Tabea Kemme (Quelle: imago images/foto2press)
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Interview | Ex-Turbine-Profi Tabea Kemme - "Das ist einfach eine Goldgrube hier"

Tabea Kemme war eines der Gesichter von Turbine Potsdam: Ein Jahrzehnt prägte sie den Fußball-Bundesligisten, ehe sie nach London ging. Seit knapp einem Jahr ist sie nun zurück und spricht über ihre Karriere, Ziele - und die Potenziale der Sportstadt Potsdam.

rbb|24: Tabea Kemme, Sie haben lange für Turbine Potsdam gespielt, sind dann 2018 nach London gewechselt. Vor einem knappen Jahr haben Sie ihre Karriere bei Arsenal verletzungsbedingt beenden müssen. Nun treffen wir Sie in der Geschäftsstelle von Turbine. Gibt es da wieder neue alte Anbindungen?

Tabea Kemme: Was heißt neu oder alt? Ich komme halt nach Hause. Es gibt nichts Offizielles - und auch keinen weiteren Plan. Aber ich weiß es wertzuschätzen, in was für einem Verbundsystem ich hier in Potsdam gefördert wurde - mit Olympiastützpunkt, Landesverband, Nachwuchsförderung und Turbine als Verein.

Sie standen zehn Jahre für Turbine in der ersten Mannschaft auf dem Platz und haben zeitgleich studiert, sind Polizeikommissarin geworden. Nehmen Sie diesen Faden wieder auf?

Da bin ich gerade dabei. Bis Ende dieses Jahres bin ich noch in der Sportfördergruppe. Ab nächstem Jahr werde ich der Seriosität im Leben etwas weiter entgegengehen. (lacht) Da wird sich eine Stelle ergeben für mich.

Nach Ihrem Wechsel nach London zu Arsenal haben Sie verletzungsbedingt nur noch drei Spiele absolvieren können. Wie bitter war es, die Karriere schon mit 28 Jahren beenden zu müssen - noch ehe das Auslandsabenteuer so richtig begonnen hatte?

Ich bin Optimistin und habe so viel gelernt in diesen eineinhalb Jahren. Rein sportlich, ganz ehrlich, ist es miserabel gelaufen. Ich hatte irgendwie immer Probleme und war vermehrt in der Reha. Aber die Zeit, die ich auf dem Platz war, habe ich so genossen. Man lernt auch, damit umzugehen. Man lernt, die Signale des Körpers wahrzunehmen. So sehr, dass ich eine Entscheidung fällen konnte. Es war nicht so, dass ich es musste, aber ich habe gemerkt, dass meine positive Lebenseinstellung beeinträchtigt war. Da hatte ich keine Lust drauf. Und deswegen habe ich gesagt: Bis hierhin und nicht weiter!

Blicken wir ein wenig auf Ihre Karriere zurück. Sie sind 2006 auf die Sportschule Potsdam gekommen - als damals 14-Jährige ...

Ich bin total blauäugig an die Sache rangegangen. Es hieß: Du kannst deinen Schulabschluss machen und du kannst Fußball spielen. Zwei Mal am Tag. Die Entscheidung war innerhalb von zwei Monaten gefällt. Also habe ich mein Täschchen genommen und bin hier ins Sportinternat eingezogen.

2008 sind Sie in die erste Mannschaft aufgerückt, haben vier Meistertitel und die Champions League gewonnen. Wie war die Zeit für Sie persönlich?

Ich bin hierhergekommen - da wusste ich gar nichts vom Verein Turbine Potsdam. Das kam erst durch die Zeit im Nachwuchs. Ich erinnere mich zu gern daran, dass ich mal mit der U15-Ballmädchen im Karl-Liebknecht-Stadion war. Ich durfte Nadine Angerer die Bälle zuwerfen. Und schwuppdiwupp wurde ich zwei Jahre später ins kalte Wasser geworfen, habe gleich gespielt bei Bernd Schröder und dann diese erfolgreichen Jahre! Das verging so schnell. Aber wenn man es im Nachhinein reflektiert, dann kommt schon die Gänsehaut.

Sie sind Nationalspielerin und Olympiasiegerin geworden. War der Triumph in Rio de Janeiro das sportliche Highlight Ihrer Karriere?

