Interview | Bielefelder und Ex-Unioner Marcel Hartel - "Union ist ein Vorbild für uns"

Ex-Unioner Marcel Hartel im Trikot von Arminia Bielefeld (imago images)
Bild: imago images

Er ist sowohl mit dem 1. FC Union Berlin als auch mit seinem jetzigen Verein, Arminia Bielefeld, in die Bundesliga aufgestiegen. Vor dem direkten Aufeinandertreffen spricht Marcel Hartel über das, was die Eisernen richtig gut machen und mit wem er das Trikot tauschen wird.

rbb|24: Marcel Hartel, hatten Sie in den vergangenen Tagen Kontakt zu Akaki Gogia oder Florian Hübner?

Marcel Hartel: Bis jetzt noch nicht. An den Spieltagen davor aber eigentlich fast immer.

Die beiden Union-Profis gelten als richtig gute Kumpel von Ihnen. Wird da noch der ein oder andere Spruch kommen, bevor es für Sie mit Bielefeld nach Berlin geht?

Nein, das wäre untypisch. Das kann sein, wenn wir mal telefonieren. Aber ich denke eher nicht, dass wir wegen des Spiels eine besondere Nachricht verschicken.

Für Ihren aktuellen Verein Arminia Bielefeld sind nach der langersehnten Bundesliga-Rückkehr sicherlich alle Spiele besonders. Aber prickelt es bei Ihnen noch einmal zusätzlich, wenn es nun nach Köpenick geht?

Das ist definitiv so. Ganz klar. Ich habe dort einfach eine sehr schöne Zeit gehabt und sehr schöne Erinnerungen. Ich bin mit dem Verein und den ganzen Spielern im Guten auseinander gegangen und habe noch einen sehr guten Draht zu einigen Fans. Deswegen freue ich mich einfach, zurückzukommen und im Stadion An der Alten Försterei aufzulaufen. Die emotionale Bindung zu Union ist schon groß. Der Verein ist mir sehr ans Herz gewachsen und wird auch immer drinbleiben. Es ist halt schade, dass keine Zuschauer erlaubt sind. Ich glaube, sonst würde es für mich noch ein Stück schöner und intensiver werden.

Das bislang letzte Mal, dass Sie in diesem Stadion auf dem Rasen standen, war beim Relegations-Rückspiel gegen den VfB Stuttgart. Wie präsent sind Ihnen die Szenen noch, die sich vor, während und nach der Partie abgespielt haben?

Wenn ich an diesen Tag zurückdenke, ist das etwas ganz, ganz Besonderes. Es war eine Sensation - wir haben Geschichte geschrieben. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit. Es ist unvergesslich, wie es nach dem Abpfiff im Stadion An der Alten Försterei gebrannt hat, wie den Emotionen freier Lauf gelassen wurde. Das war für mich der besonderste Moment.

Der Aufstieg des Vereins bedeutete für Sie gleichzeitig den Abschied. Vom Neu-Bundesligisten ging es für Sie - den U21-Nationalspieler - in die zweite Liga. War das eine schwierige Entscheidung, die sich in manchen Momenten womöglich auch wie ein Rückschritt angefühlt hat?

Definitiv war es schwierig nach so einer Phase und in dem Moment, in dem wir aufgestiegen sind, den Verein zu verlassen. Aber ich habe die Entscheidung so getroffen und nicht bereut. In der Saison danach bin ich mit Arminia aufgestiegen - und es war ein überragendes Jahr für mich. Im Vorhinein mag man sagen, ich bin einen Schritt zurückgegangen. Aber für meine Entwicklung waren es drei oder vier Schritte nach vorne.

Was hat damals dazu geführt, dass Sie sich zu diesem Weg aus Köpenick nach Bielefeld entschieden haben?

Es waren natürlich vor allem die Gespräche, die ich mit den Verantwortlichen bei Union hatte - und das, was mir dort gesagt worden ist. Es ist jetzt einfach zu sagen: Ich habe alles richtig gemacht. Das weiß man im Vorhinein nicht, es hätte auch anders laufen können. Aber ich war fest davon überzeugt, dass ich mit Arminia einen Klub habe, mit dem man auf jeden Fall etwas reißen kann. Das haben wir dann auch überragend gemacht. Dass ich so in meiner Vorstellung bestätigt worden bin, war schon auch überraschend für mich. Es war für mich klar, dass wir in der zweiten Liga oben mitspielen werden. Aber dass wir dann als Meister aufgestiegen sind, ist das i-Tüpfelchen oben drauf.

Es waren beim Aufstieg gänzlich andere Umstände als bei Union im Jahr zuvor. Zu Corona-Zeiten - ohne Fans, ohne große Party ...

Es sind zwei verschiedene Aufstiege gewesen. Ohne Frage. Den ersten haben wir am Abend selbst mit voller Hütte gefeiert und danach die Tage weitergemacht. Jetzt bei Arminia waren die Fans leider nicht dabei. Ich glaube, wenn sie es gewesen wären, wäre es ähnlich gewesen wie in Berlin. Ich habe zumindest gehört, dass die Fans hier auch sehr, sehr gut feiern und so etwas eskalieren lassen können. Deshalb ist es im Nachhinein auch umso trauriger, dass wir im Endeffekt ohne sie aufgestiegen sind.

