Flying Steps
Fabian Kimoto
Video: rbb UM6 | 14.12.2020 | Dennis Wiese | Bild: Fabian Kimoto

Breakdance wird 2024 olympisch - Vom Hinterhof zum Siegertreppchen

Entstanden in den Ghettos von New York wird Breakdance 2024 eine der vielen olympischen Disziplinen sein. Einerseits bekommt diese Tanzform die Anerkennung, die sie verdient. Andererseits könnte sie ihre Seele verlieren. Von Friedrich Rößler

In einem Kreuzberger Hinterhof in Berlin zeigt Mikel Rosemann von den "Flying Steps", was er draufhat: akkurate Sixsteps auf dem Boden, eine Drehung um die eigene Körperachse und plötzlich sieht es so aus, als würde er zum Abheben ansetzen. Seine Beine wirbeln durch die Luft, wie die Flügel einer Windmühle - fehlt nur noch, dass er wirklich anfängt zu fliegen. Angesprochen auf die olympische Premiere 2024 in Frankreich gerät der Tänzer und Choreograph ins Schwärmen: "Wie das schon klingt, die oder der gewinnt die Goldmedaille, das ist schon ein Highlight." Der Berliner B-Boy, so nennen sich Breakdancer, fiebere den Spielen jetzt schon entgegen.

In Pandemiezeiten finden Kurse und Trainingseinheiten online statt. In normalen Zeiten üben mehr als 2.000 B-Girls und B-Boys in der "Flying Steps Academy" ihre Moves. In den 1980er Jahren erlebten Deutschland und die Welt die erste Breakdance-Welle, nachdem die beiden amerikanischen Filme "Flashdance" und "Beat Street" weltweit in den Kinos liefen. Die Gründerzeit von Breakdance liegt zusammen mit der Geburt der Hip-Hop-Kultur in den späten 1960er, frühen 1970er Jahren in New York. Um der Gewalt und den Straßengangs in den Armenvierteln zu entfliehen, trafen sich viele Jugendlichen in leerstehenden Häusern und machten einfach Party.

Tanzen zu den Musik-Breaks der DJs

Die DJs spielten Funk- und Soulplatten und verlängerten die Instrumental-Stellen oft durch das Zurückziehen der Schallplatte. Auf diese "Breaks" konnte dann einige rappen und andere tanzen. Die Tanzenden wurden von den DJs B-Girls oder B-Boys genannt, von Breakdance sprach kaum jemand. Als Tanz-Unterlage dienten alte, ausgebreitete Kartons und mit der Zeit entwickelten sich einzelne Stile und Elemente.

Diese neue Subkultur sprach sich herum und sorgte schnell für Aufsehen, gerade weil eben nicht mehr mit Waffengewalt, sondern mit Wettkämpfen("Battles") versucht wurde, Konflikte zu lösen. So genossen die ersten Tanzgruppen "Zulu Kings" oder "Rock Steady Crew" genauso viel Ansehen, wie die ersten Rapper oder Graffiti-Künstler. Daher gilt Breakdance auch als eine der Säulen der Hip-Hop-Kultur.

Akrobatik hat sich deutlich weiterentwickelt

Von der eigentlichen Jugendbewegung Hip-Hop ist Anfang der 2000er Jahre nicht viel übriggeblieben, die einzelnen Elemente haben sich aber dennoch stets eigenständig weiterentwickelt. Im Gegensatz zu Rappern oder DJs hatten die Tänzer immer ein Problem damit, in der Öffentlichkeit genügend Aufmerksamkeit zu bekommen, obwohl es jährliche internationale Wettbewerbe gibt, wie zum Beispiel den "Battle of the Year". Da bot es sich an, entweder mit Kulturinstitutionen zusammen zu arbeiten oder beim "Schlagerfest der Deutschen Volksmusik" im Fernsehen aufzutreten. Denn Breakdance kommt immer spektakulärer daher und überzeugt mit dem Zusammenspiel von Kraft und Eleganz.

Gerade was die Akrobatik betrifft, ist der Tanzstil mit dem aus seiner Gründungszeit nicht mehr zu vergleichen. "Die hat sich in diesem Tanz so extrem weiterentwickelt, das ist unglaublich - auch für uns selbst, die schon so viele Jahre dabei sind", bemerkt B-Boy Benny Kimoto. Auch er gehört zu den "Flying Steps" aus Berlin und für ihn, sagt er, mache es absolut Sinn, dass sein Tanzstil bei Olympia 2024 dabei sein wird. Denn sein Training ist hart und erfüllt absolut das Prädikat "Hochleistungssport": "Ich denke allerdings auch, dass die Szene ein bisschen gespalten sein wird," fügt er hinzu. Auf der einen Seite die hochprofessionellen Kader, auf der anderen Seite die Subkultur.

Von der Jugendkultur zum Hochleistungssport

Sportarten, die aus einer Jugendszene entstanden sind und plötzlich zum olympischen Kanon gehören, müssen sich immer wieder mit ihrer Identität auseinandersetzen. Ähnlich wie beim Skaten oder Surfen müssen professionelle Strukturen geschaffen werden und zum Beispiel Trainingspläne erstellt werden. Keine Subkultur lässt sich von heute auf morgen in Strukturen pressen, wie sie zum Beispiel bei der Leichtathletik oder beim Rudern existieren. Es gibt bisher keine klassischen Breakdance-Vereine, keine Bundestrainer oder Nationalkader.

Bei den "Youth Olympic Games" 2018 in Buenos Aires durfte Breakdance als "Breaking" schon mal einen Testlauf machen. Das Bewertungssystem kam gut an, da es in enger Abstimmung mit der Breakdance-Szene entwickelt wurde. Im Eins-gegen-Eins-Battle entschied eine Jury, wer die nächste Runde erreicht. So kennt man es auch vom Skaten. Doch während es dort um saubere Ausführung, Kombination und Abwechslung der Tricks plus den Faktor Style geht, kommen beim Breakdance weitere Kriterien wie Musikalität oder Performativität - also das Zusammenspiel von Tanzenden und Zuschauern - dazu.

Enormer Aufwind dank Olympia 2024

Einige B-Girls und B-Boys bemängeln auch, dass ihre Tanzkultur die Seele verlieren könnte. Schließlich komme Breakdance aus einem inneren Antrieb heraus und sei nicht von außen erzwungen. Trotzdem soll Breaking auch 2024 zum olympischen Kanon gehören. "Flying-Steps"-Mitgründer Vartan Bassil kann dem auch etwas Gutes abgewinnen. Er glaube fest daran, dass das enormen Aufwind geben und mehr Akzeptanz und Respekt aus der Gesellschaft kommen werde. "Vielleicht sagen dann auch mehr Eltern, hey, mein Kind hat Talent, sowohl sportlich als auch tänzerisch, lass es doch Breakdance machen und irgendwann eine Medaille holen." Und eventuell kommt dieses Goldmädchen oder dieser Goldjunge dann aus der Berliner Akademie. Die "Flying Steps" wollen übrigens 2024 nicht antreten und lieber der nächsten Generation den Vortritt lassen.

Sendung: rbb UM6, 14.12.2020

Beitrag von Friedrich Rößler

1 Kommentar

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  1. 1.

    Echt jetzt? Was wird als nächstes olympisch, singen/ klatschen/ pfeifen?

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