Interview | Diskus-Olympiasieger Robert Harting - "Den Rest des Tages bin ich Daddy"

Robert Harting zerreißt nach seinem Olympiasieg 2012 sein Trikot (Quelle: imago images/Annegret Hilse)
Bild: imago images/Annegret Hilse

Robert Harting ist zum besten Berliner Sportler der letzten vier Jahrzehnte gewählt worden. Im Interview erklärt der Olympiasieger, was ihm die Auszeichnung bedeutet, ob er als Trainer in den Sport zurückkehren will und wie sein Alltag als Vater aussieht.

rbb|24: Robert Harting, Sie wurden als der beste Sportler der letzten 40 Jahre in Berlin ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen das?

Robert Harting: Das ist schon echt cool, vor allem, weil man das jetzt nach dem Karriereende nochmal ein bisschen besser verarbeiten kann. Wenn man Athlet ist, rauscht man ja immer nur durch die Awards. Ich habe mir das aber nie zu träumen gewagt. Ich bin mit 15 Jahren nach Berlin gekommen. Die Stadt war groß und für mich überhaupt nicht einsehbar. Aber die Menschen, die Meinungen und die Freiheit für die Persönlichkeit: Das hat mir sehr gefallen. Ich finde es geil, dass die Stadt, mit der ich mich entwickelt habe, das so entschieden hat.

Sie haben anderthalb Jahre alte Zwillinge, auch Sie sind von der Pandemie-Situation betroffen. Wie sieht denn aktuell Ihr Alltag aus?

Mein Alltag besteht aus sechs Stunden Arbeit. Ich habe eine eigene Kreativ-Agentur, die sich mit Kommunikation im Sport beschäftigt. Da lerne und entwickle ich mich persönlich natürlich noch und finde das sehr spannend. Den Rest des Tages bin ich Daddy.

Vermissen Sie den Leistungssport manchmal?

Ich habe mir letztens ein paar Videos angeschaut, auch von anderen Sportlern und das hat schon geprickelt. Es war schon geil. Was ich am Leistungssport vermisse, ist die Einfachheit – so grotesk es sich jetzt anhört. Man steht jeden Tag auf und weiß, man kann etwas und das trainiert man. Jetzt steht einem das Leben zur Verfügung. Das war damals nicht so, weil der Alltag ja so geprägt war. Das finde ich schwerer, das muss ich ganz klar sagen. Ich glaube auch, das Alter, in dem man das macht, bietet eigentlich noch so viele Chancen nebenbei. Ich ärgere mich ein bisschen, während des Leistungssports nicht noch drei, vier andere Dinge ausprobiert zu haben. Aber was ich nicht vermisse, ist natürlich das harte Training.

Sie haben sich ein bisschen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Hat das einen bestimmten Grund?

Klar, ich bin nach meinem letzten Jahr noch für ein Jahr an die Uni gegangen und habe meinen Master fertig gemacht. Das wollte ich natürlich genauso gut machen, wie meinen Sport. Da ist meine Einstellung gleich gewesen. Danach bin ich ja Daddy geworden und ich wollte mich auch ein bisschen erholen und auch ein bisschen Charakterfindung betreiben. Das ist etwas, was man unterschätzt. Man hat im Leistungssport diese klare Linie und die auch für das Leben danach zu finden, ist eine große Aufgabe. Dafür braucht man Ruhe, deswegen habe ich mich auch ein bisschen zurückgezogen.

Ihre Frau Julia Harting (Diskuswerferin, Anm. d. Red.) trainiert für die Olympischen Spiele, die im kommenden Jahr in Tokio stattfinden sollen. Wie haben Sie die ganze Diskussion rund um diese Spiele wahrgenommen und wie bewerten Sie die?

Es dauerte ja eine Weile, bis sich Thomas Bach entscheiden konnte, das nicht durchzuführen. Das war überholt, denn andere Großveranstaltungen haben ja sofort verstanden, worum es da geht. Das war ein zähes Ringen und die Sportler hoffen natürlich, dass es stattfindet, weil sie nicht so richtig flexibel sind. Aber jeder Sportler wusste, dass das nicht geht. Deswegen fanden wir die Entscheidung natürlich gut. Aber es war strapaziös, weil dann erstmal ein Loch entstand, womit man nicht gerechnet hat. Ich glaube, dass jetzt die Konzepte so weit sind, dass man Olympische Spiele auch unter den Ümständen der Pandemie und ihrer Problemen durchführen kann. Es ist möglich, völlig reduzierte und emotionskarge Olympische Spiele stattfinden zu lassen. Ich glaube auch, dass im Sommer ein ganz anderer Status bezüglich des Wissens um die Pandemie herrschen wird. Ich denke schon, dass da noch Verbesserungen kommen. Aber jetzt ist es ganz klar: Wir müssen erstmal alle zu Hause bleiben.

Können Sie sich denn vorstellen, zum Beispiel als Trainer zum Leistungssport zurückzukehren?

Als Trainer nicht, denn ich bin selber sehr ungeduldig. Und ich weiß auch, wie anstrengend so ein Trainerjob mit einem Athleten ist, der etwas erreichen möchte. Ich beneide meine Trainer auch nicht, denn die haben durch mich auch gelitten. Und ich möchte auch Geld verdienen für meine Arbeit. Der Trainerjob ist für 60 Stunden pro Woche mit 1.200 Euro netto nicht repräsentativ für die heutige Kostenstruktur. Da muss extrem viel passieren und das kann ich mir irgendwie auch nicht antun.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Uri Zahavi, rbb Sport. Es handelt sich um eine leicht gekürzte und redigierte Fassung.

Sendung: rbb UM6, 15.12.2020, 18 Uhr

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