Bob Hanning während der Handball-WM in Ägypten. Quelle: dpa/Sascha Klahn
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Interview | Füchse-Boss und DHB-Vize Bob Hanning - "Wir werden sogar schon ein Stück weit ausgelacht, dass wir so vorsichtig sind"

In Ägypten läuft die Handball-WM. Mittendrin: der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes und Füchse-Manager Bob Hanning. Wie der 52-Jährige die viel diskutierte Corona-Blase einschätzt und was im deutschen Team steckt, erzählt er im Interview.

Am Donnerstag beginnt mit der Partie gegen Spanien die Hauptrunde der Weltmeisterschaft für die deutsche Handball-Nationalmannschaft. Das Turnier in Ägypten sorgt aber nicht nur mit den gebotenen sportlichen Leistungen für Schlagzeilen. Das Hygienekonzept und die sogenannte "Corona-Blase" stehen nach etlichen Infektionen im Teilnehmerfeld in der Kritik - aber das vor allem in Deutschland. Berichtet zumindest DHB-Vizepräsident und Füchse-Manager Bob Hanning im rbb|24-Interview.

rbb|24: Herr Hanning, die deutsche Mannschaft hat ihre Vorrundenspiele gegen Uruguay und Kap Verde (abgesagt, mit 10:0 für Deutschland gewertet; Anm. d. Red.) gewonnen, gegen Ungarn gab es eine Niederlage in letzter Sekunde. Wie fällt Ihr sportliches Zwischenfazit aus?

Gegen Uruguay muss man gewinnen (lacht), gegen Kap Verde durften wir nicht gewinnen, weil sie aus bekannten Gründen nicht antreten konnten und die Niederlage gegen Ungarn war wirklich schade. Man hat gemerkt, dass uns das Spiel gegen Kap Verde als Zwischenstation gefehlt hat. Es hat an Kleinigkeiten gehakt, wir haben das Spiel aber verdient verloren - wenn auch denkbar knapp erst vier Sekunden vor Schluss und mit einem Tor.

Was war ausschlaggebend für die knappe Pleite gegen Ungarn?

Es waren ein paar Faktoren. Zum einen haben unsere Weltklasse-Torhüter es nicht geschafft, auch Weltklasse zu halten. Mit Andreas Wolff und Johannes Bitter haben wir ein herausragendes Torwart-Duo - Silvio Heinevetter sogar noch in der Hinterhand. Das hat aber leider nicht gegriffen. Außerdem haben wir zu viele klare, freie Bälle liegengelassen. Das war der zweite große Grund, warum es nicht gereicht hat. In der Crunch-Time hatten wir zudem zwei gute Möglichkeiten, die wir nicht genutzt haben - das musst du gegen solche Mannschaften einfach schaffen. Man hat aber auch die Unerfahrenheit des Teams gespürt. Wenn man dann mit nur einem Tor verliert, weiß man, was für Möglichkeiten und welches Potenzial man noch hat.

Vor dem Turnier haben wichtige Spieler aus Angst vor der Corona-Pandemie abgesagt. Nach den ersten Spielen: Wie schätzen Sie die Qualität des Kaders ein?

Ich habe schon im Vorfeld gesagt, dass ich nicht böse über die Absagen war. Die verletzten Spieler haben mir natürlich schon leidgetan. Wir haben jetzt aber die Möglichkeit, einen ganz breiten Kader einfach mal zu testen. Wir haben eine Mannschaft mit einem unglaublichen Potenzial gesehen - es gibt nach den ersten zwei Spielen auch schon Gewinner. Gerade der ein oder andere junge Spieler hat überzeugen können. Natürlich muss sich das aber alles noch finden, die Nationalmannschaft ist in den letzten Monaten aufgrund der Pandemie kaum aufgetreten und hat noch dazu einen neuen Trainer. Es kann aber durchaus ins Viertelfinale gehen - dann müssen aber alle Räder ineinander greifen.

Auch die Handball-WM wird durch die Corona-Pandemie beeinflusst. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz des Hygienekonzepts in Ägypten aus?

Ich muss ganz ehrlich sagen: Sicherer als in Ägypten kann man sich gar nicht fühlen. Es ist natürlich alles ein bisschen einfacher, weil sie alles um uns hermetisch abgeriegelt haben. Ich habe immer gesagt, dass die Gefahr nicht innerhalb der Blase liegt, sondern von außen hereingetragen wird. Das hat man beim Beispiel Kap Verde auch gesehen. Da darf man sich schon fragen, ob es richtig war, die Mannschaft ins Hotel zu lassen. Das ist eigentlich der einzige Kritikpunkt, den ich habe. Sonst ist es wirklich so, dass wir bei schönem Wetter wirklich viel für das eigene Gemüt tun und hoffen, dass wir die Begeisterung unserer Spiele auch nach Deutschland transportieren können.

