Analyse nach dem 3:1 im Stadtderby - Hertha nutzt die Überzahl eiskalt

2: 1 durch Krzysztof Piatek Hertha BSC Berlin
Audio: Inforadio | 05.12.2020 | Astrid Kretschmar | Bild: www.imago-images.de

Hertha BSC gelingt ein verdienter Sieg im Stadtduell mit dem 1. FC Union. Eine rote Karte beeinflusst den Spielverlauf, weil Unions Kraft schwindet und Hertha das effizient bestraft. Beide Trainer können aus dem Spiel einige Lehren ziehen. Von Till Oppermann

Vielleicht hat Robert Andrich das alte Derbymotto seines Vereins am Freitagabend etwas zu ernst genommen. Nachdem der 1. FC Union vor ungefähr einem Jahr noch in der ganzen Stadt vor dem Spiel gegen Hertha BSC "Berlin sieht Rot" plakatierte, galt das bei der zweiten Neuauflage im Olympiastadion nur für den Mittelfeldspieler.

In der 23. Minute des Stadtderbys traf Andrich seinen Gegenspieler Lucas Tousart nach einem übermotivierten Einsteigen mit der offenen Sohle am Hals. Zurecht schickte Schiedsrichter Felix Brych ihn danach vorzeitig unter die Dusche – und gab damit dem Spiel die Richtung vor: "Das war ausschlaggebend", klagt Unions Kapitän Christopher Trimmel später. Damit hat er Recht. Denn die Gäste hatten Hertha bis dahin im Griff, führten 1:0 und ließen auch nach dem Platzverweis bis zur Halbzeitpause so gut wie nichts zu. Nach dem Spiel jubelt trotzdem Hertha mit Niklas Stark: "Berlin ist Blau-Weiß – wie immer."

Eine Umstellung bringt Hertha auf die Siegerstraße

Bis zum Pausenpfiff gewann Union-Trainer Urs Fischer das taktische Duell mit Hertha-Coach Bruno Labbadia klar. Der hatte sich dafür entschieden, mit Tousart anstelle des Stürmers Krysztof Piatek nur auf zwei klassische Offensivkräfte zu zählen. Hinter den beiden Angreifern Matheus Cunha und Dodi Lukebakio setzte der 54-Jährige auf eine Raute im Mittelfeld. Auf dieses 4-4-2-System der Westberliner reagierte Fischer mit einer überraschenden Aufstellung.

Anstelle des Flügelspielers Sheraldo Becker spielte mit Julien Ryerson ein dritter Innenverteidiger. Gemeinsam mit einem Trio um Andrich hielten die Unioner so die Mitte dicht und drängten Hertha wieder und wieder auf die Außenbahn, wo die beiden Außenverteidigern Christopher Lenz und Trimmel das Aufbauspiel ohne Probleme stören konnten. Trotz 70 Prozent Ballbesitz agierte Hertha einfallslos – auch in Überzahl. Ohne Andrich rückte kurzerhand Torschütze Taiwo Awoniyi zurück und füllte dessen Position gegen den Ball aus. "Der Gegner hat es einfach gut gemacht", lobt Labbadia.

Wechsel im Mittelfeld

Weshalb sich der Übungsleiter für den zweiten Durchgang etwas einfallen lassen musste. Man habe umgestellt und die schlechte Positionierung in der ersten Halbzeit angesprochen, erklärt Niklas Stark im TV-Interview nach Abpfiff. "Das haben wir dann besser gemacht." Um Lenz und Trimmel vor schwierigere Aufgaben zu stellen, wechselte Labbadia zwei Offensivkräfte ein. Die Mittelfeldspieler Vladimir Darida und Tousart wurden durch Javairo Dilrosun und Krysztof Piatek ersetzt. Von nun an formierten sich die Herthaner im gewohnten 4-2-3-1 mit zwei klaren Flügelspielern.

"Wir haben die Außen besser besetzt und Union so mehr laufen lassen", ergänzt Labbadia. Mit einem schönen Nebeneffekt: Herthas Topscorer Matheus Cunha musste sich nun nicht mehr in vorderer Front aufreiben. Im ersten Durchgang liefen 55 Prozent der Hertha-Angriffe über die linke Seite. Unions enge Defensive drängte den Spielmacher nach außen. Keine seine Aktionen zeigte Wirkung. Nachdem die Flügel nach dem Seitenwechsel klar besetzt waren, spielte Cunha auf seiner Lieblingsposition in der offensiven Mittelfeldzentrale. Gut fünf Minuten danach bewies der 21-Jährige, warum er in dieser Zone so gefährlich ist: Nachdem er mit einem Dribbling endlich mal das enge Mittelfeld der Unioner überwand, fasste er sich ein Herz und zog aus 22 Metern ab. Den Abpraller dieses Schusses verwertete Peter Pekarik zum Ausgleich.

