Interview | Christian Rudolph, Ansprechpartner LSBTI+ - "Es wurde schon lange gefordert, dass der DFB aktiv wird"

Eine Kapitänsbinde in Regenbogenfarben. Quelle: imago images/foto2press
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Zu Beginn des nächsten Jahres richtet der Deutsche Fußball-Bund eine zentrale Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt ein. Der Berliner Christian Rudolph wird erster Ansprechpartner sein. Im Interview erklärt er, was mit der Stelle erreicht werden soll.

rbb|24: Herr Rudolph, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) richtet zum 1. Januar in Trägerschaft des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD) eine Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt ein. Sie werden der Ansprechpartner sein. Wie sind Sie zu dieser Stelle gekommen, wie sah die Kontaktaufnahme des DFB aus?

Christian Rudolph: Erst einmal freue ich mich total, das ist ein riesiger Erfolg für die Community. Die Anlaufstelle schafft die notwendige Sichtbarkeit, wir haben das schon lange gefordert. Den Dialog mit dem DFB gibt es aber erst seit Kurzem. Fritz Keller (Präsident des DFB; Anm. d. Red.) ist da auf uns zugekommen. Er hat gefragt, was wir brauchen, wie die Anlaufstelle aussehen soll und wie die Community bei der Gestaltung mithelfen kann. Wir können uns da als verlässlicher Partner anbieten.

Können Sie und der Lesben- und Schwulenverband sich erklären, warum der DFB gerade jetzt auf Sie zugekommen ist? Es ging ja doch sehr schnell in den letzten Wochen.

Das ist richtig. Vielleicht braucht es das manchmal auch. Es war im Interesse von Fritz Keller, er hat in letzter Zeit die Notwendigkeit für eine derartige Stelle gesehen. Außerdem gab es einen gewissen Druck von der Community unter anderem mit Faninitiativen, die in den letzten Jahren sehr erfolgreich waren. Es wurde schon lange gefordert, dass der DFB aktiv wird und die Basis unterstützt.

Was sind Beispiele für die von Ihnen angesprochenen Faninitiativen?

Das "Bündnis Aktiver Fußballfans" (BAFF) [facebook.de] ist quasi schon seit 20 Jahren an dem Thema dran. Auch "Queer Football Fanclubs" und "Fußballfans gegen Homophobie" setzen sich schon lange ein. Sie haben alle gezeigt, dass Fans einen Beitrag leisten können, der organisierte Fußball aber eben auch gefragt ist.

Es handelt sich um eine Anlaufstelle. Wie sieht Ihre Rolle ab Januar genau aus?

Es ist eine Kompetenz- und Anlaufstelle für LSBTI+, also für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Es ist uns ganz wichtig, dass wir alle im Fußball mitnehmen. Vorrangig wollen wir erst einmal beratend tätig sein, für alle die Fragen zu den Themen haben. Gemeinsam mit der Community wollen wir aber auch für Sichtbarkeit sorgen und die Interessen im Fußball vertreten.

Wenn man sich mit dem Lesben- und Schwulenverband und mit Homophobie im Fußball in Berlin und Brandenburg beschäftigt, trifft man schnell auf Ihren Namen. Können Sie vielleicht trotzdem noch einmal erklären, was Sie in den letzten Jahren in der Region in die Richtung gemacht haben?

In den letzten zehn Jahren war ich bei LSVD Berlin-Brandenburg tätig und habe die Kooperation mit dem Berliner Fußballverband aufgebaut, die wir seitdem sehr erfolgreich vorangebracht haben. Wir konnten viele Impulse aus der Region - gerade aus dem Amateurbereich - auf die Bundesebene weitergeben. Ein gutes Beispiel dafür ist, dass wir es geschafft haben, eine Regelung für trans*, inter* und diverse Personen zu schaffen, sodass diese diskriminierungsfrei am Fußball teilnehmen können. Das waren Fragestellungen, mit denen wir uns beschäftigt haben. Diese Arbeit wollen wir jetzt auf der Bundeseben weiterführen. Der DFB hat 21 Landesverbände und sieben Millionen Mitglieder - da haben wir einiges zu tun.

Was wollen Sie als erstes angehen?

Um den Dialog zu fördern und Expertise zu sammeln, die gerade in den letzten Jahren entstanden ist, ist eins der großen Ziele, schon zu Beginn einen Fachkreis zu gründen. Wir wollen Expert*innen gemeinsam mit dem organisierten Fußball an einen Tisch bringen. So soll von Anfang an die Community mitgenommen werden. Der Profi-Fußball ist nur die Spitze des Eisbergs. Für uns ist vor allem der Amateurfußball interessant, wir wollen auch die Basis stärken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Jakob Rüger, rbb sport.

