Blick entlang einer Hausfassade auf das Potsdamer Karl-Liebknecht-Stadion(Quelle: imago images/Camera 4)
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SV Babelsberg 03 während der NS-Zeit - "Was bedeutet dieses Spiel gegen Hitlers Leibstandarte?"

Viele Profivereine haben ihre Geschichte während des Nationalsozialismus aufarbeiten lassen. Doch beim Viertligisten SV Babelsberg 03 war bisher wenig aus dieser Zeit bekannt. Das ändert sich seit diesem Sommer Schritt für Schritt. Von Friedrich Rößler

1938 spielte der SV Babelsberg 03 gegen die SS-Leibstandarte von Adolf Hitler, schon 1933 zeigte die Mannschaft geschlossen den Hitlergruß. Was passierte während der NS-Zeit beim SV Babelsberg 03? Auf diese Frage wird es bald wohl immer mehr Antworten geben, da sich einige Fans mit diesem Kapitel der Vereinsgeschichte auseinandersetzen.

Im August traf sich die "Recherchegruppe Babelsberg 03 im Nationalsozialismus" zum ersten Mal. Sieben Jugendliche im Alter von 15 bis Ende 20 hatten sich nach einem Aufruf des "Fanprojektes Babelsberg" [stiftung-spi.de] zusammengefunden. Die Idee dazu hatte Max Wittmann, der in Berlin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen soziale Arbeit studiert, und sein Praxissemester als SVB-Fan im Fanprojekt Babelsberg absolvierte. Über die Idee für ein geschichtspolitisches Projekt hatte sich Wittmann dann mit der Fanszene ausgetauscht.

Verein und Fanszene im linken Spektrum positioniert

Die Fanszene des Potsdamer Regionalligisten setzt sich aus politisch interessierten Anhängern zusammen, die gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie kämpfen. Über ihr Fanprojekt tragen die 03-Anhänger ihre Themen und Wünsche an den Verein heran, dieser wird dann oft in enger Abstimmung mit ihnen aktiv.

Vor drei Jahren sorgte der Verein mit der Kampagne "Nazis raus aus den Stadien"[babelsberg03.de] für Aufsehen. Letzte Saison zierte die Aufschrift "Seebrücke" statt eines Trikotsponors die Spielerbrust. Der Verein "Seebrücke" setzt sich bundesweit für sichere Fluchtwege, eine Entkriminalisierung der Seenotrettung und eine "menschenwürdige Aufnahme der Menschen, die fliehen mussten oder noch auf der Flucht sind" ein. Fanszene und Verein haben sich also klar im linken politischen Spektrum positioniert, da verwundert es nicht, wenn eine Gruppe von Fans die Vereinsgeschichte während des Nationalsozialismus erforschen möchte.

"Festgestellt, dass da was fehlt"

"Wir hatten uns im Freundeskreis immer über die Vereinsgeschichte unterhalten und dann festgestellt, dass da was fehlt", erzählt Simon, Babelsberg-Fan und Mitglied der Recherchegruppe. Da in Pandemie-Zeiten mit Geisterspielen oder Saisonunterbrechungen das "Vor-Ort-Fan-Sein" weggebrochen sei, hätten er und seine Mitstreiter viel Zeit gehabt, um sich um diese Leerstelle in der Vereinschronik zu kümmern.

Doch wo anfangen? Max Wittmann und Simon berichten von einer schwierigen Quellenlage und dass es am Anfang eher darum ging, Chancen auszuloten, an Informationen zu kommen. Eine erste Orientierung bot das vor fast zwei Jahren veröffentlichte Buch "Die Geschichte des SV Babelsberg 03" von Klaus Gallinat, sagt Wittmann. "Die Chronik bezog sich zwar nur auf das Sportliche, aber damit hatten wir die Basis und wollten jetzt das Drumherum recherchieren."

Die Gruppe teilte sich auf, schrieb Zeitzeugen an, besuchte das Potsdamer Archiv, fragte Historiker an und kontaktierte den Verein. Ein Fragenkatalog sollte abgearbeitet werden: "Wie war der Verein vor 1933 personell aufgestellt und was hat sich verändert?" oder "Gab es Nazi-Funktionäre beim SVB 03?" - das galt und gilt es heraus zu finden. Die ersten Zwischenergebnisse hat die Gruppe in einem Podcast [anchor.fm] und auf Youtube präsentiert - auch der Verein berichtete auf seiner Homepage. "Die Chronik wurde online auch um die betreffenden Jahre ergänzt, insgesamt haben wir ein sehr positives Feedback bekommen", erzählt Student Wittmann.

Spiel gegen die Leibstandarte von Adolf Hitler

Von 1933 bis 1935 stieg der Verein unter dem Namen SV Nowawes 03 in die höchste Spielklasse auf, die Gau-Liga. Zu Austritten kam es aber nicht in der Zeit, daraus schließt die Rechergruppe, "dass schon zuvor keine jüdischen Spieler_innen bei Nowawes 03 spielten". Nach einem Spiel gegen Hertha BSC posierten die Spieler 1934 auf einem Foto teilweise in Uniformen der Wehrmacht - "ein Indiz, dass sich der Verein schon sehr früh mit der Ideologie des Nationalsozialismus anfreundete und damit für vom Regime verfolgte Gruppen ein unattraktiver Verein war".

1938 kam es zur Umbenennung des Vereins in SV Babelsberg 03, da der Name Nowawes nicht "deutsch" genug war und somit auch der Ort Nowawes von den Nazis in Babelsberg umbenannt wurde. Es folgte ein Spiel gegen die SS Leibstandarte von Adolf Hitler.

