Union Berlin besiegt Borussia Dortmund - Die nüchternen Himmelsstürmer

Marvin friedrich bejubelt sein Tor mit Keita Endo (m.) und Grischa Prömel (r.). Quelle: imago images/Bernd König
Audio: Inforadio | 19.12.2020 | Jakob Rüger | Bild: imago images/Bernd König

Mit dem Sieg gegen Dortmund krönt der 1. FC Union eine starke Woche. Die Mannschaft konnte sich dabei auf die Tugenden verlassen, die der Trainer Urs Fischer vorlebt. Gerade die guten Standards stehen für dessen fußballerische Bodenständigkeit. Von Till Oppermann

Mangelt es einer Mannschaft an offensiver Durchschlagskraft, sprechen Fußballer gerne vom "fehlenden Punch". Dem Weltmeister Mats Hummels konnte man das nach der Niederlage seiner Dortmunder beim 1. FC Union nicht vorwerfen. Immerhin versuchte er, seinem Frust mit einem Faustschlag gegen eine Werbeplexiglasscheibe für die TV-Interviews Luft zu machen. Am Ergebnis änderte sein Ausbruch nichts: Nach dem 2:1 Heimsieg stehen die Köpenicker mit 21 Punkten vorerst auf dem fünften Platz – nur einen Zähler hinter Borussia Dortmund. "Wir sind absolut im Soll", kommentierte der Union-Kapitän Christopher Trimmel schmunzelnd im Gespräch mit dem ZDF.

Die Mannschaft weiß genau, was sie kann

Das ist selbstverständlich eine mächtige Untertreibung. Vor der Saison hatten viele das "verflixte zweite Jahr" beschworen und Unions Abstieg prognostiziert. Es folgte ein hervorragender Saisonstart, den manche Begleiter auf die schwachen Gegner schoben. Nach der Derbyniederlage gegen Hertha und der Verletzung des Topscorers Kruse wurde den Unionern dann endgültig das Ende ihres Höhenflugs prophezeit.

Stattdessen bestritt Urs Fischers Mannschaft eine englische Woche ohne Niederlage. Innerhalb von sechs Tagen gab es erst jeweils ein Remis gegen die Bayern und in Stuttgart und nun den Sieg gegen den BVB. Der Coach aber mochte weiterhin nur von einer "Momentaufnahme" sprechen. Das Ziel bleibt der Klassenerhalt. Und vielleicht bringt Urs Fischers zurückhaltende Bodenständigkeit die größte Stärke seiner Mannschaft auf den Punkt: Die Eisernen wissen ganz genau was sie können.

Am offensichtlichsten drängen sich die Offensivstandards der Köpenicker auf. Mit den beiden Toren von Taiwo Awoniyi und Marvin Friedrich war Union bereits acht Mal nach einem ruhenden Ball erfolgreich. Auch in der vergangenen Saison konnte sich die Mannschaft auf diese Situationen verlassen. Sie sind elementarer Bestandteil des Plans von Urs Fischer, der nach dem Spiel gegen Dortmund zusammenfasste: "Standards entscheiden Spiele." Was seine Mannschaft bei Ecken und Freistößen so stark macht, erklärte Fischer auch. Union habe gute Schützen und Kopfballspieler, die dahin gehen würden, wo es wehtue. Der Torschütze Marvin Friedrich bestätigte das: "Wir wissen alle, dass unser Kapitän Christopher Trimmel die Ecken punktgenau schlägt."

Unions Verteidiger Marvin Friedrich zeigt an, wer der Favorit ist (imago images/O. Behrendt)
Dass er so frei zum Kopfball kam, wunderte ihn dann selbst ein bisschen: Unions Innenverteidiger Marvin Friedrich. | Bild: imago images/O. Behrendt

"Das hat auch damit zu tun, wie sehr man den gewinnen will"

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Natürlich haben Spieler wie Friedrich und Trimmel herausragende Qualitäten, aber wuchtig köpfen und platziert flanken können viele Spieler in der Bundesliga. Trotzdem werden längst nicht alle Teams nach Standards gefährlich. Das hat einen Grund: Wohl keine Spielsituation im Fußball hebt Qualitätsunterschiede im offenen Spiel so sehr auf wie Hereingaben nach Ecken und Freistößen. Über ein Tor entscheiden nicht selten Konsequenz und Konzentration während der Umsetzung eingeübter Varianten.

Am Beispiel des zwischenzeitlichen Führungstreffers zum 1:0 lässt sich dieses Zusammenspiel gut beschreiben. Christopher Trimmel schlug einen hervorragenden Eckball auf den ersten Pfosten. Von dort verlängerte ihn Grischa Prömel wie einstudiert. Das sei bei einer guten Hereingabe unmöglich zu verteidigen, sagte Dortmunds Kapitän Hummels.

Was darauf folgte, schon: Der 18-jährige BVB-Flügelspieler Giovanni Reyna hätte lediglich Taiwo Awoniyis Weg zum Tor versperren müssen. Doch der Nigerianer folgte dem Plan konzentriert, löste sich von seinem Gegenspieler und nickte aus wenigen Metern problemlos zur Führung ein. Da müsse man am zweiten Pfosten mitgehen, monierte Hummels und: "Das hat auch damit zu tun, wie sehr man den gewinnen will."

