Torhüterin Ann-Katrin Berger (Quelle: imago images/Markus Endberg)
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Interview | Ann-Katrin Berger - "Die Zeit in Potsdam hat mich als Mensch und Fußballerin sehr geprägt"

Ann-Katrin Berger debütierte Anfang Dezember im Tor der DFB-Frauen. Ihr Weg dorthin war schwer. Im Interview spricht sie über ihre Krebserkrankung und die Folgen, prägende Jahre bei Turbine Potsdam und einen Wunsch für ihre "Heim-EM" 2022.

rbb|24: Frau Berger, am 1. Dezember haben Sie Ihr Debüt in der Nationalmannschaft gegeben. Mit welchen Gedanken sind Sie am Abend zuvor ins Bett gegangen?

Ann-Katrin Berger: Ich glaube, da muss ich viele enttäuschen. Ich bin mit einem normalen Gewissen ins Bett gegangen. Natürlich auch mit Vorfreude, aber die habe ich vor jedem Spiel, weil ich jedes Spiel wirklich genieße.

Wie blicken Sie jetzt - nach ein paar Tagen - auf Ihr erstes Länderspiel zurück?

Ich bin natürlich immer noch stolz darauf, für mein Vaterland aufzulaufen. Ich glaube, es hat mich auch geprägt, denn internationaler Fußball ist immer etwas anderes. Aber ich fühle mich immer noch normal. Es hat einfach nur unfassbar Spaß gemacht.

Ihr Weg bis in die Nationalmannschaft war nicht unbedingt gewöhnlich. Ihre erste Bundesliga-Station war 2011 Turbine Potsdam. Wie kam der Wechsel damals zustande?

Ich habe einfach ein bisschen Glück gehabt. Wir haben damals mit Sindelfingen gegen Potsdam gespielt. Der ersten Torhüterin ging es an dem Tag anscheinend nicht so gut, deswegen durfte ich spielen. Weil wir als Zweitligist gegen Potsdam nur mit 0:1 verloren haben - und das in den letzten Minuten – habe ich Bernd Schröder (damaliger Trainer von Turbine, Anm.d.Red) glaube ich, einfach zu Denken gegeben. So ist das dann gekommen.

Mit Turbine sind Sie 2012 Deutscher Meister geworden. Inwiefern hat die Zeit in Potsdam Sie geprägt?

Die hat mich als Mensch und als Fußballerin wirklich sehr geprägt. Da bin ich mental und körperlich sozusagen erwachsen geworden. Ich war damals einfach ein richtiges Mutterkind und wollte eigentlich nie von meinem Heimatort weg. Es war wirklich harte Arbeit, die Umstellung von zwei Mal pro Woche auf zwei Mal täglich Training. Das war wirklich brutal, da habe ich viel Willenskraft aufbringen müssen. Es waren einfach viele Emotionen dabei: weg von meiner Familie, der erste Auszug. Und die körperliche Anstrengung war ich einfach nicht gewohnt. Bei so einem Topverein war es natürlich doppelt so anstrengend. Die Turbine-Schule war in dieser Zeit sehr berüchtigt, gerade durch unseren Trainer Bernd Schröder. Da hatte ich viele Momente, wo ich mal in die Ecke bin und Zeit für mich brauchte, um das alles zu verarbeiten.

Sportlich ging es für Sie danach in Frankreich und England weiter. Zu Ihrer Geschichte gehört aber auch Ihre Krebserkrankung, die 2017 festgestellt wurde. Inwiefern hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Ich habe mir am Anfang eigentlich geschworen, dass mich das nicht zu stark beinträchtigen sollte. Aber wenn man durch so etwas geht, sieht man nicht alles als selbstverständlich. Das ist eine der größten Wahrnehmungen, die ich empfunden habe. Ich habe mir das auch selber gesagt: Manchmal hat man nicht allzu viel Zeit. Mach es lieber jetzt als später. Und die Willenskraft hat mich auch ein bisschen geprägt. Ich dachte immer, ich war schon an meinem Limit. Durch die Erkrankung habe ich dann gemerkt, dass eigentlich niemand weiß, wo sein Limit ist. Du weißt nie, wie stark du aus irgendwelchen Situationen rauskommst.

