Der deutsche Frauenachter bei einem Rennen. Quelle: dpa/Janakub Kacznarczyk
Bild: dpa/Janakub Kacznarczyk

Ruder-Training in Potsdam - Wie der Frauen-Achter nach einem langen Tief wieder auftaucht

Der deutsche Frauen-Achter galt lange als Sorgenkind im Ruder-Verband. Doch bei der EM im Oktober gewann das Team überraschend Silber und hat nun Olympia 2021 in Tokio im Visier. Jonas Schützeberg hat das Team beim Training in ihrer Corona-Blase besucht.

 

 

Wie durch einen Irrgarten bewegt sich der kleine Laserstrahl hin und her über die große rote Stofffläche, es qualmt. Nähmaschinen rattern im Hintergrund, während die Ruderinnen Alyssa Meyer und Frauke Hundeling die fein säuberlich zerschnittenen Stoffteile aus der Maschine nehmen. Sie laufen durch eine mittelgroße Fabrikhalle, schneiden Papier-Schablonen aus, kleben Entwürfe zusammen.

Das Team um den deutschen Frauen-Achter will sich stärker nach außen präsentieren. Beim Ausstatter der Nationalmannschaft "New Wave", einem Berliner Unternehmen in Spandau, nähen sie ihre erste Kollektion der neuen Ruder-Einteiler, so heißen die Trikots der Wassersportler, selbst zusammen. "Boah, jetzt läuft es richtig, ich habe raus wie es funktioniert", ruft Frauke Hundeling, während sie zwei Stoffteile durch die tackernde Nähmaschine zieht. Bis zu 100 dieser speziellen Anzüge werden hier täglich von Hand zusammengesetzt.

Ein Stützpunkt formiert sich neu

"New Wave" - neue Welle, das passt zu den Athletinnen. "Es ist für uns der erste Schritt, um diesen Neuanfang zu unterstreichen. Wir wollten ein eigenes Branding. Das jetzt zu zeigen, ist schon cool und unterstützt unser Gruppengefühl", erklärt die 25-jährige Hundeling.

Seit knapp zwei Jahren formiert sich der Frauen-Achter am Bundesstützpunkt in Potsdam. Aus ganz Deutschland sind die Sportlerinnen hierher gezogen, für das große Ziel: Olympia in Tokio 2021. Das alles passiert im Zuge der Leistungssportreform, mit deren Hilfe starke Athletinnen und Athleten an wenigen Orten konzentriert werden, um gemeinsam trainieren zu können.

Am Anfang sei das schwierig gewesen, erinnert sich Hundeling, die aus Hannover kommt und dort bei der Sportfördergruppe der Landespolizei angestellt ist: "Es war ein Schock, gerade wie es beruflich weitergehen sollte. Aber im Achter hat man ein so großes Team, was aufgebaut werden muss. Da muss man zusehen, dass man sich ein Stück weit unterordnet und die Mannschaft voranbringt, um das Ziel Olympia zu erreichen."

"Mir tut jeder Sportler Leid, der nicht trainieren darf"

24 Kilometer stehen an diesem regnerischen Morgen auf dem Trainingsplan. Im Nieselregen tragen sie das Boot aus der Halle, vorbei am Seekrug im Luftschiffhafen. Täglich gehen sie aufs Wasser, trotz der neuen Corona-Verordnung, denn sie gelten als Profisportler. Alyssa Meyer vom Ruder-Club Tegel genießt dieses Privileg, fühlt aber mit den Nachwuchs- und Breitensportlern: "Mir tut jeder einzelne Sportler leid, der nicht trainieren darf. Ich weiß, was sie fühlen und hoffe, dass es bald wieder zu gemeinsamen Trainingstagen im Verein kommen kann."

Sie rudern vorbei am Neuen Palais, vor dem sich das große Riesenrad dreht, durchqueren die "Alte Fahrt" und steuern auf die Glienicker Brücke zu. Um die Jahrtausendwende wurden hier die Olympiasieger am Fließband produziert, doch diese Zeiten sind lang vorbei. Der letzte große Erfolg stammt aus dem Jahr 2003, in Mailand gab es die letzte Goldmedaille bei einer WM. Über die Jahre hat der Frauen-Achter den Anschluss an die Weltspitze verloren, zuletzt mussten sie bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro am Fernseher von zu Hause aus zuschauen.

