauberwort an der Alten Försterei: Selbstvertrauen.

"Man merkt jedem Spieler an, dass vieles einfach leichter fällt, wenn das Selbstvertrauen da ist", analysiert Verteidiger Marvin Friedrich den guten Lauf seiner Mannschaft. "Siege geben Selbstvertrauen und dann traut man sich mit dem Ball auch viel mehr." Die Belohnung war zuletzt ein beeindruckend souveräner 5:0-Heimsieg gegen Aufsteiger Arminia Bielefeld. Es war Unions höchster Bundesligasieg. Auffällig dabei war die Effizienz: Fünf Treffer aus neun Torschüssen sprechen für sich. "Es lief gut vor der Pause, aber vielleicht hat es mal ganz gut getan durchzuschnaufen", ist sich Verteidiger Marvin Friedrich selbst nicht sicher, ob die Länderspielpause nun gut oder eher schlecht für Union war.

Der Gegner

Der 1. FC Köln und Union Berlin marschierten 2019 gemeinsam in die Bundesliga, doch ihre Entwicklung verläuft gegensätzlich. Während die Köpenicker den sonnigen Ausblick vom fünften Tabellenplatz genießen, steckt Köln ganz tief im dunklen Abstiegskeller. Der FC ist seit 17 Bundesligaspielen ohne Sieg. Trainer Markus Gisdol schien bisher dennoch fest im Sattel zu sitzen, doch die kritischen Stimmen in der Domstadt werden immer lauter. Gegen Union droht die Einstellung des Vereinsnegativrekords von 18 Spielen ohne Sieg. Das verhindern sollen auch drei Ex-Berliner im Kölner Trikot. Marius Wolf und Ondrej Duda kickten letzte Saison noch bei Hertha BSC. Sebastian Andersson schoss hingegen seine Tore für Union.

Unioner im Fokus

Die schwere Verletzung von Joel Pohjanpalo war in der Länderspielpause ein Schock in Köpenick. Der Finne kam zuletzt immer besser in Fahrt. Nun muss er im Sturmzentrum mindestens bis Jahresende ersetzt werden. Für die Liverpool-Leihgabe Taiwo Awoniyi ergibt sich damit die große Chance. Der Nigerianer passt mit seiner körperlichen Präsenz, seiner Wucht, Schnelligkeit und seiner Technik ideal ins System von Trainer Urs Fischer. Er könnte vor allem für Max Kruse Räume schaffen. Der wiederum könnte dem 23-Jährigen ein paar Bälle auflegen, immerhin hat Kruse bereits fünf Treffer vorbereitet - Ligaspitze. Awoniyi durfte zwar bislang mit, aber noch nicht selbst jubeln. Sein erstes Bundesligator für den 1.FC Union lässt noch auf sich warten. Herr Kruse, bitte helfen sie!

Besonderheiten

Sebastian Andersson verfolgte bislang einen klaren Karriereplan. Aus der 2. Bundesliga arbeitete er sich bis in die höchste deutsche Spielklasse, wurde im Union-Trikot sogar Nationalspieler und soll langfristig Superstar Zlatan Ibrahimovic im Nationalteam ersetzen. Im Sommer wollte der ruhige, schüchterne Schwede den nächsten Schritt machen und wechselte nach Köln. Dort hoffte er, die Europapokalplätze angreifen zu können. Die Realität für Andersson heißt nun Abstiegskampf. "Andersson ist einer der besten Kopfballspieler der Liga", warnt Marvin Friedrich. "Da heißt es immer eng dran bleiben und robust arbeiten, er darf nicht frei zum Kopfball kommen." Noch ist nicht ganz klar, ob Unions bester Torschütze der vergangenen Saison auch gegen sein Ex-Team auflaufen kann. Nach einer kleinen Operation am Knie arbeitet er am Comeback, es wird knapp für Sonntag.

Sendung: rbb24, 20.11.2020, 16:00 Uhr

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