Hertha-Trainer Pal Dardai (Quelle: imago images/Jan Huebner)
Audio: Inforadio | 31.01.2021 | Guido Ringel | Bild: imago images/Jan Huebner

Niederlage bei Dardai-Comeback - Besser, aber (noch) nicht gut genug

Pal Dardai hat bei seiner Rückkehr auf die Trainerbank bei Hertha BSC das Team ordentlich durchgemischt. Zum Erfolg führte das nicht. Vielmehr zeigte der Auftritt, wie tief die Probleme liegen - und machte dennoch vorsichtig Hoffnung. Von Johannes Mohren

Ja, er hätte auch ganz anders laufen können, dieser Samstag des Pal Dardai. In Székesfehérvár, der barocken 'Stadt der Könige' in seiner ungarischen Heimat, spielte sein Sohn Palko - bei Hertha BSC bestens bekannt - am Abend in der Nemzeti Bajnokság, dem Fußball-Oberhaus des Landes. "Er hat sein Debüt in der ersten Elf gegen Honved Budapest", erzählte Dardai senior - und: "Da wäre ich hingegangen, hätte mir schön das Spiel angeguckt und ein bisschen gequatscht. Dann wäre ich nach Hause und hätte am Montag die U16 trainiert."

Hätte und wäre. Es war eine Geschichte im Konjunktiv. Statt gemütlichen Fußballbesuchs als Vater verbrachte Dardai den Nachmittag bekanntlich als Trainer im usseligen Frankfurter Schneeregen und konnte sich selbst nochmals vergewissern, wie schwer der Job ist, dem er sich seit Montag angenommen hat. Bei seinem Comeback auf der Trainerbank von Hertha BSC erlebte er - mit Kappe und eingepackt in eine dicke Jacke - ein 1:3 in Frankfurt und analysierte anschließend: "Für vier Trainingseinheiten war alles okay, nur das Ergebnis nicht."

Akute Abstiegsgefahr

Eben dieses Ergebnis verschärft die Lage des Klubs weiter. Am Sonntagabend - nach dem Kellerduell zwischen Köln und Bielefeld - werden die Berliner auf dem 15. Platz angekommen sein. Akute Abstiegsgefahr, die sich in den nächsten Wochen mit Partien gegen die Top-Teams verschärfen könnte. "Es ist eine sehr schwierige Aufgabe. Schwieriger als damals - und schwieriger als die Nationalmannschaft (Anm. d. Red.: Dardai coachte 2014/15 die ungarische Landesauswahl), die ich übernommen habe", sagte Dardai.

Es waren Worte, die er ganz sicher auch im Eindruck der vorherigen 90 Minuten wählte. Denn in denen hatte sich wenig überraschend offenbart, wie tief die Probleme bei den Berlinern liegen. Dardai hatte zwar bewerkstelligt, was sich - bei eben gerade einmal vier Trainingseinheiten - auf die Schnelle bewerkstelligen lässt: Die Mannschaft stand wieder stabiler, sie machte keine haarsträubenden Fehler und sie war - das war vielleicht die wichtigste Erkenntnis des Tages - eine Mannschaft und keine lose Ansammlung talentierter, aber meist formloser Individualisten. "Man hat gesehen, das die Mannschaft will, die Gier ist da", sagte Dardai und es hätte ihm wohl keiner der Beobachter widersprochen.

Dardai'sche Grundtugenden

Die dardai'schen Grundtugenden waren also wieder da. Und sie hätten fast auch zu einem Punktgewinn gereicht. Dieser wäre jedoch glücklich gewesen. Denn während sich Frankfurt immer wieder Chancen erarbeitete, fehlte Hertha nach vorne ein erkennbarer Plan. "Meine offensiven Spieler sind ein Tick anders als früher. Gehen wir mit offenem Umschaltspiel rein und dann machen wir ein 5:4 oder ein 6:5", hatte Dardai vor dem Spiel noch - freilich halb im Scherz - gesagt. Zu sehen war davon nichts. Vor allem in der ersten Hälfte scheiterten selbst die Versuche sporadischer Entlastungsangriffe meist kläglich. Die Folge: Maximale Spielkontrolle durch und steigender Druck von Frankfurt. "Wir waren viel unterwegs, hatten dennoch kaum Ballbesitz. Für die Pressingelemente waren die Jungs nicht mutig genug", so Dardai.

