Foto-Collage mit Max Kruse, Union-Fans auf der Tribüne und Urs Fischer / imago images / Sportfoto Rudel / Camera 4 / Contrast / Bearbeitung: rbb
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Zwischen Individualität und Kollektivität - Diese fünf Dinge haben Union 2020 so stark gemacht

Es war das Überraschungjahr von Union Berlin. Wenige hatten den Köpenickern den Verbleib in der Fußball-Bundesliga zugetraut, und danach erst recht nicht eine solch furiose Hinrunde. Diese fünf Dinge zeigen, dass der Erfolg der Eisernen nicht von ungefähr kommt.

1. Max Kruse

Keine Frage, Max Kruse polarisiert. Ob nun nächtliche Zockereien, nicht ganz pandemie-konforme Treffen mit Fans in einer Shisha-Bar oder verbales Nachtreten gegen die Polizei wegen einer Geschwindigkeitskontrolle: Der Exzentriker aus dem Norden liefert zuverlässig Schlagzeilen.

Doch zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass Kruse bis zu seiner Verletzung im Derby ebenso zuverlässig auf dem Platz geliefert hat. Elf Torbeteiligungen in zehn Spielen lassen kaum noch Wünsche offen. Union hat Kruse geholt, weil das Team einen Unterschiedsspieler brauchte – und genau den haben die Eisernen bekommen.

Der 32-Jährige bringt Talente mit, die in Köpenick zuvor eher rar gesät waren. Er ist ein Freigeist auf dem Feld, eine Mischung aus spielstarkem Stürmer und torgefährlichem Mittelfeldspieler, gesegnet mit Intuition, Individualität und Improvisationsvermögen. Sein Selbstvertrauen und seine Unbekümmertheit scheinen auf die Kollegen abzufärben. "Max ist ein extremer Teamplayer, er ist extrem wichtig für die Mannschaft. Es macht viel Spaß, mit ihm zu spielen", schwärmt Mitspieler Cedric Teuchert. So hielt eine Spielkultur Einzug, die nach dem Hauruck-Fußball der Vorsaison kaum vorstellbar war.

Doch Kruses Verpflichtung hat sich nicht nur sportlich gelohnt. Denn dass sich ein so außergewöhnlicher Kicker für Union entscheidet, hat dem Klub viel Aufmerksamkeit beschert. Gut möglich, dass dieser vieldiskutierte Transfer noch eine Sogwirkung entfaltet.

2. Der Trainer

In den chronisch aufgeregten Profizirkus scheint Urs Fischer zuweilen so gar nicht zu passen. Mit Ruhe und Beharrlichkeit, Realismus und Unaufgeregtheit sorgt der Schweizer für eine Erdung, die so manchem Verein guttun würde. Vor allem aber ist es Fischers Pragmatismus, von dem Union profitiert. Statt nervenden Gejammers über die Ausfälle von Leistungsträgern wie Max Kruse, Robert Andrich oder Christian Gentner bastelt Fischer aus den verfügbaren Spielern immer wieder eine konkurrenzfähige Truppe zusammen und schickt sie mit einer funktionierenden Taktik auf den Rasen, die Borussia Dortmund das Weihnachtsfest versaut und sogar den Triple-Sieger aus München an den Rand einer Niederlage bringt.

Fischer versteht es, die Spielweise den Umständen anzupassen und holt so das Maximum aus seinem Kader heraus. Galt im Vorjahr ein nicht immer attraktiver, aber ungemein effizienter Stil mit langen Bällen auf den robusten Sebastian Andersson als bevorzugtes Mittel der Wahl, gehört mittlerweile auch ein gepflegtes Offensivspiel zum Repertoire des Teams. Oder wie es Urs Fischer ausdrückt: "Anderssons Abgang hat vielleicht ein bisschen dabei geholfen, kreativer zu werden". Das schlägt sich auch in der Statistik nieder. Nur Tabellenführer Bayern München (39) und dessen erster Verfolger Bayer Leverkusen (28) haben mehr Treffer erzielt als Union (27).

3. Gute Transfers

Die Verpflichtung von Max Kruse war vielleicht die wichtigste, aber nicht die einzige gute Entscheidung im Transfer-Sommer. Keeper Andreas Luthe, ablösefrei aus Augsburg gekommen, hat seinen beliebten Vorgänger Rafal Gikiewicz schnell vergessen machen können und besticht als unaufgeregter Schlussmann. Robin Knoche wiederum kam aus Wolfsburg und gibt der Union-Abwehr mit seiner Erfahrung aus fast 200 Bundesligaspielen einen gewissen Halt. Durch den vom FC Liverpool ausgeliehenen Stürmer Taiwo Awoniyi bekommt das Spiel der Eisernen durch seine Geschwindigkeit eine bislang ungekannte Tiefe, während der mittlerweile verletzte Joel Pohjanpalo seinen Ruf als Joker auch in Berlin bestätigen konnte.