Der Deutschland-Achter der Männer beim Training. Quelle: imago images/Sven SimonDer Deutschland-Achter der Männer.

Im Schatten der Männer

Seit Jahren stehen die Frauen ein wenig im Schatten des Flaggschiffes im Verband, ein bisschen wie eine kleine Stiefschwester. Ist die Rede vom Deutschland-Achter, geht es fast wie selbstverständlich um die Männer. Wenn es sich um das weibliche Pendant dreht, heißt es Frauen-Achter.

Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen ist es sicherlich der Erfolg, denn die Männer gewinnen regelmäßig Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, zum anderen die Bekanntheit. Den Deutschland-Achter kennen viele ältere Generationen noch, geprägt hat ihn Meistertrainer Karl Adam in den 60er Jahren. Mittlerweile ist es ein geschützter Begriff. Der Deutschland-Achter vermarktet sich seit den 90er Jahren, hat ein eigenes Logo und seit 2010 gibt es sogar eine GmbH.

"Das war eine große Genugtuung"

Doch es tut sich etwas. Anfang Oktober gewann der neu formierte Frauen-Achter, nach sechs Jahren ohne Medaille, mit einem starken Rennen überraschend Silber bei den Europameisterschaften in Polen. Es ist ein Neuanfang. "Das war ein großartiges Gefühl, wir haben super hart gearbeitet. Es war eine richtige Genugtuung, auch den anderen Sportlern im Rudern zu zeigen, Frauen-Riemen kann was. Wir wollten Athletinnen motivieren, dass sie zu uns kommen, um das Team zu vergrößern", sagt Alyssa Meyer strahlend.

An der Spitze des Teams steht Tom Morris. Der Australier ist neuer Bundestrainer für die Frauen und parallel auch Psychologe, er hat bereits erfolgreich mit den Ruderinnen aus seiner Heimat und in Kanada gearbeitet. "Warum wir uns für Tokio qualifizieren werden? Wegen der Arbeit, die wir bis dahin geleistet haben. Als Trainer habe ich schon viele Mannschaften untergehen, aber auch gewinnen sehen. Daraus habe ich viel gelernt. Ich vertraue in unser Team, dass wir es schaffen werden", gibt sich Morris kämpferisch.

Das große Ziel heißt Tokio 2021

Knallrot leuchten die neu designten Ruder-Einteiler der Sportlerinnen. "Frauen Riemen Deutschland" steht in einem runden Logo auf der linken Brust geschrieben. Drei Ruder in schwarz, rot und gold teilen das Wappen. Ihr Erfolgsrezept ist das Teamgefühl und der Zusammenhalt: "Die Gruppe macht uns stark. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es geht um den ganzen Bereich, den wir nach vorne bringen wollen, nicht um ein Individuum. Wir sind immer ein Team und das leben wir auch aus", erklärt Frauke Hundeling.

Ein Teil der Sportlerinnen lebt noch in Berlin, doch die sind für die nächsten Wochen nach Potsdam ins Kongresshotel gezogen. Eigentlich würden sie jetzt in der portugiesischen Sonne rudern, doch wegen der Corona-Pandemie ist alles abgesagt und jetzt heißt es Potsdam anstatt Avis. Sie versuchen sich ihre eigene kleine Corona-Blase zu schaffen, sagt Hundeling: "Ich glaube, dass es ein Zeichen für die ganze Bevölkerung ist. Ich mache nichts anderes außer Sportler zu sein, das ist mein Beruf. In der Öffentlichkeit gehe ich nur einkaufen, gehe nicht ins Café oder so. Wir haben eine große Verantwortung."

Ihr großes Ziel heißt Olympia, das wird ein langer Weg. Die entscheidende Regatta müssen sie im Mai rudern, denn dort findet die finale Olympia-Qualifikation statt und das Team um den Frauen-Achter will sich noch einen der zwei freien Plätze sichern. Dieses Ziel treibt sie jeden Tag an, sagt Alyssa Meyer: "Das wird uns immer ins Gewissen gerufen. Wenn es im Training mal nicht läuft, dann heißt es, diese Schläge sind für die Olympia-Quali und dann hängen sich alle nochmal stärker rein."

Sendung: rbbUM6, 03.11.2020, 18:00 Uhr

Beitrag von Jonas Schützeberg

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