Sonderrolle oder Geschichte eines deutschen Vereins?

Nach der erneuten Umbenennung in SC Potsdam 03 sprach der neue Geschäftsführer und SA-Sturmführer Günther Kauerauf von einer "Pflegestätte nationalsozialistischen Gedankenguts". Bis in den Januar 1945 bestritt der Verein Spiele, "um die Moral der Bevölkerung zu bewahren".

"Ist das jetzt eine typisch deutsche Vereinsgeschichte oder spielte unser Verein doch eine Sonderrolle? Was bedeutet dieses Spiel gegen Hitlers Leibstandarte - war das normal oder nicht?", fragt Simon. "Wir befinden uns gerade am Anfang unserer Recherchen." Nun wolle man tiefer in die Täterrecherche gehen und der Frage nachgehen, was einzelne Spieler und Funktionäre während der Zeit getrieben haben, beschreibt er zusammen mit Max Wittmann, der nach seinem Praxissemester im Fanprojekt Babelsberg der Gruppe weiterhin als Sprecher und Forscher hilft, die Pläne für das weitere Vorgehen.

Leerstelle weiter ausfüllen

"Ein Buch wäre zu hoch gegriffen, aber eventuell können wir bald eine Broschüre herausgeben", blickt Max Wittmann voraus. Simon ergänzt noch, "dass es gerade bei Babelsberg 03 sehr schwierig sei, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen, da Verein eine sehr "zerstückelte" Geschichte habe. "Den SV Babelsberg 03 gibt es so, wie wir ihn kennen, erst seit Ende der 1990er Jahre. Das erschwert unsere Arbeit enorm."

Mit regelmäßigen Veranstaltungen - ob nun online oder offline - möchte die Recherchegruppe weitere Ergebnisse präsentieren und die Zwangspause in der Regionalliga Nordost weiter nutzen, um die Leerstelle in der Vereinschronik weiterhin zu füllen.

Beitrag von Friedrich Rößler

6 Kommentare

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  1. 6.

    @Kritischer Begleiter: Guter Beitrag.
    Gerade gestern erst wieder eine tolle Aktion, diesmal von der violetcrew.de aus Osnabrück, die schön telegen via Riesenbanner im Stadion zu Weihnachtsspenden für zwei richtig gute Zwecke aufrief.
    In derlei Aktionen steckt viel Herzblut und Arbeit drin.

    Der SC Freiburg hat sich seinerzeit übrigens ebenfalls nicht unnötig den neuen Machthabern angedient, wie manche Vereine dies leider in zum Teil vorauseilendem Gehorsam taten.
    Im Gegenteil: Man hatte Hitler einen Auftritt im damaligen Winterer-Stadion untersagt. Zum Dank dafür wurde dieses 1937 dann von den Nazis eingeebnet. Bei anderer Gelegenheit wurde sein Konvoi auf der Fahrt durch die Stadt von SC-Anhängern mit Steinen beworfen.

  2. 5.

    Schon einmal die Chronologie von z.B. Hertha, Bayern München u.a. Vereinen angesehen, die auch zur Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts gegründet wurden? Auch die der Segelvereine, Turnen, Rudern?
    Aber, Sie schreiben nur Daten aus dem Beitrag ab, Substanziellen ist ab dann nicht zu erwarten.

  3. 4.

    babelsberg03 war ein naziverein, die Chronologie ist entlarvend "1919 SV Nowawes 03 - 1938 SV Babelsberg 03 - 1939 SC Potsdam 03" - da sollten sich Mitlieder und Fans sich einen unbelasteteren Namen für ihren Verein suchen - bei der Gelegenheit auch mal Turbine zwecks Fusion befragen. ein Vorschlag: "Turbine Nowawes 03"

  4. 3.

    Schön, dass man ab und zu, aber leider auch zu wenig erfährt, dass die von vielen Medien als asozial und gewalttätig verunglimpften aktiven Fanszenen der Vereine äußerst sozial engagiert unterwegs sind.
    Ob, wie auf Schalke und bei Union, für die Obdachlosenhilfe Kleidung und Spenden gesammelt werden oder die Ultras von Bayern München eine riesige Choreographie für den ehemaligen und lange totgeschwiegenen jüdischen Präsidenten Landauer inszenierten (nachdem zuvor die Hintergründe recherchiert wurden), gibt es es viele weitere Beispiele.
    Die Babelsberger sollten jedoch ob der NS-Lastigkeit ihrer Vereinsgeschichte nicht erschüttert sein, denn der deutsche Vereinsfussball verhielt sich fast ausschließlich mehr als willfährig den braunen Machthaber gegenüber, was sich z.B. darin zeigte, noch vor einen entsprechenden NS-Erlass, sämtlichen jüdischen Spielern ein Spiel-und Vereinsverbot zu erteilen (z.B. 1860 München, Schalke 04).
    Auch der FC St. Pauli hat eine wenig ruhmreiche Geschichte zw. 1933-45.
    Die einzige, mir bekannte, positive Ausnahme war tatsächlich der FC Bayern München, solange Landauer dort noch Präsident sein durfte....

  5. 2.

    Ach, du dicke Neune, jetzt muss sich SV Babelsberg 03 das Büßerhemd überziehen, weil sie vor 70 oder mehr Jahren, gegen die Leibstandarte Hitlers gespielt haben. Dreht man jetzt völlig durch?
    Darf man eigendlich noch Autobahn sagen?

  6. 1.

    Tolles Projekt, viel Erfolg.

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