Albas "Associate Headcoach" Israel Gonzalez - Der Schatten-Chef

Albas "Associate Headcoach" Israel Gonzalez (imago images/Tilo Wiedensohler)
Audio: Inforadio | 11.01.2021 | Jakob Rüger | Bild: imago images/Tilo Wiedensohler

Nach der Corona-Erkrankung von Chefcoach Aíto García Reneses wird Alba Berlin von Israel Gonzalez betreut. Der gilt gemeinhin als Assistenztrainer. Dabei ist der Spanier längst befördert worden. Und ein wichtiger Baustein für die Zukunft. Von Ilja Behnisch

Spätestens seit Donald Trump ist klar: Die USA taugen längst nicht in jeder Hinsicht zum Vorbild. Für den Basketballsport allerdings gilt nach wie vor: Es gibt die amerikanische Profiliga, die NBA - und den Rest der Welt.

Dass sich Alba Berlin im Sommer 2020 also in Übersee inspirieren ließ, um das Job-Profil von Israel Gonzalez neu auszuformulieren, kam nicht von ungefähr. "Associate Headcoach" darf sich der 45-jährige Spanier seither nennen. Vorher hätte es salopp gesagt wohl auch die Bezeichnung Co-Trainer getan. Nun aber "Associate Headcoach", was Albas Sportdirektor Himar Ojeda als einen Posten erklärt, "der in Europa noch sehr neu ist, aber den es in der NBA bereits länger gibt. Es ist ein Coach, der in bestimmten Situationen die Leitung übernimmt, zum Beispiel in einem Spiel, in dem der Headcoach technische Fouls bekommen hat."

Geplante Entlastung von Aíto García Reneses

Angedacht war diese Beförderung von Israel Gonzalez vor allem deshalb, weil seinem Chef, dem inzwischen 73-jährigen Aíto García Reneses, nicht mehr jede Auswärts- und Europapokalreise zugemutet werden sollte. In Berlin war man schließlich froh, dass der Alt-Meister, der die Albatrosse nach Jahren der Entbehrung sensationell zum Double aus Meisterschaft und Pokalsieg führte, überhaupt noch Lust aufs Weitermachen verspürte. Nicht umsonst hatte Geschäftsführer Marco Baldi gesagt, Aito könne bei Alba bleiben, so lange er will.

Dass Gonzalez kein halbes Jahr später über mehrere Spiele die Hauptverantwortung für die Mannschaft trägt, weil Reneses mit einer Corona-Erkrankung ausfällt, hatte freilich niemand auf dem Schirm.

Gonzalez sprang schon einmal ein

Auch wenn es nicht das erste Mal ist, dass Gonzalez für Aito einspringt. Seit inzwischen sechs Jahren arbeiten sie zusammen. Zunächst von 2014 bis 2016 beim spanischen Klub BC Gran Canaria, anschließend seit nunmehr vier Jahren bei Alba. Auf der kanarischen Insel vertrat Gonzalez seinen Cheftrainer schon einmal für einige Spiele. Auch damals aus gesundheitlichen Gründen.

Die sportliche Bilanz, die Gonzalez aus Hauptverantwortlicher bei Alba vorzuweisen hat, kann sich sehen lassen. Trotz gravierender Personalsorgen gelangen Überraschungserfolge gegen Bayern München in der Bundesliga sowie gegen den spanischen Meister Baskonia Vitoria in der Euroleague. Spiele, in denen Gonzalez das Rad nicht neu erfunden hat. Weil er es nicht neu erfinden musste. Seine Vorstellung vom Basketball ist nicht nur nahezu deckungsgleich mit der von Coach Aito, sie ist maßgeblich von ihm beeinflusst.

Viel Lob vom Geschäftsführer

Und doch unterscheiden sich Meister und Lehrling voneinander. Findet zumindest Marco Baldi, der gegenüber dem rbb sagt: "Inhaltlich gibt es viele Ähnlichkeiten, aber die Art der Vermittlung ist unterschiedlich." Und beispielhaft, so Baldi: "Entscheidend ist die Akzeptanz, die er bei den Spielern hat." Und das eben schon während all der Jahre, die Gonzalez bei Alba ist. "Wesentlich ist, dass die Leute zuhören und merken, dass sie was davon haben. Und das ist, glaube ich, seine größte Qualität."

Der so Gepriesene nimmt das Lob mit der ihm eigenen Bescheidenheit und leitet es sogleich weiter. Er sei sehr glücklich mit diesen Spielern und Mitarbeitern, so Gonzalez, der sagt: "Ich fühle die Unterstützung des Vereins. Ich bin sehr happy." Vielleicht auch, weil Aito zwar nicht physisch bei ihm ist während des Trainingseinheiten und der Spiele, aber doch im Alltag. Zwei, drei Telefonate täglich seien es zwischen den beiden. Dazu kämen unzählige Textnachrichten. Israel Gonzalez sagt: "Wir brauchen Aito. Er ist unser Coach. Jeden Tag kann man etwas von ihm lernen."

Der designierte Cheftrainer

Dass sich Gonzales nach all den Jahren im Basketball noch immer auch als Lernender begreift, erklärt vielleicht, warum er nicht zwangsläufig nach Höherem strebt. Ein großer Traum sei der Job als Head-Coach nicht, sagt er. Dafür sei er viel zu glücklich mit seinem jetzigen Job. Und sollte er niemals Chefcoach werden? Kein Problem, so Gonzalez.

Wahrscheinlich ist es allerdings schon, dass Gonzalez den Posten des Cheftrainers übernimmt, sollte Reneses sich irgendwann tatsächlich in den Ruhestand begeben. Zwar könne man im schnelllebigen Sport viele Pläne machen, die bald schon wieder obsolet wären, so Geschäftsführer Marco Baldi. Aber "vorgezeichnet ist es so auf jeden Fall."

Man müsste sich bei der "Machtübernahme" ja nicht unbedingt ein Beispiel an Donald Trump nehmen.

Sendung: Inforadio, 11.01.2021, 14 Uhr

Beitrag von Ilja Behnisch

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