Auf jeden Fall. Olympia steht über allem. Das war ein richtiges Event, das wir da erlebt haben. Fünf Wochen in Brasilien, in einer Kultur, die ich lieben gelernt habe. Diese Offenheit! Da habe ich mich sauwohl gefühlt.

Der letzte Titel von Turbine datiert aus dem Jahr 2012. Welche Entwicklung hat der Verein verpasst?

Ich glaube, es sind viele Komponenten, die da aufeinanderfolgen. Acht Jahre sind eine verdammt lange Zeit, die man reflektieren muss: Was hat man gemacht - was hat man nicht gemacht? Und ich glaube, das ist die größte Frage, der man sich stellen muss: Was hat man nicht gemacht? Wovon ich als kleines Mädchen profitieren durfte, war das Verbundsystem. Wir hatten qualitativ richtig gutes Training, wir wurden gefördert - über den Landesverband, über den Olympiastützpunkt und vom Verein. Und dieses System gibt es auch noch, aber da geht es um die Zusammenarbeit. Und das ist ein ganz großes Problem in meinen Augen. Ich sehe das Potenzial und es juckt mich ein bisschen in den Fingern. Wenn ich die kleinen Mädels sehe, die Ziele haben, die etwas erreichen wollen, die kann man noch besser supporten.

An welcher Stelle sehen Sie sich da?

Das ist eine gute Frage. Als Trainerin sehe ich mich noch nicht, der Schritt ist noch zu groß. Ich sehe das Problem in der Zusammenarbeit. Und wenn es jemanden gibt, der die Dinge kommuniziert - auch vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrung in diesem System - dann sehe ich eher da meine Position.

Deuten Sie die Anstellung des Vollzeit-Trainers Sofian Chahed als einen Versuch, sich professioneller aufzustellen?

Ganz klar, das ist wirklich ein wichtiger Schritt der Professionalisierung: Stellen zu schaffen, die auch in Vollzeit besetzt werden. Das geht auch über die Trainerstelle hinaus. Geschäftsleiter, Sportdirektor - das sind Facetten, die man noch umsetzen kann. Da stellt sich nur die Frage nach der Bereitschaft des Vereins und der Funktionäre. Sehen sie überhaupt die Problematik - ist es für sie eine? Das fängt schon bei der medizinischen Abteilung an. Da muss eine Vollzeitstelle geschaffen werden. Das sind die Schritte, die ich zum Beispiel bei Arsenal erlebt habe. Als Hauptargument wird dann immer genannt, dass bei diesen Klubs durch die Anbindung an den Männer-Fußball eine ganz andere finanzielle Grundlage da ist. Aber die Frage, die man sich hier stellen muss, ist wirklich: Will ich - oder will ich nicht?

Wo sehen Sie sich in drei bis fünf Jahren?

Ich sehe mich in meinem Leben generell immer auf zwei Hochzeiten tanzen (lacht). Auf der einen Seite die Ausbildung und der Beruf - auf der anderen Seite der Sport. So ist das bei mir seit dem 14. Lebensjahr. Und das werde ich weiterhin machen. Nur der klassische Job in einer Firma, das ist nicht meins.

Was ist neben dem Fußball noch wichtig für Sie?

Der Fußball ist meine Leidenschaft. Das ist auch kein Beruf, sondern eine Berufung. Aber es füllt mich nicht ganz aus. Ich brauche auch meinen Wassersport, muss auch mal zum Handball gehen oder zu den Judokas. Ich liebe es einfach, mit dem Körper zu arbeiten.

Und welchen Stellenwert spielt die Stadt Potsdam dabei?

Einen super hohen. Allein der Olympiastützpunkt! Was für eine fantastische Grundlage wir hier haben. Viele können das gar nicht mehr wertschätzen, weil sie es jeden Tag sehen oder noch nicht gesehen haben, wie es woanders ist. Mit der Erfahrung, die ich machen durfte, kann ich sagen: Das ist einfach eine Goldgrube hier.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lars Becker, rbb Sport.

Sendung: Inforadio, 24.11.2020, 10:45 Uhr

Beitrag von Lars Becker

1 Kommentar

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  1. 1.

    Tabea ist eine tolle Frau - und ich wünsche ihr alles Gute für die Zukunft.

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