Hertha 03 Zehlendrof beim Spiel in der Oberliga. (Quelle: imago images/Leo)
Audio: Inforadio | 11.11.2020 | Jakob Rüger | Bild: imago images/Leo

Reform der Junioren-Bundesligen - Amateurfußball bei Ausbildung von Talenten ausgebremst

Dem Deutschen Fußball-Bund wird seit geraumer Zeit vorgeworfen, sich immer weiter von seiner Basis, dem Amateurfußball, zu entfernen. Aktuell wird geplant, die Junioren-Bundesligen zu reformieren und zu professionalisieren. Das träfe den Berliner Fußball hart. Von Uri Zahavi

Kamyar Niroumand, Präsident von Hertha 03 Zehlendorf, war sauer. So sauer, dass er sich vor gut drei Wochen hinsetzte und einen Brief schrieb. Das Schreiben richtete sich an den Präsidenten des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), Fritz Keller - und es war öffentlich [h03.de].

Aber was war passiert, das den 60-Jährigen zu einer derart drastischen Maßnahme veranlasste? Mitte Oktober gab der DFB bekannt, die Bundesligen der A- und B-Junioren zum Jahr 2022 reformieren zu wollen. Wobei der Begriff "reformieren" das eigentliche Vorhaben sogar noch etwas abschwächt. Die A- und B-Junioren-Bundesligen sollen in ihrer jetzigen Form abgeschafft werden.

Stattdessen soll ein neuer Wettbewerb geschaffen werden, in dem sich nur noch Vereine mit einem Nachwuchsleistungszentrum untereinander duellieren. Ein geschlossenes Ligensystem ohne Absteiger. Anders als bislang, würden sich Vereine nicht mehr sportlich qualifizieren können. Niroumand nennt das in seinem offenen Brief einen "Schlag ins Gesicht" der Amateurvereine.

Kamyar Niroumand bei einer Veranstaltung. Quelle: imago images/Sven Simon
Kamyar Niroumand, Präsident von Hertha 03 Zehlendorf. | Bild: imago images/Sven Simon

Amateurvereine fühlen sich vom Wettbewerb ausgeschlossen

"Das ist ein Ausschluss der Amateurvereine", sagt Niroumand rbb|24, "jeder Verein, der nicht zum Profilager mit Nachwuchsleistungszentrum gehört, wird von Wettbewerben ausgeschlossen."

Die Kluft zwischen Profi- und Amateurfußball würde weiter wachsen, der DFB sich weiter vom Amateursport entfernen. Auch Niroumands Verein Hertha 03 Zehlendorf ist betroffen - die B-Junioren spielen in Deutschlands höchster Spielklasse.

Doch was will der DFB damit bezwecken? "Es ist richtig, dass wir die Junioren-Wettbewerbe neu strukturieren und optimieren wollen, um unsere Spieler altersgerechter zu fördern", erklärte der sportliche Leiter Nationalmannschaften, Joti Chatzialexiou, im Oktober. Die Elite soll noch strukturierter aufgebaut werden, die Stars von Morgen noch gezielter, ganz ohne Ergebnisdruck durch einen möglichen Abstieg, geformt werden. Der Fokus soll weg vom nächsten kurzfristigen Punktspiel und hin zur detaillierteren und langfristigen Arbeit.

Alle Profivereine der Bundesligen müssen ein Nachwuchsleitungszentrum haben. Amateurvereine können sich ein solches oft nicht leisten. Laut Kamyar Niroumand käme, um im Konzert der Großen mitzuspielen, eine hohe sechsstellige Investition auf Hertha Zehlendorf zu. "Das können wir finanziell nicht darstellen. Das ist vom DFB auch bewusst so gewählt, dass sich nach Möglichkeit wenige Amateurvereine da anmelden." Harte Worte.

Hoffnung auf Widerstand

Eine Neu-Konzeptionierung der Jugend-Bundesligen hätte für Amateurvereine, laut Niroumand, auch erhebliche finanzielle Folgen. So würden sich Talente in Zukunft deutlich seltener Amateurvereinen anschließen. Eine logische Konsequenz, wenn die Perspektive, sich mit den großen Klubs und besten Talenten des Landes zu messen und möglicherweise gescoutet zu werden, schwindet.

Im Zuge dessen fielen auch die sogenannten Ausbildungsentschädigungen weg. Das sind Zahlungen, die an Heimatvereine von Fußballern fließen, wenn die im Profibereich für viel Geld wechseln. "Hertha Zehlendorf hat in den letzten neun Jahren über eine Million Euro Nachwuchsförderung bekommen", rechnet Niroumand vor, "auch die würde wegfallen."

Bislang ist die Reform nur ein Vorschlag und muss beim DFB noch in diversen Gremien abgenickt werden. Es bleibt also noch genug Zeit, sich zu positionieren. "Ich hoffe, dass die Amateurvereine den Mut zeigen, sich dagegen zu wehren", sagt Niroumand. Sein offener Brief an DFB-Boss Keller sorgte in den sozialen Netzwerken zumindest schon mal für Aufregung. Eine Antwort auf das Schreiben gab es erst zehn Tage später. "Er zeigte sich enttäuscht, dass er den Unmut aus der Presse erfahren musste", erklärt Niroumand. Gut möglich, dass es nicht der letzte Brief an den DFB-Präsidenten gewesen sein wird.

Sendung: Inforadio, 11.11.2020, 10:15 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Der DFB bleibt seinem Trend weiter treu. Schade um unsere Sportart. Im Amateurfußball brechen teilweise massiv die Mitgliederzahlen weg und der DFB hat nichts besseres zu tun, als die Spitze weiter zu stärken. Na Applaus.

    Ich kann auch nicht sehen, warum die Amateurvereine in der Nachwuchsförderung so sehr ausgebremst werden müssen. Sie sind doch die Treiber des Erfolges und nicht die NLZ, die häufig nur die letzten Jahre einer langen Entwicklung der Jugendlichen begleiten.

    Für ein Umdenken gibt es nur einen Weg:
    Fußballabos kündigen, nur noch bei e. V.`s konsumieren und die sinnbefreite Mitgliedschaft in Profiklubs kündigen. Dann wachen die da oben endlich mal auf und sehen, dass eine Sportart langsam verhungert.

  2. 1.

    Der DFB entfernt sich immer mehr von der Basis! Und ich dachte wirklich, daß mit dem Freiburger Keller beim DFB alles besser wird! Da habe ich mich wohl gründlich geirrt! Dann braucht sich der DFB sich auch nicht wundern, daß die Fans der Nationalmannschaft in Scharen weglaufen!

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