Der 44-Jährige selbst hatte genau diesen Mut gezeigt, die Startelf auf gleich sechs Positionen umgestellt - und war damit voll ins Risiko gegangen. Mit Lukas Klünter, Santiago Ascacibar und Rune Jarstein bekam die Hälfte von ihnen am 19. Spieltag die ersten Einsatzminuten in dieser Saison überhaupt. Gerade auf der Torwartposition hatte sich der Wechsel zum 36-jährigen Routinier Jarstein - Dardai noch bestens aus seiner ersten Amtszeit bekannt - keinesfalls angedeutet. Es war eine Personal-Entscheidung mit der Gefahr, noch mehr Unsicherheit in einem Mannschaftsgefüge zu schaffen, dem ohnehin der Kitt fehlt. Doch sie zahlte sich - zumindest an diesem Nachmittag - aus. Der Norweger parierte, was es zu parieren gab und zeigte vor der Pause teils Glanzreflexe.

Erinnerungen an volle Vor-Corona-Fankurven

Jarstein sollte aber nicht nur Bälle halten. Es war wohl auch seine Erfahrung, wegen der ihn Dardai ganz bewusst für Stammkeeper Alexander Schwolow aufs Feld beorderte. Und nach 66 Minuten sah es tatsächlich so aus, als hätten sich alle diese Entscheidungen ausgezahlt. Die 1:0-Führung durch Krzysztof Piatek war auch der Lohn dafür, dass Hertha nun aktiver am Spiel teilnahm. Was das Tor für die Hertha-Seele bedeutete, zeigte sich am emotionalen Jubel-Pulk an der Seitenlinie. Dort sprangen sich Dardai, Arne Friedrich und 'Zecke' Neuendorf in die Arme - ein Bild, das an ekstasische Szenen in vollen Vor-Corona-Fankurven erinnerte.

Es war der Glaube an den Befreiungsschlag, der kurz und heftig aufkeimte - und damit auch an Retter Pal, der von der Marketing-Abteilung im Vorfeld schon mit eigenem T-Shirt bedacht worden war. Doch nur Sekunden später offenbarte sich, dass auch der die Realitäten der vergangenen Monate nicht einfach vergessen machen kann. Es folgte der sofortigen Ausgleich und das - ganz bittere - Ende. "Leider ist das 1:1 zu schnell gekommen. Wäre das nicht so gewesen, würden wir jetzt wahrscheinlich ganz andere Dinge erzählen", sagte Dardai.

Kritik am Kader

Die Mannschaft wollte er dafür nicht verantwortlich machen. Stattdessen sagte er Sätze, die "kein Vorwurf" sein sollten, aber doch so klangen - und vor allem an die Adresse von Ex-Manager Michael Preetz gerichtet gewesen sein dürften: "Das ist eine junge Mannschaft, die sie zusammengekauft haben. Und einiges haben sie wahrscheinlich vergessen. Nicht Führungs-, sondern erfahrene Spieler." Es ist keine neue Erkenntnis. Labbadia scheiterte unter anderem an diesem unausgewogenen Kader, für Dardai bedeutet er eine schwere Hypothek.

"Wir sollten nicht von Millionen, die ausgegeben wurden, und riesigen Spielern erzählen. Wenn du Stress hast und kein Erfolg da ist, hast du nur Spieler. Die musst du aufbauen und wieder in die Spur bringen. Das ist meine Aufgabe, die ich angenommen habe und ich werde hart arbeiten", sagte er. Harte Arbeit, die wohl zunächst keine Zeit für väterliche Ausflüge nach Ungarn lässt. Dort erging es Palko übrigens den Statistiken zufolge ähnlich wie seinem Vater Pal. Er steuerte bei, was er konnte, traf sogar zum zwischenzeitlichen Ausgleich - und konnte am Ende eine 1:2-Niederlage seines Teams gegen Honved Budapest dennoch nicht verhindern.

