Stefan Kretzschmar in der Max-Schmeling-Halle auf der Trainerbank. (Quelle: imago images/Jan Huebner)
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Interview | Füchse-Vorstand Sport Stefan Kretzschmar - "Das war für mich emotional ein Stich ins Herz"

Die Füchse Berlin stehen vor zwei Topspielen: Innerhalb von vier Tagen geht es gegen Rekordmeister Kiel und Flensburg. Stefan Kretzschmar, Vorstand Sport, blickt im Interview zurück auf den holprigen Saisonstart, hat aber weiter große Ziele für die Spielzeit.

rbb|24 zeigt das Spiel der Füchse gegen Flensburg am Sonntag ab 13:10 Uhr im Livestream.

rbb|24: Sie sind Ende Februar als Vorstand Sport bei den Füchsen Berlin eingestiegen. Nur ein paar Wochen später schlug Corona zu – wie gut konnten Sie jetzt eigentlich Ihren Job ausüben?

Stefan Kretzschmar: Ich habe meine Arbeit gemacht, als würde es Corona nicht geben - das betraf vor allem auch die Transfers für die vergangene Saison. Die waren dann natürlich hinfällig (Anm. d. Red.: die Saison der Handball-Bundesliga wurde am 21. April abgebrochen). Wir haben auch nochmal den Trainer ausgetauscht, weil wir uns Chancen auf die Champions-League-Plätze ausgerechnet hatten. Da habe ich dann auch volle Unterstützung und freie Hand vom Verein bekommen - natürlich immer in enger Absprache mit Bob Hanning.

Für diese Saison war mir eigentlich letztes und vorletztes Jahr schon klar, welche Spieler ich gerne hätte und welche Positionen ich gerne verändern würde. Insofern war die Arbeit nicht unbedingt von Corona geprägt. Ich habe das eben immer so interpretiert, dass Corona irgendwann vorbei sein wird. Und dann müssen wir eine schlagkräftige Mannschaft beisammen haben. Idealerweise eine, die breit aufgestellt ist.

Wie ist denn die Arbeitsteilung zwischen Ihnen und Bob Hanning in der Praxis?

Da gibt es keine klaren Grenzen. Wir telefonieren täglich und sprechen uns in allem ab, was anliegt. Das ist nicht in erster Linie der sportliche, sondern vor allem der wirtschaftliche Bereich. Da geht es beispielsweise darum, neue Sponsoren zu akquirieren und die bestehenden zu beruhigen und sie bei der Stange zu halten, damit wir als Verein überhaupt überleben können. Das war nicht immer einfach, wurde aber durch die Bekenntnisse der Sponsoren zum Verein immer leichter.

Außerdem haben wir viel über die Zuschauersituation und unsere Hygienekonzepte gesprochen. Sachen, mit denen du dich nie beschäftigen musstest, sind auf einmal wichtig. Und natürlich musst du auch auf die einzelnen Spiele und die Leistungen reagieren - mal mit Spielern in Einzelgespräche gehen. Insgesamt funktioniert die Zusammenarbeit mit Bob Hanning sensationell.

Der Start in die Saison war durchwachsen, momentan stehen die Füchse im Tabellenmittelfeld. Wie würden Sie die erste Saisonphase beschreiben?

Zunächst: In der Vorbereitung habe ich einen sehr guten Eindruck von der Mannschaft bekommen. In Nordhorn war der Start schwierig, doch der Tiefpunkt der Saison kam ziemlich früh mit dem Heimspiel gegen Magdeburg, der für mich auch emotional ein Stich ins Herz war. Dass wir da zuhause mit zehn Toren Unterschied verloren haben, habe ich die Mannschaft spüren lassen. Das fanden die Jungs nicht so gut, dass ich mehrere Tage nicht mit ihnen gesprochen habe. Der Ton dann war auch nicht der freundliche, den sie aus der Vorbereitung kannten. Ich habe das schon ein bisschen persönlich genommen.

Dann muss man aber erkennen - und das ist nicht meine größte Stärke - dass Geduld auch entscheidend ist. Also mit einem neuen Trainer und neuen Spielern zu arbeiten, die auf entscheidenden Positionen dazugekommen sind, das muss sich erst finden. Da bin ich selbst zu ungeduldig. Bewegungsabläufe und Timing brauchen Zeit. Deswegen bin ich auch mit dem Punktestand nicht so unzufrieden. 7:5 klingt jetzt erstmal nicht so besonders, aber die Saison dauert bis Ende Juli und wir haben noch 33 Spieltage zu absolvieren. Deshalb bin ich heute relativ gelassen. Weil ich weiß, was diese Mannschaft kann. Ich bin nach wie vor guter Dinge, dass diese Mannschaft um die Meisterschaft mitspielen kann.

Wie schlägt man denn eigentlich Gegner, die besser drauf sind als man selbst? Den nächsten beispielsweise - Kiel ist Rekordmeister und aktueller Tabellenführer …

... normalerweise ist es schwer, in dieser Saison ist es relativ leicht: Jeder kann jeden schlagen. Jede Mannschaft rechnet sich in jedem Spiel etwas aus. Und dazu gibt es allen Grund. Jeder in dieser Liga kann mittlerweile Handball spielen. Jetzt müssen wir nach Kiel und dann kommt Flensburg – das ist sicherlich das Nonplusultra im Moment.

Aber auch diese Teams haben schon hoch verloren in dieser Saison und diese Spiele gilt es gut zu analysieren. Die Zeiten, in denen man nach Kiel gefahren ist und gesagt hat 'Mann, hoffentlich verlieren wir nur mit Vier' sind vorbei. Unserer Mannschaft traue ich durchaus zu, beide Spiele zu gewinnen. Wenn sich jeder in unserer Mannschaft mit seiner Rolle abfindet – auch wenn er pro Halbzeit nur zehn bis fünfzehn Minuten spielt. In denen muss er dann alles reinhauen.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Spieler durch die vielen Verletzungen in den vergangenen Jahren auf dem Zahnfleisch gegangen sind und gesagt haben: 'Mensch, es liegt an mir. Ich muss jedes Spiel 60 Minuten durchspielen. Ich kann nicht mehr.' Und jetzt suchen Spieler nach neuen Ausreden, weil der Zustand sich geändert hat und sagen auf einmal: 'Ich spiel ja nur 15 Minuten pro Spiel, das ist ein bisschen wenig.'

Spieler haben die schlechte Angewohnheit, ich kenne das von mir selbst, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, wenn es mal nicht so läuft. Damit müssen wir aufhören. Die Mannschaft muss sich dessen bewusst werden, was sie kann. Wenn dieser Schalter umgelegt wird, dann können wir jeden in dieser Liga schlagen.

Sendung: rbb UM6, 11.11.2020, 18:00 Uhr

Das Gespräch führte Dennis Wiese für den rbb Sport.

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