Füchse-Manager und DHB-Vizepräsident Bob Hanning (Quelle: imago images/Camera 4)
Video: rbb24 | 04.01.2020 | Simon Wenzel | Bild: imago images/Camera 4

Interview | DHB-Vizepräsident Bob Hanning - "Woher nehmen wir die Arroganz, dass wir das alles besser können?"

Knapp eine Woche vor dem Start der Handball-WM in Ägypten wird über das Hygienekonzept debattiert. DHB-Vizepräsident Bob Hanning fordert Fairness gegenüber den Ägyptern und spricht im Interview auch über das Turnier und die Folgen für die Berliner Füchse.

rbb|24: Bob Hanning, in etwas mehr als einer Woche startet die Handball-WM in Ägypten. Mit welchem Gefühl blicken Sie darauf?

Bob Hanning: Die Mannschaft ist ja bereits unterwegs. Wir haben ja erstmal die beiden Qualifikationsspiele gegen Österreich, um uns ganz sicher für die Europameisterschaft 2022 zu qualifizieren. Am Dienstag geht es dann gemeinsam in die Wärme nach Ägypten. Wir sind eigentlich ganz zuversichtlich, dass wir trotz aller Umstände eine gute Handball-WM erleben werden. Für mich geht es am Dienstag auch direkt mit der Mannschaft nach Ägypten. Wir haben einen Charterflug gemietet, um jegliche Risiken maximal zu minimieren.

Einige wichtige Spieler haben für die WM abgesagt. Wie schwer wird die sportliche Aufgabe - auch vor diesem Gesichtspunkt?

Die wird natürlich zu einer Herkules-Aufgabe. Aber erstmal steht es jedem Spieler zu, für sich persönlich eine Entscheidung zu treffen. Zum Zweiten bin ich - das wird Sie sicherlich verwundern - gar nicht böse drum, dass sich das jetzt so darstellt. Ich hatte ein langes Gespräch mit DHB-Sportvorstand Axel Kromer, unserem Präsidenten und Bundestrainer Alfred Gislason und wir haben schon zu einem Zeitpunkt, als es noch kein Corona gab, darüber diskutiert, ob wir nicht ein paar Spielern eine Pause geben sollten, weil sonst die Belastung in einer normalen Saison vielleicht zu hart sein könnte. Jetzt ist das natürlich noch mal in ein ganz anderes Licht gefallen. Jetzt können sich viele Spieler zeigen, für die Qualifikation und auch die Olympischen Spiele. Deshalb bin ich persönlich gar nicht so böse darum, dass wir dieses Turnier auch nutzen können, um zu sehen, wer uns bei den Olympischen Spielen noch helfen kann.

Das heißt, Sie nehmen den Druck schon so ein bisschen von der Mannschaft?

Druck wegnehmen ist nicht meine Stärke, wie man weiß. (lacht) Wir sollten das schon sehr ernsthaft und seriös angehen. Die Spieler wollen ja an den Olympischen Spielen teilnehmen und die jungen Spieler wollen auch Karriere im Nationalteam machen. Deshalb würde ich das nicht als Wegnahme des Drucks bezeichnen. Aber natürlich ist die Ausgangssituation schwer, wenn man den einen oder anderen Spieler hat, auf den man schwer verzichten kann.

Das Hygienekonzept der WM wurde zum Teil schwer kritisiert - zum Beispiel am Montag von Carsten Bissel vom HC Erlangen. Er hat im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" Sorgen geäußert, dass der Veranstalter das Hygienekonzept nicht richtig ernst nimmt. Was sagen Sie dazu?