Union hat im ersten Bundesliga-Jahr extrem von der Atmosphäre bei den Heimspielen profitiert - und ist so zum ein oder anderen Punkt getragen worden. Die SchücoArena ist auch als kultiges, lautes Stadion bekannt. Kann es für Arminia als Aufsteiger zum Nachteil werden, dass genau dieser Rückhalt auf den Rängen jetzt fehlt?

Ja, das ist zu 100 Prozent so. Die Fans fehlen uns einfach - dieses große Stück an Unterstützung, das wir bei den Heim-, aber auch den Auswärtsspielen bekommen haben. Als Aufsteiger ist das natürlich besonders schmerzhaft.

Auch wenn aktuell vieles anders ist als sonst. Wie besonders ist für Sie - nach dem zweiten Aufstieg, den Sie maßgeblich mitgeprägt haben - das Gefühl, nun auch selbst in der Bundesliga angekommen zu sein?

Das ist ein unglaubliches Gefühl. Dass ich persönlich zwei Mal hintereinander aufgestiegen bin, können - glaube ich - auch nicht so viele von sich behaupten. Es ist schön, nun endlich dort angekommen zu sein, wo man sein Leben lang hinwollte.

Sie standen bislang in allen sechs Spielen von Beginn an auf dem Platz. Wie zufrieden sind Sie mit sich selbst und Ihrer Entwicklung?

Die Bundesliga ist auch für mich Neuland. Ich habe einiges gelernt aus den ersten sechs Partien. Ich habe mein eigenes Spiel viel analysiert und schon viel daraus gezogen. Es ist ein großes Stück mehr Schnelligkeit auf dem Platz - weniger beim Sprinttempo der einzelnen Spieler, aber der Ball wird einfach schneller laufen gelassen. Man muss da noch schneller im Kopf sein und das Spiel schneller lesen können.

Ihr Team hat mit vier Punkten aus den ersten beiden Spielen richtig gut losgelegt. Doch zuletzt gab es vier Niederlagen in Folge. Wie ist aktuell die Stimmung?

Natürlich sind wir mit den vier Punkten absolut top gestartet. Jetzt haben wir vier Mal nichts geholt, aber dabei auch gegen die zwei besten Mannschaften Deutschlands (Anm. d. Red.: Bayern und Dortmund) gespielt. Dass man da nicht mal eben sechs Punkte holt, ist einfach Fakt. Die Stimmung im Team ist trotzdem positiv. Wir sind eine Mannschaft, die zusammen gewinnt und zusammen verliert. Es ist keine schwere Phase für uns, weil wir wissen, was wir können. Aus den Niederlagen haben wir einiges gelernt und mitgenommen. Nun müssen wir versuchen, es Spiel für Spiel immer weiter umzusetzen.

Und das als vielleicht größter Underdog der Liga ...

Es ist kein Geheimnis, dass viele Leute sagen, dass wir Absteiger Nummer eins sind. Da kann auch jeder seine eigene Meinung haben. Aber ich habe das beste Beispiel letzte Saison gesehen bei Union Berlin. Da hat auch jeder gesagt, dass sie Absteiger Nummer eins sind - und im Endeffekt sind sie immer noch in der Liga und haben eine gute Rolle gespielt. Sie haben wichtige Punkte eingefahren und den ein oder anderen geärgert. Sie sind natürlich auch ein Vorbild für uns. Wir können auch zuversichtlich sein, dass wir die Überraschung schaffen können. Wir sind fest davon überzeugt.

Was für einen Plan hat sich Ihr Team für das Spiel bei diesem Vorbild zurechtgelegt?

Ich erwarte laufintensives Spiel mit vielen Zweikämpfen. Es ist Fakt, dass die Unioner sehr körperbetont spielen. Da müssen wir einfach dagegenhalten und von der ersten Sekunde an genauso aggressiv sein. Es wird - glaube ich - ein spannendes Spiel.

Es könnte sein, dass - je nach Aufstellung - der Bielefelder Offensivspieler Hartel im Spiel öfter mal auf den Köpenicker Defensivspieler Hübner trifft. Ein Duell der Kumpels. Haben Sie einen Vorteil, weil Sie ziemlich genau wissen, wie der ein oder andere bei Union spielt und tickt?

Es ist bestimmt ein kleiner Vorteil, aber gleichzeitig auch ein Nachteil - die Jungs kennen mich schließlich auch ganz gut. Aber ja: Ich weiß, was Hübi kann und was er nicht kann. (lacht)

Und nach dem Spiel gibt’s dann den Trikot-Tausch mit Florian Hübner oder Akaki Gogia?

Oder einfach mit beiden. (lacht)

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Johannes Mohren, rbb Sport.

Sendung: rbb UM6, 06.11.2020, 18:15 Uhr

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