Christopher Trimmel (rechts) und Grischa Prömel (links) jubeln vor einer leeren Tribüne im Stadion an der Alten Försterei. Bild: imago-images/Matthias Koch
Audio: Inforadio | 29.12.2020 | Simon Wenzel | Bild: imago-images/Matthias Koch

Jahresrückblick mit Union-Kapitän Christopher Trimmel - "Wir sind sehr erfolgreich und können es mit niemandem feiern"

Union Berlin hat 2020 alle Erwartungen übertroffen. Souveräner Klassernerhalt, neue Stars, beeindruckender Saisonstart. Sportlich lief es bei den Eisernen rund. Trotzdem blickt Kapitän Christopher Trimmel nachdenklich zurück auf dieses besondere Jahr. Von Simon Wenzel

Christopher Trimmel verschmilzt fast mit seinem Sessel in dem pixeligen Bild der Handykamera. Der Kapitän des 1. FC Union Berlin trägt einen schwarzen Pullover und sitzt in einem schwarzen Sessel vor einer weißen Wand. Seitlich hinter ihm steht eine gewöhnliche Topfpflanze. Die meisten Berliner Sportjournalisten kennen dieses Bild. Trimmel sitzt in einem Büro auf dem Unioner Vereinsgelände. Hier saßen in diesem Jahr schon viele Spieler, Trainer Urs Fischer und Manager Ruhnert und gaben per Videotelefonie Interviews. Der schwarze Sessel und die Topfpflanze gehören also irgendwie zu diesem außergewöhnlichen Jahr des 1. FC Union, sie sind die Pressewand des Pandemie-Alltags.

"Viel Angst" am Anfang der Pandemie

So gesehen ist es ein passender Hintergrund für das Gespräch. Denn wir reden mit Trimmel über dieses außergewöhnliche Jahr 2020. Auch die Mitspieler von Christopher Trimmel haben ihren Kapitän in dieser Saison wahrscheinlich öfter leicht verpixelt gesehen, als sie das bisher kannten. Im März, als die Corona-Pandemie in Deutschland in ihrem ersten Höhepunkt in Form eines Teil-Lockdowns mündet und auch der Fußball vorerst eine Vollbremsung erleidet, stellen auch die Profi-Klubs kurzzeitig um auf digital. Heimtraining via Skype und für Trimmel eben auch Einzelgespräche mit den Mitspielern. Denn der Kapitän muss einigen im Team gut zureden.

"Es war am Anfang sehr viel Angst dabei", erinnert sich Trimmel. "Ich glaube, viele Fußballer wollten zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr weiterspielen, andere haben sich gewünscht, dass es bald weitergeht. Also es war schon eine Zeit, wo man jeden Einzelnen greifen musste. Als Kapitän und Mannschaftsrat hat man dann natürlich mit den Spielern viel Kontakt gehabt und die Jungs auch beruhigt und ermutigt, dass es weiter gehen kann." Union erwischt die Volbremsung der Fußball-Bundesliga damals einen Tag vor dem Heimspiel gegen Rekordmeister Bayern München. Was einer der Höhepunkte der ersten Bundesligasaison hätte werden sollen, wurde zwei Monate später, im Mai, zu einem der merkwürdigsten Momente des Jahres: Das erste von vielen Geisterspielen.

"Jeder Fußballfan hat sich seit März ein Stück vom Fußball entfernt"

"Das Schlimmste war für mich das Aufwärmen", sagt Christopher Trimmel. "Da ist man noch etwas lockerer drauf, nimmt die Atmosphäre wahr und dann läufst du raus und es ist nichts da." Der Österreicher ist durchaus einer, der sich freut, wenn er ein neues Stadion kennenlernt, der sich mit den Wünschen und Interessen der Fans beschäftigt und einen Draht zur Kurve hat. Man kann sagen: Trimmel trägt trotz seiner Rolle als Bundesligaprofi noch Fußballromantik im Herzen. An die neue Fußballrealität, mit ausladenden, leeren Beton-Tribünen und hallenden Rufen der Spieler, will er sich deshalb gar nicht so recht gewöhnen. "Es tut schon weh. Wenn man eine Leidenschaft für diesen Sport hat, fehlt ein großes Stück", sagt er zu den Geisterspielen.