Unions Manager Oliver Ruhnert hat ein gutes Händchen auf dem Transfermarkt bewiesen, den Kader weiter den Ansprüchen der Bundesliga angepasst und ganz nebenbei den teuersten Verkauf der Vereinsgeschichte eingetütet. Für 6,5 Millionen Euro wechselte Sebastian Andersson zum 1. FC Köln und kämpft nun dort gegen den Abstieg. In Köpenick ist der Schwede längst vergessen.

4. Standards

Es ist längst kein Geheimnis mehr: Union kann Standards. Vor allem Christopher Trimmel hat sich mit seinen punktgenauen Eckbällen und Freistößen einen Namen gemacht. Zwölf Treffer hat der Österreicher seit Unions Aufstieg in die Bundesliga mit seinen Standards vorbereitet. Das ist Rekord in den fünf größten Ligen des Kontinents. Trimmel bildet dabei vor allem mit dem enorm kopfballstarken Marvin Friedrich ein produktives Gespann. Das wissen inzwischen auch die hochbezahlten Kicker von Borussia Dortmund. Im letzten Heimspiel vor der Winterpause waren zwei Eckbälle Ursprung beider Unioner Tore, die schlussendlich zum 2:1-Sieg über die Borussia führte.

5. Fans

Dass die Eisernen Fans zu den leidenschaftlichsten des deutschen Profifußballs gehören, ist längst kein Geheimnis mehr. Im Pandemiejahr 2020 mit dem Klassenerhalt und einer spektakulären Hinrunde in der Bundesliga war das Fanverbot sicherlich besonders schmerzvoll in Köpenick. Und doch wussten die Union-Fans, zu begeistern. Als sie nicht ins Stadion An der Alten Försterei durften, sangen sie einfach vor dem Stadion so laut, dass die Spieler auf dem Rasen es laut und deutlich hören konnten. Als sie in geringer Anzahl dann wieder reindurften, sorgten 4.500 Fans für eine ähnliche Gänsehaut-Atmosphäre wie sonst 22.000. Nach der 1:3-Derby-Niederlage gegen Hertha BSC Anfang Dezember wurde der Mannschaftsbus von einer Abordnung ihrer Fans empfangen und aufgemuntert.

Die Corona-Pandemie hat das Eiserne Herz nicht aus dem Takt gebracht. Es pulsiert stärker denn je.

Sendung: rbb Abendschau, 27.12.2020, 19:30 Uhr

7 Kommentare

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  1. 7.

    Mit dem Stasiclub kann ich auch nichts anfangen. Aber Union empfinde ich sehr wohl als überheblich. Was Verein und Fans sich herausnehmen ist schon ne starke Nummer. Sie fühlen sich wohl als was besseres.
    Sei es das Treffen vorm Stadion (@6 Jürgen von Känel: was in Pandemiezeiten sehr wohl verboten ist - außer es zählt natürlich als triftiger Grund, was die Überheblichkeit der Unioner mal wieder bestätigen würde). Beim Bayernspiel musste ich mit dem Auto entlang der Försterei und musste über brennende Pyrotechnik fahren, weil die Fans meinten, diese nach dem Mannschaftsbus auf die Straße werfen zu müssen. Der Verein würdigt so ein Verhalten, in dem die das Video davon fleißig geteilt haben.
    Aber klar, die Unioner dürfen das alles, die sind ha kultig und sympathisch.

  2. 6.

    @Spandauer
    Punkt 6 und einseitige Berichterstattung? Ich bin sicher, dass auch über die Hertha positiv berichtet wird, sollte von dort mal wieder was positives berichtenswert sein.

    Punkt 5. Soviel ich weiss, hat niemand singen VOR der alten Försterei verboten.

  3. 5.

    Also ich mag Union schon seit DDR-Zeiten (im Gegensatz zum Stasi-Club BFC Dynamo). Ich finde diesen Club auch nicht überheblich (Dieter2.). Allerdings sollte man auch Reserven haben, wenn es wieder in die andere Richtung geht. Ich hoffe auf den Klassenerhalt. Bei diesem tollen Trainer sollte es wohl kein Problem sein...

  4. 4.

    Punkt 6 fehlt: die einseitige Berichterstattung des rbb, welche die Regeln des Rundfunkstaatsvertrages verletzt.

    zu Punkt 5: dass viele der Aktionen der "Fans" nicht in Einklang mit den Regeln waren wird nicht erwähnt, z.B. im Stadion singen trotz Verbot. Das ist weder kultig, noch etwas worauf ganz Berlin stolz sein kann, das ist ordnungswidrig und einfach nur bescheuert.

  5. 2.

    Tut mir leid, ich als Berliner und vor allem Köpenicker bin alles andere als stolz auf diesen Club.
    Dass Sie für 'ganz Berlin' sprechen wollen, passt in mein Bild der überheblichen FCU-Fans.

  6. 1.

    Ganz Berlin ist stolz auf seinen sympathischsten Fußballclub. Weiter so Jungs!
    U.N.V.E.U.

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