Max Kruse jubelt über seinen Treffer gegen Frankfurt. (Quelle: imago images/Matthias Koch)
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Serie | Der Derby-Countdown - Fünf Gründe für einen Sieg von Union

Das Hauptstadtderby bedeutet mehr als nur drei Punkte. Es geht um die Ehre. Union geht überraschend als leichter Favorit in die Fußball-Bundesliga-Partie. Die Köpenicker haben noch etwas gut zu machen - und ein Spieler will in die Geschichtsbücher. Von Uri Zahavi

Was für einen Sieg von Hertha spricht, haben wir hier aufgeschrieben.

1. We are family

Um eine wirklich gute Fußballmannschaft zu sein, braucht es mehr als begnadete Individualisten. Dass ein Kicker mit bunten Schuhen drei Übersteiger verletzungsfrei auf den Rasen bringt, ist zwar ein "nice to have" - aber um nachhaltig erfolgreich zu sein, muss aus vielen Einzelkönnern eine Einheit geformt werden. Das ist dem 1. FC Union, der für familiäre Verhältnisse bekannt ist, in dieser Saison mal wieder eindrucksvoll gelungen. "Von den Trainern, über die Betreuer bis zum Letzten im Team - alle halten zusammen. Wie eine Familie", bestätigt auch Neuzugang Taiwo Awoniyi den Eindruck. Der seit nunmehr acht Spielen in Folge anhaltende Lauf der Eisernen ohne Niederlage trägt zur guten Stimmung in der Family sicherlich bei.

Das haben die Köpenicker den blau-weißen Charlottenburgern voraus - sie sind ein eingeschworener Haufen und in der Lage, auch schwächere Spiele gemeinsam durchzustehen und letztendlich erfolgreich zu bestreiten. Der 2:1-Sieg in Köln ist das perfekte Anschauungsbeispiel: Union war weder spielerisch überlegen, noch standen sie in der Abwehr sonderlich sicher. Das Team wackelte - aber es fiel eben nicht. Wie eine Familie standen die elf Männer auf dem Platz und der Rest der Meute auf der Bank zusammen. Und einer hält das Gesamtgefüge zusammen: "Er redet sehr viel mit uns - er ist wie ein Vater zu mir", sagte Stürmer Awoniyi jüngst über das Familien-Oberhaupt. Dreimal dürfen Sie raten, wer das ist...

2. Papa Fischer regelt

Na klar, Herbergsvater Urs Fischer. Der ruhige Schweizer hat seine Jungs im Griff - er weiß genau, wie er sie anzupacken hat. Fischer findet die Mischung aus langer Leine, wie beispielsweise beim ständig livestreamenden und sich in den sozialen Netzwerken profilierenden Max Kruse, und Kontrolle. Der Schweizer fordert im Training Akribie und den totalen Fokus. Wenn er diese Dinge von den Spielern bekommt, dann gib es für sie auch gewisse Freiheiten.

Zurücklehnen und sich im aktuellen Erfolg sonnen ist trotzdem keine Option. Das gilt für die Mannschaft im Großen, aber auch für jeden Einzelnen im Kleinen. "Max ist noch nicht bei 100 Prozent", sinnierte der 54-Jährige neulich auf einer Pressekonferenz beispielswiese über den Fitnesszustand von Max Kruse - der hatte zuvor gegen Hoffenheim zwei Tore vorbereitet und eins selbst gemacht. Das Motto: Nur nicht satt werden.

Der Coach ist Realist. Und Pragmatiker. Nach, zugegeben, sensationellem Saisonstart ist der Übungsleiter ähnlich weit von Euphorie und Hype entfernt wie Stadtrivale Hertha BSC von den internationalen Rängen. Apropos: Falls Sie Urs Fischer mal über den Weg laufen sollten, umkurven Sie, egal wie, das Thema europäischer Fußball. Oder genauer gesagt, Unions - laut Fischer - non-existenten Ambitionen diesbezüglich. "Dumm, dumm und doof", bezeichnete Fischer die Auslassung eines Journalisten, der die Köpenicker eher im Kampf um Europa als im Abstiegskampf verortete. Rumms. Da wird sogar der so ruhige Chefcoach bissig.

3. Schmach-Dynamik umkehren

Bissig ist ein gutes Stichwort - denn dieses Attribut fehlte den Rot-Weißen im vorigen Hauptstadtderby Ende Mai im Olympiastadion. Das Ergebnis: Schmerz, Schmach und schwere Stunden - ach ja, es gab auch vier Gegentore. Es ist doch am Ende ganz einfach: Wenn dich der Stadtrivale mit 4:0 vermöbelt, dann lassen dich das die gegnerischen Fans nie wieder vergessen - schon gar nicht im Netz. Zur besseren Verinnerlichung dieses Umstandes empfehlen wir einen kurzen Besuch auf unserer Facebook-Seite "rbb Sport" - wer es schafft, alle stichelnden "4:0"-Kommentare von Hertha-Anhängern Richtung Union-Fans im vergangenen halben Jahr zu zählen, hat definitiv zu viel Freizeit. Dieses Piesacken geht so lange, bis ein neues Derby-Kapitel geschrieben wird.

Lange Rede, kurzer Sinn: Union Berlin hat eine Mission. Vielleicht sogar eine wichtigere und unumstößlichere als Hertha - wenn wir dieses eine Spiel, das Derby, losgelöst vom bisherigen Saisonverlauf betrachten. Für die Köpenicker gilt es, die Schmach-Dynamik umzukehren. Eine weitere Derby-Pleite würde eine potenziell großartige Saison, die tabellarisch möglicherweise vor dem Stadtrivalen endet, zumindest aus Berliner Binnensicht schmälern. Das gilt es mit aller Macht zu verhindern.

