Muskelverletzungen im Fußball - "Die Pausenzeiten sind extrem wichtig"

Unions Max Kruse zog sich im Derby gegen Hertha einen Muskelbündelriss zu. Quelle: imago images/Matthias Koch
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Durch die Corona-Pandemie bestreiten die Fußball-Bundesligisten derzeit deutlich mehr Spiele in kürzeren Zeiträumen. Parallel dazu häufen sich die Muskelverletzungen bei den Akteuren. Den Spielern fehlt es an Regenerationsmöglichkeiten. Von Marius Dobers

Der dicht getaktete Spielplan der aktuellen Bundesligasaison hinterlässt deutliche Spuren bei den Berliner Erstligisten. Neben Max Kruse, der sich im Hauptstadtderby einen Muskelbündelriss im Oberschenkel zuzog, fehlten in dieser Saison bereits Grischa Prömel, Marcus Ingvartsen, Nico Schlotterbeck und Christian Gentner bei den Eisernen mit muskulären Problemen. Bei Hertha BSC fällt Santiago Ascacíbar, der ohnehin regelmäßig mit Verletzungen zu kämpfen hat, bereits seit Oktober mit einer Muskelverletzung im Oberschenkel aus.

"Wir hatten in der letzten Spielzeit kaum eine muskuläre Verletzung und machen eigentlich in dieser Spielzeit nichts anders als im letzten Jahr. Aber die Zahl der muskulären Verletzungen hat zugenommen", stellt Union-Trainer Urs Fischer fest.

"Die Sauna darf bei uns gar nicht an sein"

Der Sportmediziner Michael Lehnert, der fast zwei Jahrzehnte bei Turbine Potsdam und den Frauen des VfL Wolfsburg tätig war, kontextualisiert die Situation der Teams: "Es gibt eigentlich einen gewissen Rhythmus in der Saison, der jetzt natürlich durch Corona ein wenig durcheinander gewürfelt wird. Aus dem Grund können die Vereine und Trainer zwangsläufig bestimmte Regenerationszeiten nicht so gut einhalten." Das kann zum Problem für die Spieler werden, da die Regeneration ein wichtiger Bestandteil der Trainingsplanung ist.

Derzeit sind die Teams aber nicht nur durch den engen Terminplan in ihrem Handlungsrahmen eingeschränkt, wie Hertha-Trainer Bruno Labbadia erklärt: "Die Sauna darf bei uns gar nicht an sein. Warmwasserbecken und solche Dinge sind momentan auch verboten." Umstände, die eine optimale Regenerationsphase zusätzlich erschweren und Muskelverletzungen begünstigen. Denn: "Muskelverletzungen bei Sportlern entstehen in der Regel durch Übermüdung und Überlastung", wie Lehnert erläutert. "Die Pausenzeiten sind extrem wichtig."

Weniger Erholung: Auch die Winterpause fehlt

Daher gab es bei Hertha BSC am Tag nach dem Derbysieg (ein Freitagsspiel) zum Beispiel nur eine leichte Trainingseinheit. Der Sonntag und Montag waren hingegen trainingsfrei. Auch im Hinblick darauf, was in dieser Saison noch auf das Team wartet: "Dadurch, dass wir keine Winterpause haben werden, müssen wir immer mal wieder gucken, ob man auch mal sagt: Wir können vielleicht mal zwei Tage frei machen", erklärt Labbadia das Vorgehen.

Hertha bestreitet sein letztes Spiel am 20. Dezember gegen Freiburg. Bereits am 2. Januar tritt man in der Liga wieder gegen den FC Schalke an. Der 1.FC Union spielt am 22. Dezember im Pokal gegen Paderborn, bevor ebenfalls am 2. Januar gegen Bremen der Ligaalltag ruft. Eine extrem kurze Weihnachtspause und eine Neuerung für fast alle Akteure. Die gestiegene Intensität tut ihr Übriges: "Durch die Art und Weise des Spiels sind gerade auf bestimmten Positionen mittlerweile zwölf, manchmal dreizehneinhalb Kilometer Laufleistung bei einem Spiel von 90 Minuten überhaupt nicht außergewöhnlich", gibt Sportmediziner Lehnert zu Bedenken. Wer sich erinnert: Im Heimspiel gegen den FC Augsburg in der vergangenen Saison stellte Vladimir Darida mit 14,34 km einen Bundesligarekord auf.

Die Spieler sind in der Pflicht

In der aktuellen Lage ist es noch wichtiger geworden, dass die Spieler auf sich und ihren Körper achten. Urs Fischer macht sich dabei Gedanken, was das den Spielern abverlangt. Die besonderen Umstände können ihren Tribut zollen, auch mental: "Was löst Corona im Kopf aus? Ich glaube auch das ist sicherlich ein Punkt, bei dem es gilt, wach zu bleiben und sich auch mit den Jungs immer wieder auszutauschen".

Aus medizinischer Sicht ist für Lehnert eine akkurate Vor- und Nachbereitung des Trainings von großer Wichtigkeit, um individuelle körperliche Defizite oder Probleme professionell anzugehen. Seiner Erfahrung nach folgen die Sportler dieser Empfehlung: "Fast jeder von diesen Hochprofis hat nochmal einen eigenen Trainer beziehungsweise Athletik- oder Physiotherapeuten, der sie individuell betreut. Da ist schon eine extreme Eigenverantwortung und die wird auch gelebt."

"Ich hoffe, dass wir noch so einigermaßen durchkommen"

Perspektivisch müssen sich die Vereine aber schon einmal überlegen, wie sie die kommende Saison angehen wollen. Denn das für die Vorbeugung von Verletzungen so wichtige Aufbautraining findet für gewöhnlich in der Saisonvorbereitung statt, wie Lehnert erklärt: "Da bereiten wir die Muskulatur vor, um dann in der Saison fit zu sein." Zusätzliche Belastungen wie Länderspiele, die Teilnahme am europäischen Geschäft oder derzeit noch nicht absehbare Änderungen des Terminkalenders können diese Planbarkeit erschweren.

Angesichts der Situation hofft Bruno Labbadia auf das Beste für alle Vereine: "Ich hoffe, dass wir noch so einigermaßen durchkommen. Wir vor allen Dingen und auch die Liga. Dass wir da nicht zu viele Verletzungen mit uns tragen." Ein Wunsch, dem sich alle Übungsleiter und Spieler in dieser außergewöhnlichen Bundesliga-Saison anschließen dürften.

Beitrag von Marius Dobers

4 Kommentare

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  1. 3.

    Toll geschriebener Artikel, sehe ich absolut genauso. Leider ist dieses Jahr alles anders zusätzlich zum enggetakteten Ligaplan kommen noch die Nationalspiele dazu. Vereine mit dünnem Kader warm anziehen der Winter naht ..

  2. 1.

    Mir kommen die Tränen.

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