Sendung: rbb UM6, 31.01.2021, 18 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

12 Kommentare

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  1. 12.

    Hertha ist auf dem richtigen Weg. Wenige Tore vor der Relegation. Und Schmidt spricht wieder von Europa. Ihr macht alles richtig. Passt! ;-)

  2. 11.

    So werden Trainer verschlissen! (Ja, ja ... Trainer verdienen viel Geld, es gibt andere, die mehr unser Mitgefühl benötigen würden - aber Menschen sind Trainer eben trotzdem)
    Nach meiner Meinung hätte man Labbadia die nächsten Spiele gegen Bayern, Stuttgart, Leipzig und Wolfsburg noch machen lassen sollen. Kennen die jetzt Verantwortlichen den Spielplan nicht? Niemand kann ernsthaft von Dardai oder einem anderen Trainer verlangen, bei diesen Gegnern viel zu holen. Schon heute wird man auf Platz 15 abrutschen, punktgleich mit 16 (Relegationsplatz)

  3. 10.

    Wenn die Spieler so spielen würden, wie sie tätowiert sind, müssten die Zuschauer vor Ehrfurcht und Staunen auf die Knie gehen.

  4. 9.

    Schon mal ein positiver Ausblick mir dem neuen alten Trainer. Es wird aufwärts gehen !

  5. 8.

    Nur hat Jarstein viel besser gehalten als Schwolow und mehr Ruhe ausgestrahlt. Alles richtig gemacht.

  6. 7.

    Ich verstehe durchaus den Ansatz, mehr Erfahrung aufs Feld zu bringen. Aber es war nicht so, dass ein Wechsel im Tor sportlich nötig gewesen wäre. Jarstein hat sicher ein gutes Spiel gemacht, keine Frage. Dennoch hat es am Ende nichts gebracht. Möglicherweise ist der Effekt direkt verpufft. Den Wechsel von Pekarik zu Klünter habe ich aber noch weniger verstanden, der hat gar nichts eingebracht, eher verschlechtert. Viel Arbeit für Dardai.

  7. 6.

    Liebe Herthaner, ihr habt jetzt ein gutes und sympathisches Trainerteam. Frankfurt ist ein denkbar schwerer Gegner für das Spiel eins nach dem Horror gewesen. Und Jarstein ist ein guter Torhüter und hat eine top Leistung gebracht. Geduld, Geduld.

  8. 5.

    Ganz einfach : a: Jarstein ist der bessere Torhüter und b:braucht man jetzt erfahrene Spieler

  9. 4.

    Ist völlig egal, wer dort Trainer ist! Das eigentliche Problem bei der Hertha ist doch der Größenwahn! Statt erstmal kleine Schritte für eine bessere sportliche Zukunft zu machen, wollte man mit den vielen Millionen gleich auf "Big City Club"( was für eine Bezeichnung) machen! Das konnte nicht gutgehen! Von einem Tag auf den Anderen von der grauen Maus der Liga zum Leuchtturm zu machen kann nicht funktionieren! Da braucht man Geduld! Das sollten die Funktionäre des Clubs endlich in den Köpfen kriegen! Und wenn die Funktionäre und der Geldgeber dafür keine Zeit haben und für sie nur der schnelle Erfolg zählt, dann geht es weiter bergab!

  10. 3.

    3:1 verloren hört sich an, als wäre die Hertha auf dem richtigen Weg.

  11. 2.

    Bin zuversichtlich das Hertha das Klassenziel erreicht. Bedeutet für alle aber noch Schwerstarbeit.

  12. 1.

    Nichts gegen Pal. Aber wie kann er bei der derzeitigen Situation auf der Torhüterposition wechseln? Da hat Manuel Baum bei Schalke auch gemacht und ist krachend mit diesem Experiment gescheitert.

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