Para-Speerwerferin Frances Herrmann (imago images/Oliver Kremer)
Video: rbb UM6 | 27.01.2021 | Uri Zahavi | Bild: imago images/Oliver Kremer

Als junge Mutter zu den Paralympics - Wie "Team Herrmann" mit Nachwuchs nach Tokio will

Frances Herrmann ist vor nicht einmal einem Jahr Mutter geworden - und schwanger beinah WM-Dritte. Nun will sie mit Kind zu den Paralympischen Spielen nach Tokio. Das wäre nicht ihre erste Pionierleistung. Von Ilja Behnisch

Sollte aus Henry Herrmann jemals ein erfolgreicher Speerwerfer werden und jemand die Frage stellen, wo alles seinen Anfang nahm - die Sache wäre ziemlich klar. Denn Henry Herrmann ist noch kein Jahr alt und trotzdem schon regelmäßiger Trainingsgast bei einer Weltklasse-Werferin: seiner Mutter.

Die heißt Frances Herrmann, ist 31 Jahre alt und unter anderem zweifache Medaillen-Gewinnerin bei paralympischen Spielen. Doch es ist mehr als der sportliche Erfolg, der ihre Karriere so besonders macht. Denn während bei anderen Sportlerinnen mit der Mutterschaft auch das Karriereende kommt, will die gebürtige Cottbuserin mit Kind zu den Paralympics in Tokio. Zuzutrauen ist ihr das allemal. Allein, weil sie schon früher Pionierarbeit leistete.

Gänsehaut-Medaille in Rio

So war sie 2006 die erste behinderte Sportlerin überhaupt an der Lausitzer Sportschule, gefolgt vom Abitur 2009. Die paralympische Silbermedaille holte sie bereits ein Jahr zuvor in Peking: Im Diskuswurf und mit Weltrekord in ihrer Startklasse. Dass die Sportart anschließend in eben jener Startklasse aus dem Wettkampfprogramm gestrichen wurde, war ein Schock für Frances Herrmann: "Dieses seitliche Rotieren, das war mein Ding. Schon meine Oma hat Diskus geworfen, es wird immer meine heimliche Liebe bleiben."

Doch anstatt aufzugeben, sattelten Herrmann und ihr Trainer Ralf Paulo einfach um, trainierten nun Speerwurf und Kugelstoßen statt Diskus. Der Weg zur Spitze allerdings ist beschwerlich und lang. Erst bei der Europameisterschaft 2014 kommt Herrmann in der internationalen Spitze des Para-Speerwurfs an, wird Vierte. Bei der Weltmeisterschaft ein Jahr später holt sie dann bereits Bronze. Ebenso bei den Paralympics von Rio 2016. Ihr Trainer sagt: "Es war so eine innere Befriedigung, es den Zweiflern gezeigt zu haben. Teilweise haben wir ja selbst gezweifelt." Und noch viel mehr als das. Wenige Tage vor dem Wettkampf verstarb Paulos Schwiegervater. Und damit der Mann, der Tage zuvor noch Herrmanns Wettkampfstuhl zu Ende gebaut hatte. Auch für ihn holen sie Bronze. Im Team, wie sie immer wieder betonen.

Der Sohn beflügelt

Ein Team, das zusammenhält, das auch mal verschwiegen ist. So wie bei der Weltmeisterschaft im November 2019. Herrmann wird Vierte und sichert der Deutschen Mannschaft einen Qualifikationsplatz für Tokio. Das Team ist zufrieden, auch, weil nur sie wissen, dass Frances Herrmann schon nicht mehr allein an den Start gegangen war, sondern schwanger. "Es war so der Beginn, wo es angefangen hat zu stören", sagt sie heute.

Ans Aufhören, so wie es viele prophezeiten, habe sie im Anschluss nicht gedacht. Im Gegenteil: "Ich muss für mich sagen, ich mache es jetzt eigentlich noch viel lieber. Auch für meinen Sohn. Weil ich denke: Wenn ich hier trainiere und für ihn manchmal nicht so viel Zeit habe, dann mache ich es lieber richtig."

Optimistisch für Tokio

Für ihren Trainer hat die Mutterschaft sogar etwas Positives: "Sie ist lockerer im Umgang mit vielen Dingen geworden. Ich glaube ihr Sohn hat ihr nochmal einen anderen Blick auf die Welt gegeben. Sie ist eine sehr, sehr ehrgeizige junge Frau. Ich glaube, der Sohn bringt so ein bisschen Erdung in die ganze Sache rein. Es hat vorher schon Spaß gemacht, mit ihr zusammenzuarbeiten. Aber jetzt macht es nochmal mehr Spaß."

Noch ist das Ticket für Tokio nicht in der Tasche. Doch Herrmann und Paulo sind optimistisch. Ihnen kam die Verschiebung der Spiele sogar ganz Recht. Denn so bleibt mehr Zeit, die Trainingswürfe nachzuholen, die während der Schwangerschaft und nach der Geburt auf der Strecke bleiben mussten.

Sohn Henry jedenfalls weiß sich inzwischen ganz gut selbst zu beschäftigen, krabbelt am Trainingsstützpunkt der Para-Leichtathletik in Cottbus fröhlich vor sich hin. Ob er mal in die Fußstapfen seiner Mutter treten wird? "Auf jeden Fall hat er einen großen Bewegungsdrang. Ich hoffe natürlich, dass er seinen Weg finden wird und ein bisschen Sport ist nie verkehrt. Ob es mal Leistungssport wird, das muss er dann am Ende selbst entscheiden", sagt Frances Herrmann. Wo dann alles seinen Anfang nahm, das jedenfalls wäre geklärt.

Sendung: rbb24, 26.01.2021, 21:45 Uhr

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