Hertha glänzt nur individuell

Spätestens ab diesem Ausgleich war klar, dass sich das Spiel drehen würde: "Wir haben es bis zum 1:1 sehr gut verteidigt, dann ließ die Kraft nach", klagt Trimmel. So sehr, dass die Charlottenburger Gastgeber ohne großen Aufwand das zweite und dritte Tor nachlegen konnten, weil sie von weiteren individuellen Fehlern der Unioner eingeladen wurden. Urs Fischer kommentiert lakonisch: "In der zweiten Hälfte war Hertha sehr effizient" und sein Kollege Labbadia antwortet: "Wir haben mit einem mittelmäßigen Spiel drei Punkte geholt."Tatsächlich gelang seiner Mannschaft auch in Überzahl in der zweiten Hälfte nicht genug. Wie schon letzte Woche in Leverkusen präsentierte sich Hertha im eigenen Ballbesitz nicht kreativ genug.

Die Tore waren so – neben den Fehlern der Eisernen – eher Produkt der individuellen Klasse im Kader. Außer Cunha glänzte Doppeltorschütze Piatek besonders. Er beendete seine Krise mit einer feinen Drehung im Strafraum vor dem 2:1, das Unions Keeper Andreas Luthe mit der schlechten Weiterverarbeitung eines 50-Meter-Rückpass von Max Kruse eingeleitet hatte und einem trockenen Volleyabschluss zum 3:1. "Ich freue mich sehr für ihn", gratuliert Labbadia. Gleichwohl sollten die drei Tore im Derby nicht darüber hinwegtäuschen, das auf dem Weg zu einer wirklich spielstarken Offensivabteilung noch jede Menge Arbeit bevorsteht. Mit Mönchengladbach wartet kommende Woche der nächste gute Gegner.

Bei Union stellen sich mehrere Personalfragen

Eine solche haben die Eisernen bereits. Vor dem Spieltag stellte Union mit 21 Toren den zweitbesten Angriff der Liga. Heute gelangen diesem dennoch nur drei Abschlüsse. Das lag neben der Unterzahl sicher auch an der schwindenden Kraft. Allerdings hätte man sich gerade nach dem Ausgleich auch eine andere Reaktion vorstellen können. Beispielsweise eine Rückkehr zur Viererkette um statt der fünf Verteidiger in letzter Linie das Mittelfeld zu stärken und den Weg zum gegnerischen Tor zu verkürzen.

Mit Sheraldo Becker, Marius Bülter und Keita Endo standen Fischer einige schnelle Joker zur Verfügung. Er entschied sich stattdessen dafür, mit Sebastian Griesbeck für Stürmer Awoniyi vorerst einen weiteren Defensivmann bringen. Angesichts des komfortablen Punktepolsters nach dem guten Saisonstart ist das ein legitimer Ansatz. "Wir haben alles versucht, gekämpft, aber am Ende war es in Unterzahl einfach zu schwierig", so Trimmel. Viel schwerer als die Niederlage wiegt deshalb etwas anderes. In der Nachspielzeit verletzte sich Topscorer Kruse, der bisher an ungefähr zwei Dritteln der Saisontore beteiligt war.

Neben Andrich, der nach seiner roten Karte gesperrt wird, könnte auch der Ex-Nationalspieler in den nächsten Wochen fehlen. "Wenn du diese zwei Spieler verlierst, wird es für die nächsten Wochen ganz schwer", klagt Trimmel, der für die kommenden Tage eine klare Devise ausgibt: "Wir müssen regenerieren." Denn nächste Woche Samstag kommt mit dem FC Bayern der wohl schwerste Gegner der Saison ins Stadion an der Alten Försterei. Dafür müsse man Spieler finden, die bereit seien, so Kapitän. Nicht die einzige Denkaufgabe für Urs Fischer. Nachdem Luthe gegen Hertha doppelt patzte und schon in den vorherigen Spielen nicht immer größte Sicherheit ausstrahlte, steht weiter ein Torwartwechsel im Raum. Mit Loris Karius lauert immerhin der ehemalige Stammkeeper des FC Liverpool auf den Platz im Tor. Der Mannschaftskapitän möchte sich in dieser Frage nicht positionieren. Stattdessen lobt er den Zweikampf, der beide Torhüter besser mache. Ob das auch für den Zweikampf der beiden Berliner Bundesligisten gilt, wird sich Anfang April zeigen. Dann empfängt Union Hertha BSC und hofft auf Revanche.