Sendung: rbbUM6, 17.12.2020, 18:00 Uhr

12 Kommentare

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  1. 12.

    Natürlich geht die Sexualität eines Spielers niemanden etwas an. Doch wenn sich z.B. ein männlicher Fußballer z.B. in den sozialen Netzwerken als schwul outen würde, gäbe es bestimmt einen Shitstorm. Und wer weiß, was die gegnerischen Fans beim nächsten Spiel singen (wenn das mal wieder möglich ist)? Was genau diese Anlaufstelle macht, weiß ich natürlich auch nicht. Ich hoffe aber mal ganz stark, dass sie Hilfe gibt.

  2. 11.

    Falls Du Dich mal fragen würdest, ob und wie Du wegen Deiner Heterosexualität diskriminiert wurdest, würdest Du wahrscheinlich nicht so viel grübeln müssen.

  3. 10.

    "So lange sich Fußballer nicht trauen, öffentlich zu sagen, dass sie schwul sind, ist diese Anlaufstelle wohl leider notwendig."

    Bevor ich allzu weit aushole (wieso z.B. zwingend ein jeder im Verein über die sexuellen Vorlieben eines Mitglieds informiert werden muss), erkenne ich zumindest die grundsätzliche Problematik, die ein Schwulet im Verein eventuell haben könnte. Wie genau wird die Anlaufstelle in so einem Fall tätig? Stichwort Cancel Culture...

  4. 9.

    Zitat: 'Es ist uns ganz wichtig, dass wir alle im Fußball mitnehmen.' Also auch die Menschen mit einer Religion, mit einem Weltbild, die andersartigen Menschen ihr Menschsein absprechen? Dies fehlt hier im Interview.

  5. 8.

    Ich gebe es zu: ich bin bekennender Heterosexueller - finde hübsche Frauen toll!
    Ich frage nach: wo ist meine Anlaufstelle, wo ist meine Lobby?
    Ich grüble weiter: ist es wirklich zielführend, seine Persönlichkeit so weit über die Sexualität zu definieren?
    (er gab, er fragte, er grübelte)

  6. 7.

    Es werden noch sehr viel Phobien und Stereotypen abgebaut werden müssen, bevor unsere Gesellschaft das Prädokat "aufgeklärt" verdient. So eine "Fankurve" ist ja doch eher konservativ.

  7. 6.

    So lange sich Fußballer nicht trauen, öffentlich zu sagen, dass sie schwul sind, ist diese Anlaufstelle wohl leider notwendig. Bei einer aufgeklärten Gesellschaft wäre sie es wohl nicht.

  8. 5.

    Schon bedauerlich, wenn Sie die Situation nur von dieser Seite sehen. Haben Sie überhaupt verstanden, worum es hier überhaupt geht? Ich bezweifle es.

  9. 4.

    Wo spielen eigentlich trans*, inter* und diversen Personen, wo es doch nur Männer- und Frauenmannschaften und -ligen gibt?
    Und werden die Menschen auf dem Spielfeld jetzt als "Fußballspielende" oder "Fußballer*Innen" bezeichnet?

  10. 3.

    "Doch wie man sieht, muß tatsächlich noch viel Basisarbeit geleistet werden."

    Woran sehen Sie das denn? Und was genau soll mit der Anlaufstelle erreicht werden? Ich verstehe das Ganze wirklich nicht so richtig.

    Für mich sieht es eher so aus, als würde hier eine Hand die andere waschen. Der DFB kann sich als progressiv, tolerant und aufgeklärt etikettieren und der LSVD erschließt sich eine weitere Einnahmequelle.

  11. 2.

    "Doch wie man sieht, muß tatsächlich noch viel Basisarbeit geleistet werden."

    Woran sehen Sie das denn? Und was genau soll mit der Anlaufstelle erreicht werden? Ich verstehe das Ganze wirklich nicht so richtig.

    Für mich sieht es eher so aus, als würde hier eine Hand die andere waschen. Der DFB kann sich als progressiv, tolerant und aufgeklärt etikettieren und der LSVD erschließt sich eine weitere Einnahmequelle.

  12. 1.

    Auf ein gutes Gelingen. Das der Amateurfußball dabei keinesfalls außen vorgelassen wird, versteht sich eigentlich von selbst. Doch wie man sieht, muß tatsächlich noch viel Basisarbeit geleistet werden.

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