4. Die Köpenicker Renaissance - ein Spielstil mit der Betonung auf Spiel

So eine starke Saison haben den Köpenickern im Sommer die wenigsten zugetraut. Gerade weil mit dem Abgang von Sebastian Andersson der bester Torschütze (12 Saisonstore), offensive Schlüsselspieler und Fixpunkt in Urs Fischers System für die Vereins-Rekordsumme von 6,5 Millionen Euro nach Köln wechselte. Doch genau das zwang Trainer und Mannschaft, sich in der Offensive neu zu erfinden. Der Weg führte weg vom Andersson-fixierten Hauruck-Fußball, dessen Quintessenz lange Bälle und Flanken auf den Schweden waren, hin zu gepflegterem, flexiblerem und durchdachterem Kombinationsspiel. Die Kugel auf dem Boden zu halten, wandelte sich von einer akzeptablen Option zur Priorität. "Anderssons Abgang hat vielleicht ein bisschen dabei geholfen, kreativer zu werden", gab Trainer Urs Fischer zu.

Um diese These greifbar zu machen, helfen die aktuellen Statistiken: Bei Union haben nach neun Spieltagen bereits elf verschiedene Spieler Tore erzielt - das kann keine andere Mannschaft in der Liga von sich behaupten. Abhängigkeit von einem einzelnen Spieler, wie in der vergangenen Saison von Andersson, liest sich anders. Nach dem 3:3-Torspektakel gegen Frankfurt haben die Eisernen in neun Partien 21 Mal eingenetzt - zum Vergleich: In der vergangenen Spielzeit gelang das zum selben Zeitpunkt nur neun Mal. Außerdem hat Union deutlich mehr Ballbesitz als noch in der Premierensaison in der Bundesliga - die Transformation, vom "kick and rush" hin zum dominanteren Ballbesitzfußball ist geschafft. Und ja, einer sticht dabei heraus...

5. Kruse-Love is true love

Dieser Typ, ey. Wer Max Kruse in den sozialen Medien folgt oder die Klatschspalten der Boulevard-Zeitungen liest, die der 32-Jährige regelmäßig füllt, würde nicht im Traum auf die Idee kommen, Kruse sei Unions Schlüsselfigur auf dem Platz. Unzählige nächtliche Zockerrunden inklusive Livestreams, öffentliche (nicht ganz jugendfreie) Kritik an der Polizei nach einer Geschwindigkeitskontrolle, Shisha-Rauchen mit Fremden in einer Berliner Bar - das riecht schon durchaus nach Skandalnudel. Aber dass Genie und Wahnsinn eng beieinander liegen, ist kein Geheimnis. Wer auch nur den Hauch eines Zweifels an Max Kruses fußballerischen Qualitäten haben sollte, dem sei ein Blick auf dessen 3:3-Ausgleichstreffer gegen Eintracht Frankfurt empfohlen - Trainer Urs Fischer ist der Empfehlung bereits gefolgt.

"Ich habe mir das Tor nochmals von der Hintertor-Kamera angeschaut. Die Flugbahn ist wirklich außergewöhnlich. Den hat er schon toll getroffen", lobte Fischer nach der Partie - und das will beim Schweizer schon etwas heißen. Kruse ist mit sechs eigenen Treffern und fünf Assists an mehr als der Hälfte aller Berliner Tore beteiligt. Dass der Ex-Nationalspieler quasi die gesamte Vorbereitung wegen einer Fußblessur verpasste, ist ihm überhaupt nicht anzumerken. Kruse ist in einem funktionierenden Kollektiv der Leuchtturm, an dem sich alle anderen orientieren. Im Derby gegen Hertha hat er nun die Chance, für immer ein Köpenicker Held zu werden. Solche Möglichkeiten lässt er normalerweise selten aus.

Beitrag von Uri Zahavi

6 Kommentare

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  1. 6.

    Frolex, hier mal der kleine Unterschied:
    Hertha hat seit dem 06.06.20 bis heute
    13 mal verloren, 2 mal unentschieden gespielt und ist aus dem Pokal = Platz 13 - nicht weit von der Abstiegszone
    Union Berlin hat im gleichen Zeitraum (da zähle ich nur die) 16 mal gewonnen = Platz 6 - Europaliga und vielleicht ab Freitag Liga.
    Ja, da braucht man nun wirklich nicht viel Ahnung zu haben, die Zähle sprechen für sich.

  2. 5.

    @ Frolli: Naja, das Torverhältnis ist jetzt nicht der allererste Parameter beim Berechnen einer Gesamtbilanz zweier Mannschaften.
    In der 1. Liga haben beide Teams je einmal gewonnen und verloren; in der 2. Liga ebenso zuzüglich zweier Unentschieden.
    Ja, das Torverhältnis liegt zugunsten der Hertha, aber dennoch ist die Bilanz ziemlich ausgeglichen.

    @ rbb: Gibt es auch noch einen Beitrag "Fünf Gründe für ein Unentschieden"? ;-)

  3. 2.

    Leider hat der offensichtliche Hertha-Fan, der diesen Bericht geschrieben hat, die Spieler auf dem Artikel-Foto nicht gesehen.
    Das wäre dann Punkt 6: Freude, Spielfreude, Kampfgeist, Einstellung, .... - Dinge, die der Hertha fehlen.

  4. 1.

    Wovon redet der Redakteur hier? "Schmach-Dynamik umkehren"? Wenn ich es richtig lese, steht es Paripari.
    Wahrscheinlich ist der Redakteur der Schmach-Dynamik erlegen. Hertha-Fans sollten nicht versuchen, Union Berlin zu analysieren. ;-))

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