Welche Herausforderungen hatten Sie auf dem Weg zurück in den Profisport - körperlich und mental?

Mental würde ich sagen, dass ich viel zu viel darüber nachdenke, dass es nicht mehr reicht. Der Frauenfußball heutzutage wird größer. Es wird einfach immer schwerer, als Profisportler anerkannt zu werden. Da war es mental sehr schwierig für mich, wieder reinzukommen, weil man mit den Gedanken woanders ist. Körperlich hatte ich Angst, dass bei der Operation etwas schiefgehen könnte, denn dann müsste ich meine ganze Karriere hinschmeißen. Danach habe ich mich dann sehr schwach gefühlt. Der Körper hat einfach nicht so funktioniert, wie der Geist eigentlich wollte. Gerade, weil die Operation am Hals war, hatte ich die Gedanken, dass ich nicht stark genug bin, einen Ball abzubekommen. Aber dank der guten Reha war der Gedanke, dass ich das körperlich nicht schaffe, schnell vergessen.

Sie haben sich mal selbst als Kontrollfreak bezeichnet. Inwiefern hat sich das ausgewirkt?

(lacht) Ich glaube, manchmal ist das nicht so gut, so zu sein. Gerade, weil man einfach das Vertrauen in die Ärzte haben muss und da einfach keine Kontrolle über seinen Körper hat. Das war für mich eine der größten Herausforderungen, fremden Leuten meine Zukunft anzuvertrauen. Damit hatte ich vor der Operation lange zu kämpfen. Danach hatte ich dann wieder alles in meiner Hand und habe mich auch wieder wohler gefühlt. Aber weil ich ein Kontrollfreak bin, wusste ich auch, dass alles funktionieren wird, weil ich einfach alles gut bedacht habe. Das hat mir sehr geholfen.

Es gab immer wieder Diskussionen, ob der Frauenfußball in Deutschland von anderen Ligen in Europa überholt wurde. Wie sehen Sie das?

Seit ich in England bin, also bald seit fünf Jahren, hat sich die Liga um einiges und vor allem im Positiven verändert. Ich würde sogar sagen, dass die englische Liga eine der ausgeglichensten in Europa ist. Ich glaube, da muss Deutschland mitziehen und die Liga wieder attraktiver machen, damit Spieler nicht nur nach Wolfsburg oder Bayern gehen.

Welche Ziele haben Sie sich denn für das kommende Jahr gesetzt?

Fußballerisch möchte ich natürlich mehr Einsätze für die Nationalmannschaft. Dadurch, dass ich jetzt mein erstes Spiel gemacht habe, wurde der Ehrgeiz auf mehr geweckt. Natürlich wollen wir in der englischen Liga versuchen, den Titel wieder zu verteidigen. Mit diesem Team, was wir jetzt haben, muss das Finale der Champions League auf jeden Fall drin sein.

Zum Schluss blicken wir noch ein bisschen weiter in die Zukunft: Die EM 2022 findet in England statt, dort spielen Sie aktuell bei Chelsea. Wie groß ist der Wunsch, dann im DFB-Tor zu stehen?

Das Verlangen darauf ist riesengroß. Da packt mich einfach mein Ehrgeiz. England ist eigentlich mein zweites Zuhause. Deswegen muss ich Spiel für Spiel zeigen, was ich draufhabe und danach liegt es nur in der Trainerhand, ob sie mich mitnimmt oder auch spielen lässt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lisa Surkamp, rbb Sport. Es handelt sich um eine leicht gekürzte und redigierte Version des Gesprächs.

Sendung: rbb24, 11.12.2020, 21:45 Uhr

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