Urs Fischer stimmte Hummels aus seiner entgegengesetzten Perspektive zu: Der Sieg seines Teams sei eine Willensleistung gewesen. Anders als nach den Ausgleichstoren gegen Bayern und den VfB konnte seine Mannschaft am Freitag zurückschlagen, nachdem der erst 16 Jahre alte Youssoufa Moukoko mit seinem ersten Bundesligator das 1:1 für Dortmund geschossen hatte. Erneut war die Fischer-Elf danach konzentrierter bei einem Standard.

Nach der Auswechslung des entkräfteten Trimmel übernahm Cedric Teuchert die Verantwortung für die Ecken. Während seine erste so flach und harmlos auf den ersten Pfosten kam, dass der BVB sie problemlos verteidigen konnte, bereitete er mit der zweiten den Siegtreffer durch Friedrich vor. In Erwartung der nächsten kurzen Variante stürmten die Dortmunder zum Fünfereck. In ihrem Rücken vergaßen sie Unions Innenverteidiger, der unbedrängt zu seinem vierten Saisontor einköpfte.

Sieg trotz sieben fehlender Union-Spieler

"Da stand ich erstaunlich frei", gab der Torschütze Friedrich hinterher zu. Fehlende Konzentration ist derzeit kein Problem der Unioner. Genau den Fokus, der die Standards gefährlich machte, zeigten Friedrich und seine Mitspieler auch gegen den Ball. Um Dortmunds 4-2-3-1-Taktik zu spiegeln, hatte Urs Fischer auch seine Mannschaft mit einer Viererkette auf den Platz geschickt.

Erneut verhalfen die mannorientierte Deckung und das konsequente Pressing ab der Mittellinie Union zu einer vorbildlichen Defensivleistung. Die Berliner stellten Dortmunds defensive Mittelfeldspieler zu und nahmen dem BVB die Breite im Spiel. "Wir haben dem Gegner sehr wenig Raum gegeben", lobte Friedrich. Das gelang auch wegen einer ausgezeichneten Laufleistung. Die Eisernen legten acht Kilometer mehr zurück als die Gäste und ließen nach ihrer zweiten Führung nichts mehr zu.

Obwohl die Kraft für Konter fehlte und sich die Abwehr um Friedrich darauf verlegte, die Dortmunder Angriffe zu stoppen und den Ball möglichst weit wegzuschlagen, kam Union gegen den Vizemeister nicht mehr in Bedrängnis. Umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass der Trainer auf sieben verletzte oder gesperrte Spieler verzichten musste. Aber Fischer wäre nicht Fischer, wenn er nicht auch in dieser Situation die Ruhe bewahren würde: "Wir sind sportlich auf dem richtigen Weg", fasste er den Abend zusammen. Es ist auch diese Nüchternheit, die seine Mannschaft so erfolgreich macht.

Sendung: Inforadio, 19.12.20, 7:16 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

8 Kommentare

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  1. 8.

    Der Spieltag lief für den FCB :-) Yes

  2. 7.

    Grüße nach Bayern! Der FCB und auch deren (Ultra-) Fans sind bei Union Anhängern ja nicht unbeliebt; ich erinnere mich noch gerne an die Freundschafts- bzw. Benefizspiele, bei denen die Bayern nicht nur mit der "dritten Garde", sondern auch mit Stars in der AF aufgelaufen sind.

  3. 6.

    Jeder Punkt ist ein Punkt gegen den Abstieg.
    Ich erinnere daher an die Millionäre von Hertha.
    In den letzten Jahren ,immer tolle Hinrunde und dann abgekackt.
    Ja ich bin Rot Weißer und das seit 1965,Dank an meinem Vater ! Wir bleiben auf dem Teppich und das verdammt.ist gut so.

  4. 5.

    Ein Corona Leckerbissen in der Glotze.

  5. 4.

    Danke!Das ist ein wirklich guter Kommentar!

  6. 3.

    Schöner (Gesamtberliner) Kommentar zum Fußballgeschehen in der Stadt !
    EISERN

  7. 2.

    Es ist momentan einfach ein Genuss den Spielen von Union Berlin zuzusehen. Das trotz der vielen Erfolge zu beobachtende, angenehm bescheidene Auftreten des Vereins, seiner Verantwortlichen und nicht zuletzt seiner Spieler rundet das positive und sympathische Erscheinungsbild zusätzlich ab. Ob man will oder nicht, man wird zum Fan von Union Berlin und es fühlt sich einfach nur gut an. Berlin kann stolz auf seinen FC Union sein, genauso wie es stolz auf seine Hertha sein kann. Der Berliner Fussball lebt, mehr und eindrucksvoller als jemals zuvor!

  8. 1.

    Es ist doch erfreulich, daß zu den wenigen Spitzenvereinen noch Union Berlin stößt. Nur starke Mannschaften heben das Niveau der Liga und fordern die Mitbewerber zu Leistung auf. Aber nicht nur die Mannschaft verdient ein Lob. Auch der Trainer hat sehr gute Arbeit gebracht und läßt offensiv spielen. Weiter so wünscht euch ein Bayern Fan.

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