Alle internationalen Verbände haben an dem Konzept mitgewirkt und Woche für Woche die überarbeiteten Pläne bekommen. Wir vertrauen den Ägyptern und glauben, dass sie das gut hinbekommen werden. Ein Risiko besteht überall, darüber brauchen wir nicht diskutieren. Ich denke immer wieder: Ich weiß nicht, woher wir die Arroganz nehmen, dass wir das alles besser können als andere Länder. Damit tue ich mich sehr schwer. Ich finde das sehr hart, so etwas ständig zu behaupten. Wenn wir uns angucken, wer sich bei den Qualifikationsspielen, die stattgefunden haben, infiziert hat: Es waren wir Deutschen, die alles immer so gut können. Daher glaube ich, dass etwas mehr Fairness angebracht wäre.

Er kritisiert das Hygienekonzept - aber auch, dass es Zuschauer gibt. Können Sie das verstehen?

Zuschauer sind ein schönes Thema. Nehmen wir uns als Vereine: Wir wollen unbedingt mit Zuschauern spielen. Wir haben teure Konzepte entwickelt und sie dem Berliner Senat vorgestellt. (Anm.: Hanning ist Geschäftsführer des Handball-Bundesligisten Füchse Berlin.) Alle sind davon begeistert und trotzdem verstehe ich die Politik, die sagt, dass wir in Berlin zum jetzigen Zeitpunkt aufgrund der Vorbildfunktion keine Zuschauer zulassen können. Das respektieren alle Berliner Vereine. Aber wir haben das Konzept in der Tasche. Also das was wir wünschen und morgen machen würden, wenn wir dürften, wollen wir den anderen verwehren, die es dürfen. Wir sollten immer wieder schauen, worüber wir reden und nicht Dinge opportunistisch vertreten. Ich bin sehr positiv gestimmt auf das was kommen wird. Sollten wir feststellen, dass es so nicht funktioniert, haben wir immer noch die Möglichkeit, zu reagieren.

Wie könnte eine solche Reaktion denn aussehen? Gibt es einen Plan, dann zurückzufliegen und nicht weiterzuspielen?

Nein, es gibt keinen Plan. Aber es gibt natürlich die Situation, dass man jederzeit Nachbesserungen einfordern kann.

Haben Sie denn in der Rolle als Füchse-Manager Sorge, ob Ihre Spieler - es sind ja noch mehr als die Deutschen - wieder gesund zurück kommen?

Wir haben natürlich die Hoffnung, dass wir alle gesund zurückbekommen. Für uns als Verein ist es existenziell, dass das funktioniert. Aber auch wir reisen in der Welt herum im Europapokal. Die Fußballer reisen für Champions-League-Spiele. Es ist ja nicht so, dass hier jetzt etwas ganz Besonderes stattfindet. Deshalb sollten wir alles mit der nötigen Sorgfalt angehen, aber nicht mit der Angst, denn das ist immer ein schlechter Ratgeber.

In der Bundesliga haben die Füchse zuletzt acht Mal in Folge gewonnen. Ist es da nicht auch ein bisschen schade, dass dieser Schwung durch die WM jetzt unterbrochen wird?

Wir haben gerade einen wirklich guten Lauf. Viele Rädchen fangen jetzt langsam an, ineinander zu greifen. Das war von Anfang an klar, dass es extrem schwierig wird - und jetzt noch unter den Corona-Bedingungen natürlich nochmal schwieriger geworden ist - eine neue Mannschaft zu entwickeln. Wir haben einen neuen Sportvorstand eingesetzt und ich habe mich dazu entschieden, einen jungen Trainer zu holen, der mit uns groß geworden ist. Wir haben uns von Spielern getrennt und Hierarchien gewechselt, also keine einfachen Prozesse. Dann muss sich erst einmal alles finden und man muss sich Schritt für Schritt entwickeln. Das hat die Mannschaft aus meiner Sicht mit Bravour getan. Jetzt setzt sich das erstmal - und nach der WM freuen wir uns wieder aufeinander und spielen dann hoffentlich auch eine gute Rückserie.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Simon Wenzel, rbb Sport. Es handelt sich um eine gekürzte und leicht redigierte Version.

Sendung: rbb24, 04.01.2020, 21:45 Uhr

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