Beitrag von Till Oppermann

17 Kommentare

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  1. 17.

    Tja, da sind die roten Hämmerchen halt selbst schuld gewesen, wenn ein rotes Hämmerchen gewissermaßen hyperventiliert. Nachdem zwei gelbwürdige Fouls von diesem Hämmerchen unerklärlicherweise nicht geahndet wurden, glaubte dieses eine rote Hämmerchen weiter so rüde spielen zu können ... Und niemals vergessen 3:1 für blaue Hämmerchen!!!

  2. 16.

    Der Druck unbedingt gewinnen zu müssen, hat Hertha in der ersten Halbzeit nicht vernünftig gestaltet. Das war auch taktisch schlecht. Die zweite Halbzeit, nach der Umstellung, hat man dann, nach schnellem Anschlusstor, relativ gelassen gespielt und die Aufgaben ruhig gelöst. Einige nennen sowas abgeklärt. So richtig gefallen haben eigentlich nur die 3 Punkte, die bei Hertha geblieben sind. Piatek hat seine Sache gut gemacht, sollte im Winter aber nach Florenz wieder verkauft werden. Hertha hat noch Baustellen offen.

  3. 15.

    Hm, wen sprechen Sie denn gerade an? Beim Thema Fußball und insbesondere bei der Rivalität zwischen Hertha und Union sind die Fans nunmal nicht mehr freundschaftlich verbunden, im Gegenteil. Es entwickelt sich eine Feindschaft. Das ist aber nicht berlintypisch. Es gibt im Fußball viele Varianten der Fankultur. Muss man nicht mögen, kann man verurteilen aber letztendlich ist es nur Fußball und somit eben immer noch die „schönste Nebensache der Welt“. Und das mit der Kommentarfunktion Kamm der RBB schon selbst entscheiden. Niemand wird gezwungen nach dem Bericht die Kommentare zu lesen. Aber offenbar sind Sie so einer, der sich einfach nur aufregen will.

  4. 14.

    Nur 3:1 bei einem Spieler mehr, ist zu wenig. Aber die gerechte Strafe bei ungezügelten Foul.
    Ich finde mehr Fairness angebracht, es ist schließlich noch Sport.

  5. 13.

    Es wird hier keine gezwungen zu lesen oder gar zu schreiben.
    Bis jetzt fand ich diese Kommentare hier eher harmlos, da habe ich schon wesentlich schlimmeres unterhalb der Gürtellinie gelesen.

  6. 12.

    Sieht man ganz deutlich, wenn man sich die Tabelle anschaut ...
    Wenn viele blaue Hämmerchen gegen weniger rote Hämmerchen spielen, können auch meine Enkel gewinnen.

  7. 11.

    Es ist erschreckend was hier so "kommentiert" wird. Dieses Niveau hat der Fußball in unserer Stadt nicht verdient. Es ist zu überlegen ob diese Kommentarfunktion überhaupt noch Sinn macht.

  8. 10.

    Soll man jetzt alles abschaffen bzw. einstellen? Wenn Sie Fußball nicht interessiert, brauchen Sie ja hier nicht Ihren Senf hier dazu geben.

  9. 9.

    Charlottenburg hat Köpenick gezeigt, wo der Hammer hängt! Ha ho he!

  10. 8.

    Freue mich das Hertha gewonnen hat und hoffe der Aufwärtstrend hält weiter an. Ich finde es allerdings auch sehr gut das Union in der Bundesliga spielt. Ich drücke Union weiterhin die Daumen, allerdings bin ich beim Lokalderby für Hertha gewesen.

  11. 7.

    „wär“ wird mit „e“ geschrieben - eiserne Grüße ;-)

  12. 6.

    Alles egal, wär hat gewonnen:-) Stadtmeister ist Hertha.

  13. 5.

    Angenehm einen Spielbericht zu lesen, der nicht nach dpa-Einheitsbrei aussieht, taktisch in die Tiefe geht ohne dabei langweilig zu werden.

  14. 4.

    Wir sind immer noch an Anfang der Saison. Abstieg, Meisterschaft usw. sind für alle Vereine noch kein Thema

  15. 3.

    Im Bericht fehlt mir aber jetzt die Eilmeldung der Hertha Verantwortlichen das die CL Teilnahme schon wieder in greifbare Nähe gerückt ist.

  16. 2.

    Scheiß fußball. Müste sofort verboten werden . Ich glaube Berlin hat andere sorgen.

  17. 1.

    Nicht systemrelevant.

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