Sie waren schon vor dem Turnier ein Befürworter des Systems. Trotzdem gab es in der Vorrunde immer wieder positive Fälle, das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Kap Verde musste gar abgesagt werden. Sind Sie trotzdem weiter positiv gestimmt, dass die WM jetzt ohne Probleme über die Bühne geht?

Die einzigen, die sich darüber Gedanken machen, sind die Journalisten in Deutschland. Das gilt noch nicht einmal für die Journalisten aus den anderen Teilnehmerländern. Das ist wirklich ganz interessant zu sehen, wir werden sogar schon ein Stück weit ausgelacht, dass wir so vorsichtig sind. Das sind wir aber natürlich ganz bewusst. Als die Schweiz ins Hotel gekommen ist und wir gehört haben, dass sie nicht in Quarantäne waren, haben wir das Frühstück auf dem Zimmer eingenommen. Ein bisschen belächelt werden wir für das sorgsame Verhalten aber schon. Dass aber jemand das Gefühl hat, dass hier ein Turnier nicht zu Ende gespielt werden könnte, gibt es nur in Deutschland - das spielt hier überhaupt keine Rolle.

Zurück zum Sportlichen: Als Füchse-Manager dürften Sie ein besonderes Auge auf die Berliner im deutschen Kader haben. Wie gefallen Ihnen Paul Drux und Marian Michalczik bislang?

Natürlich habe ich auch ein Auge auf unsere anderen Spieler, die für Dänemark (Lasse Andersson, Jacob Holm; Anm. d. Red.) und Schweden (Valter Chrintz; Anm. d. Red.) spielen - da läuft es ja auch sehr gut. Marian Michalczik hat bislang leider noch nicht gespielt und war gegen Ungarn leider auch nicht im Kader. Ich hoffe, dass er es noch schafft, sich ins Team zu spielen. Paul Drux war in einer ähnlichen Situation, hat gegen Uruguay wenig gespielt. Als es dann gegen Ungarn im deutschen Team nicht so gut gelaufen ist, war er einer derjenigen, der dafür gesorgt hat, dass das Spiel noch eine zwischenzeitliche Wendung genommen hat. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der Kapitän der Füchse auch der Nationalmannschaft sehr helfen kann.

In der Hauptrunde warten jetzt Spanien, Brasilien und Polen. Wie schätzen Sie die Gegner ein?

Die Spanier sind vermeintlich mit Abstand die Stärksten. Ich bin ganz sicher, dass das Team so nicht mehr zusammengeblieben wäre, wenn die Olympischen Spiele 2020 stattgefunden hätten - das sind nämlich zum Teil doch sehr erfahrene Herren. Nichtsdestotrotz spielen die unfassbar schlauen und guten Handball. Wir müssen ganz ehrlich sein: da sind wir Außenseiter. Aber man hat gesehen, was mit Leidenschaft alles erreichbar ist. Wenn es uns dann noch gelingt, unser Potenzial abzurufen, dann, und auch nur dann, sind wir in der Lage die Spanier zu gefährden. Die Polen spielen für mich eine überraschend gute WM und die Brasilianer spielen brasilianisch. Die spielen dich schwindelig. Da musst du aufpassen, dass die nicht Samba mir dir tanzen. Rein von der handballerischen Qualität sollten wir aber im Stande sein, dieses Spiel zu gewinnen. Ich habe ein gutes Gefühl bei unserer Truppe.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jonas Bürgener für den rbb Sport.

Sendung: rbbUM6, 20.01.21, 18:00 Uhr

5 Kommentare

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  1. 5.

    P.S. - "Spiel um Platz 9" muss es natürlich heißen.

  2. 4.

    Man freut sich ja mal eine Stellungnahme zu lesen, die nicht vom allgegenwärtigen Panik-Modus durchdrungen ist. Es ist ein gutes Zeichen, dass das Turnier gespielt wird. Ich wünsche der deutschen Mannschaft noch erfolgreiche Spiele, obwohl es wohl höchstens noch für das Spiel um Platz 5 reichen wird.

    Ägypten ist zwar keine Demokratie, allerdings sind die Zustände gewiss besser als im feudalistischen Katar, wo die nächste Fußballweltmeisterschaft stattfinden soll.

  3. 3.

    Danke, dass die eingesperrten Durchschnittsbürger erfahren dürfen, dass Profisportler richtig ins Leben können, WM, Hotel, ach das haben hier die meisten Menschen ja schon vergessen als Realität-

  4. 2.

    Ägypten ist eine Militärdiktatur, Und Deutschland ohne seine besten Verteidiger nur die halbe Mannschaft. Der DHB hat versagt- auf ganzer Linie, die Spieler müssen es austragen ... leider

  5. 1.

    Ich hoffe auf eine Niederlage gegen Spanien... Ausser Spesen nichts gewesen fuer diesen sinnlos Trip.. Und daheim bitte schnell in Quarantäne..

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