Trimmel berichtet, dass sich einige Spieler deshalb auch mit den Fans ausgetauscht hätten, "um zu verstehen, wie sie so ticken. Ich glaube, dass dieser Kontakt wichtig ist. Jeder Fußballfan hat sich in dieser Phase seit März ein Stück vom Fußball entfernt. Wie oft ich gehört habe: Ich gucke nichtmal mehr Champions League, es ist langweilig. Uns Spielern war wichtig, dass wir den Kontakt zu den Fans halten, dass der nicht abreißt." Die Fans dankten es der Mannschaft mit kleineren Aktionen rund um das Stadion an der Alten Försterei, die mal mehr, mal weniger im Einklang mit den jeweiligen Corona-Regeln waren. Zuletzt empfingen sie die Mannschaft mit einer Pyro-Show vor dem Spiel gegen Bayern München. Im Sommer, als es in den letzten Spielen um den Klassenerhalt geht, versammeln sich einige Anhänger vor dem Zaun und singen von draußen ins luftige Stadion hinein.

"Wer anders denkt, wird gebremst": Unions Ziel bleibt der Klassenerhalt

Auch den Klassenerhalt ein paar Wochen später feiern die Spieler mit etwa hundert Fans vor dem Stadion. Union wird für solche Aktionen auch kritisiert in diesem Jahr. Vereinsintern ist aber vor allem der Zusammenhalt wichtig, diese Wagenburg-Mentalität, die Union in den letzten Jahren ausgezeichnet hat. Christopher Trimmel sieht die umstrittenen Fan-Aktionen deshalb vor allem positiv. Es ist aber auch nicht leicht, denn für Union hat dieses Jahr ein besonderes Spannungsfeld: Das Team ist erfolgreich, sehr sogar, mit 42 Punkten im Kalenderjahr 2020 ist Union der achtbeste Bundesligist und steht zum Jahresabschluss sogar auf Platz sechs. Aber irgendwie fehlt etwas, was diesen Klub auszeichnet. "Wir sind sehr erfolgreich und können es mit niemandem feiern, das tut schon weh", gibt Trimmel zu.

Für ihn selbst bedeutet die bislang so erfolgreiche Saison seit Sommer noch ein bisschen mehr Moderationsarbeit. Denn mindestens genauso typisch Union wie die Topfpflanze und der schwarze Sessel waren in diesem Jahr Aussagen wie "von Spiel zu Spiel" oder "unser Ziel ist der Klassenerhalt". Union hat die Erwartungen übererfüllt, so entstehen Träume - aber nicht mit Trainer Fischer und Kapitän Trimmel. "Wir arbeiten so lange weiter, bis der Klassenerhalt wieder rechnerisch sicher ist und alles andere lassen wir intern nicht zu", kündigt Trimmel an: "Wenn da irgendwer vielleicht anders denkt, dann wird er von mir, vom Trainer und vom Mannschaftsrat direkt gebremst!"

Christopher Trimmel sitzt in einem schwarzen Sessel. Bild: rbb/TeamsChristopher Trimmel und die Zimmerpalme: So sehen Fußballer-Interviews in der Pandemie aus.

In einer Woche geht es schon weiter

Viel Zeit, um auf krumme Gedanken zu kommen, ist ohnehin nicht für die Spieler des 1. FC Union. Am kommenden Samstag (15.30 Uhr gegen Werder Bremen) geht die Bundesliga schon weiter. Fürs neue Jahr werden sich Christopher Trimmel und Co neben dem zweiten Klassenerhalt auch wieder ein paar mehr (erlaubte) Momente mit ihren Fans wünschen. Als Journalist möchte man hinzufügen: Und den Abschied vom schwarzen Sessel und der Topfpflanze - denn in der Pandemie haben sich Profiklubs wie der 1. FC Union noch ein Stück weiter in ihre eigene Welt zurückgezogen und lange Einzelgespräche mit Spielern wie Christopher Trimmel sind seltener geworden.

Sendung: Inforadio, 29.12.2020, 9.15 Uhr

Beitrag von Simon Wenzel

2 Kommentare

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  1. 2.

    Das hört sich sehr realistisch an. Natürlich von
    einer Frau. Danke dafür von einem Hertha-Fan.
    Lasst uns das Kriegsbeil begraben. Fußball soll
    auch Spaß machen.

  2. 1.

    Das stimmt, ist schon ein bisschen traurig, aber - sorry - es gibt z.Z. wirklich wichtigere Bereicht.

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