Unions Remis gegen Wolfsburg - "Wir tun uns sehr schwer in Überzahl"

Union-Trainer Urs Fischer (r.) und Kapitän Christopher Trimmel (l.). Quelle: imago images/Nordphoto
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Nach dem Remis gegen Wolfsburg ist Union Berlin gegen die Topteams der Liga weiter ungeschlagen. Vollends zufrieden sind die Spieler nach 40 Minuten in Überzahl trotzdem nicht. Das Problem war die fehlende Hoheit im Mittelfeld. Von Till Oppermann

Rein statistisch gesehen hätte man sich die Bundesliga-Partie zwischen Union Berlin und dem VfL Wolfsburg auch sparen können. Das 2:2 war das jeweils siebte Remis beider Mannschaften. Mit nun jeweils 25 Punkten stehen sowohl die Köpenicker als auch die Gäste aus der Autostadt weiter auf einem Europapokalplatz. "Bilanz-Zwillinge" nannte ARD-Sportschau-Moderator Mathias Opdenhövel die Klubs deshalb.

Wohl nicht zuletzt aus diesem Grund ahnte Trainer Urs Fischer schon im Vorfeld, was passieren würde: "Viele Dinge, die sie gut machen, machen wir auch gut." Weil sich die Stärken und Schwächen der Teams aufhoben, ist die Punkteteilung am Ende das gerechte Ergebnis. Echte Freude kam aber nicht auf.

Ein intensives Spiel

So wie das Spiel gelaufen sei, könne man nicht zufrieden sein, klagte Mittelfeldmotor Robert Andrich stellvertretend für seine Unioner. Die waren nämlich 40 Minuten in Überzahl und verspielten trotzdem ihre 2:1 Führung, die Andrich selbst mit einem herrlichen Freistoß erzielt hatte. Renato Steffen, der für die Wolfsburger traf, stimmte ein: "Das war heute nicht angenehm."

Wie von Fischer prophezeit, lieferte sich die Mannschaft mit der längsten Laufdistanz der Liga, der 1. FC Union, einen kräftezehrenden Schlagabtausch mit den Gästen, die ihrerseits die meisten intensiven Läufe der Liga verzeichnen. Insgesamt 29 Fouls, vier gelbe Karten und der Platzverweis lassen das Ausmaß der Körperlichkeit erahnen. Diese ging von beiden Mannschaften aus. So verwundert das Sky-Interview des Wolfsburgers Wout Weghorst, der über Union schimpfte: "Die wollen nur Zweikämpfe." Ist es doch seine Mannschaft, die mit 1.706 gewonnenen Duellen die Liga anführt.

Wolfsburg legt los wie sonst Union

Dieses Erfolgsrezept der Wolfsburger machte den Unionern am Samstag von Beginn an zu schaffen. Gästetrainer Oliver Glasner brachte seine Mannschaft im Gegensatz zu Fischer mit einer Viererkette ins Spiel. Diese stand von der Grundformation aber ebenso tief wie die Fünferkette der Unioner. Ganz offensichtlich hatten beide Coaches ihre Mannschaften darauf eingeschworen, schnell den Weg nach vorne zu suchen und das Mittelfeld zu überbrücken.

Denn nachdem sich die Berliner in den ersten beiden Minuten schon eine vielversprechende Abseitsstellung und eine quasi hundertprozentige Torchance erspielten, hielten die Wolfsburger mit aller Macht dagegen. Nach und nach erkämpften sie sich die Feldüberlegenheit und tauchten in der Folge mehrmals gefährlich vor Unions Tor auf. Das 1:0 durch Steffen in der 10. Minute fiel nach der bereits dritten Ecke der Gäste. Gewissermaßen ließen sie die Unioner ihre eigene Medizin kosten. Konsequentes Mittelfeldpressing sowie Tore in der Anfangsphase und nach Standards sind eigentlich Köpenicker Kernkompetenzen.

