Ex-Herthaner Marko Rehmer (Quelle: imago images/Metodi Popow)
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Interview | Ex-Herthaner Marko Rehmer - "Man hat nie so richtig das Gefühl, dass sich eine Einheit bildet"

Drei Trainer, zwei Derbysiege - und ein Ziel: dass es 2021 besser wird. Das dürfte sich Hertha BSC nach einem schwierigen Jahr wünschen. Ex-Herthaner Marko Rehmer blickt im Interview zurück und erklärt, warum er für das neue Jahr optimistisch ist.

rbb|24: Herr Rehmer, hinter Hertha BSC liegen schwierige zwölf Monate. Was macht denn Hoffnung, dass es im neuen Jahr bergauf geht?

Marko Rehmer: Im Fußball kann sich immer viel tun. Hertha hat einen guter Kader. Es gibt Hoffnung, wenn Spieler, die jetzt noch ihren Leistungen hinterherlaufen, einen Sprung machen. Sonst müssen die sportlich Verantwortlichen dann sicher auch dafür gerade stehen. Aber ich schaue schon noch eher positiv darauf, obwohl man gerade in den letzten beiden Spielen gegen Mainz und Freiburg wieder ein bisschen in diesen alten Trott reingekommen ist. Davor gab es einen leichten Trend nach oben - auch mit dem Derbysieg, der sehr wichtig war. Jetzt kommt Schalke, das ist ein sehr wichtiges Spiel. Ich glaube, dass man da vielleicht auch wieder eine kleine Serie starten kann.

Solche Positiv-Serien gab es 2020 viel zu selten. Wie schauen Sie auf die vergangenen Monate aus blau-weißer Sicht zurück?

Es war natürlich ein sehr turbulentes Jahr. Es ging im Jahr davor mit der Verpflichtung von Klinsmann los. Da war volle Euphorie und man hat das Gefühl gehabt, jetzt tut sich was, jetzt geht es richtig los. Der Saisonabschluss war dann sehr turbulent. Erst Klinsmann weg, dann hat Nouri übernommen, dann kam Bruno Labbadia. Er hat die Mannschaft ein bisschen stabilisiert und sie zumindest richtig aus dem Abstiegskampf rausgeführt. Dann wurde der Verein auf dem Transfermarkt tätig. Die Spieler, die geholt wurden, sind ganz gute Spieler. Es war schon ein sehr abwechslungsreiches Jahr 2020 für Hertha.

Sie sprechen es an: Die Berliner haben viel Geld in die Hand genommen, teure Transfers getätigt. Der Erfolg bleibt aber bisher aus. Woran liegt das?

Zum einen sagt man ja: Erfolg kann man nicht kaufen. (lacht) Ich denke schon, dass jeder für sich ein sehr guter Spieler ist. Aber es funktioniert als Ganzes noch nicht richtig, vielleicht gibt es da bei dem einen oder anderen auch Anpassungsschwierigkeiten. Dadurch kann man zusammen das Potenzial noch nicht rausholen. Piatek vorne im Sturm, der hat sicherlich schon gezeigt, dass er es kann, aber aktuell funktioniert es nicht. Aber da kommt auch zu wenig Offensivaktion aus dem Mittelfeld. In der Abwehr wird immer wieder viel umgestellt. Defensiv hat man zu viele Probleme, jeder Einzelne ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Dann fällt verletzungsbedingt immer wieder jemand aus. Man hat nie so richtig das Gefühl, dass sich dort eine Einheit bildet. Das muss schnellstmöglich passieren.

Was sollte sich aus Ihrer Sicht denn noch ändern für 2021?

Einfach mal in nackten Zahlen gesprochen: mehr Punkte holen. 13 Punkte aus 13 Spielen, das ist natürlich viel zu wenig. Ich glaube, dass daran auch alle gemessen werden. Da muss jetzt mehr passieren. Man muss gucken, dass man da jetzt eine Einheit auf den Platz bringt. Mir fehlt die mannschaftliche Geschlossenheit. Was mir auch fehlt, sind zwei, drei Führungsspieler, die auch mal das Heft in die Hand nehmen, wenn es nicht gut läuft. Richtige Führungsspieler zeigen sich auch immer erst in so einer Situation wie jetzt.

Das langfristige Ziel von Hertha und Investor Windhorst bleibt der internationale Fußball. Sie haben genau das schon mit Hertha erlebt, als die Berliner vor 20 Jahren in der Champions League waren. Was hat die Mannschaft damals ausgezeichnet?

Eigentlich das, was ich zurzeit bei Hertha bemängelt habe. Wir hatten mit Sicherheit auch sehr gute Einzelspieler, aber ich glaube, dass wir als Mannschaft funktioniert haben. Wir hatten Typen auf dem Platz, die auch mal dazwischengegangen sind, wenn es mal nicht läuft. Ich glaube, das ist auch ein Lernprozess. Mit Erfolgserlebnissen ist man viel positiver eingestellt. Aktuell ist die Situation so, dass man sagt: Wenn du heute verlierst, bist du wieder weiter unten. Da muss einfach ein Ruck durch die Mannschaft gehen.

Auch abseits des Sportlichen läuft nicht alles reibungslos bei Hertha. Erst am Montag haben die Berliner einen Hauptsponsor bis Saisonende vorgestellt. Warum tut sich Hertha auch abseits des Platzes so schwer?

Ich weiß nicht, was das Anforderungsprofil an einen neuen Trikotsponsor ist. Vielleicht hat man da auch zu hoch gedacht. Ich denke schon, dass es attraktiv ist, bei einem Hauptstadtklub vorne auf der Brust zu sein. Vielleicht spielt auch die Corona-Krise eine Rolle. Wie soll man das begründen, wenn man Arbeitsplätze streicht und für Hertha vier Millionen Euro im Jahr ausgibt? Das spielt bestimmt auch eine große Rolle. Ich hoffe aber, dass man da auch einen langfristigen Partner findet.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lisa Surkamp, rbb Sport.

 

Sendung: Inforadio, 28.12.2020, 06:15 Uhr

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