Fischers Team hat sich hervorragend entwickelt

Das bewiesen die Eisernen in der 29. Minute: Obwohl Wolfsburg dominierte fiel der Ausgleich. Vorher hatte der aufmerksame Marcus Ingvartsen im Mittelfeld einen Ball abgefangen und so das Aufbauspiel der Wölfe unterbrochen. Seinen wohltemperierten Pass in die Spitze jagte Angreifer Sheraldo Becker in die Maschen. Ein neuer Beleg für dessen persönliche Weiterentwicklung in dieser Saison. Zusätzlich zeigt die Szene den Fortschritt der gesamten Mannschaft auf.

Wie von Fischer immer wieder gefordert, behielt seine Elf die Ruhe und verließ sich auf die eigenen Stärken. Nach den Spielen gegen die Bayern und den BVB begegneten die Unioner dem nächsten Spitzenteam auf Augenhöhe. Das letzte Aufeinandertreffen mit Wolfsburg vor 314 Tagen endete ebenfalls mit einem 2:2. Damals war das ein wichtiger Punkt im Kampf um den Klassenerhalt. Der ist auch in dieser Saison das erklärte Ziel der Unioner. Die latente Unzufriedenheit wegen der nicht genutzten Überzahl beweist, dass sich neben der spielerischen Qualität der Mannschaft auch das Selbstverständnis verändert hat.

Wolfsburg dominiert das Mittelfeld

Eine der verbliebenen Schwächen sprach Andrich klar an: "Wir tun uns allgemein sehr schwer, wenn wir in Überzahl sind." Nach Maxi Arnolds Platzverweis und Andrichs 2:1 Führung waren die Unioner in einer perfekten Ausgangssituation. Trotzdem war Wolfsburg in der verbleibenden Zeit das bessere Team. Gerade im Mittelfeld war Union unterlegen - obwohl den Gästen mit Arnold genau dort ein Spieler fehlte. Andrich moniert: "Wir sind nicht mehr ins Pressing gekommen, dadurch bekam Wolfsburg Oberwasser."

So gelang es, das Spiel immer weiter in Unions Hälfte zu verlagern. Trotz 40-minütiger Unterzahl hatte der VfL 54 Prozent Ballbesitz. Das wurde zusätzlich begünstigt, weil die Köpenicker ihrerseits wenig mit der Kugel anzufangen wussten. Innenverteidiger Robin Knoche erklärte nach dem Spiel gegen seinen Ex-Klub: "Wir hätten unseren Ballbesitz am Ende wohl besser ausspielen müssen."

Gerade in dieser Phase vermisste die Fischer-Elf die fehlenden Grischa Prömel und Christian Gentner schmerzlich. Denn die Überzahl fiel nicht auf, weil Wolfsburg in der entscheidenden Zone trotzdem weiter überlegen war. Zwar standen sich auf beiden Seiten nun zwei zentrale Mittelfeldspieler gegenüber. Der Wolfsburger Innenverteidiger Joshua Guilavogui sorgte jedoch mit seinem aggressiven Herausrücken immer wieder für Überlegenheit seiner eigentlich dezimierten Mannschaft. Das hatte mehrere Folgen: Wolfsburg dominierte die wichtigen Zweikämpfe in der Zentrale und Union gelang es nicht, das eigene Spiel aufzuziehen.

Die Alternativen fehlten

Ein zusätzlicher Mittelfeldmann für einen der drei Innenverteidiger hätte dabei geholfen, das Kräfteverhältnis auszugleichen. Das hätte es Union wahrscheinlich ermöglicht, den zahlenmäßigen Vorteil auszuspielen und das Spiel weiter in die Wolfsburger Hälfte zu verlagern. So verschenkte man die Überzahl in der letzten Verteidigungslinie.

Wahrscheinlich verzichtete Fischer auf diesen Tausch, weil er den unerfahrenen Alternativen Julian Ryerson und Cedric Teuchert nicht genug Stabilität in der ungewohnten Rolle im zentralen Mittelfeld zugetraut hat. Andrich weiß: "Wolfsburg ist eine sehr, sehr erfahrene Mannschaft und weiß, wie sie mit solchen Situationen umzugehen hat." Zumindest Prömel wird nach seiner Gelbsperre am kommenden Freitag gegen Leverkusen wieder zur Verfügung stehen. Dann wollen die Unioner weiter an ihrer Erfolgsgeschichte schreiben.

Sendung: rbb24, 09.01.21, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

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