Konkreter Vorfall bleibt unklar - DFB ermittelt nach Rassismus-Vorwürfen gegen Union-Spieler

Rudelbildung nach dem Spiel Union gegen Leverkusen (Quelle:imago images / Matthias Koch)
Audio: Inforadio | 16.01.2020 | Jakob Rüger | Bild: imago images / Matthias Koch

Union Berlins Heimsieg gegen Leverkusen wird von schweren Rassismusvorwürfen gegen Unions Florian Hübner überschattet. Am Samstag bekräftigten beide Vereine, dass es eine Aussprache gab. Viele Fragen sind noch offen. Der DFB ermittelt. Von Till Oppermann

Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes will die Rassismus-Vorwürfe nach dem Bundesligaspiel Union Berlin gegen Bayer Leverkusen am Freitagabend untersuchen. Es bestehe der Verdacht, dass Union-Profi Florian Hübner seinen Leverkusener Gegenspieler Nadiem Amiri rassistisch beleidigt haben könnte, teilte der DFB am Samstag mit. Die Eltern des deutschen Nationalspielers Amiri stammen aus Afghanistan. Anfang der Woche sollen entsprechende Ermittlungen aufgenommen werden. Alle Beteiligten sollen sich zu dem Vorfall äußern.

Tah: "Das macht mich trauriger als die Niederlage"

Unions Sprung auf einen Champions League-Platz wurde am Freitag schon kurz nach dem Spielende zur Nebensache. "Die Herkunft von Nadiem Amiris Eltern wurde beleidigt", sagte der wütende Gäste-Innenverteidiger Jonathan Tah nach dem Spiel im rbb-Interview. Sein Entsetzen war ihm anzusehen. "Das gehört nicht auf den Fußballplatz." Auf Nachfrage der Reporterin präzisierte er. Es habe Diskussionen gegeben, in denen der Begriff "Scheiß Afghane" gefallen sei. Obwohl die Niederlage in Köpenick wichtige Punkte im Kampf um die Champions League kostete, stellte Tah fest: "Das macht mich trauriger als die Niederlage" - und forderte Konsequenzen. "Egal wie emotional es wird, das gehört nicht hierhin.“

In einer Medienrunde am Mittag äußerte sich Unions Sportdirektor Oliver Ruhnert: "Für uns ist klar, dass diese Dinge auf dem Platz nichts zu suchen haben." Tahs konkrete Vorwürfe will er aber nicht bestätigen. Er bezieht sich auf das hitzige Spiel, als er sagt: "Womöglich waren Dinge in der Emotionalität überinterpretiert." Trotzdem verurteile der 1. FC Union jeden Rassismus.

Schon im Spiel eskalierte es

Von Beginn an lieferten sich beide Mannschaften eine hitzige Partie. Schiedsrichter Florian Badstübner musste regelmäßig schlichten. Als die Unioner in der 88. Minute der Partie ihre späte Führung durch Cedric Teuchert bejubelten, kochten die Emotionen vollends hoch. Insbesondere Mittelfeldmann Amiri war kaum zu beruhigen und bekam wegen seiner ausgiebigen Proteste bei Badstübner die Gelbe Karte. Folgt man Jonathan Tahs Darstellung, hatte er wohl guten Grund für seinen Ärger. So kam es nach dem Abpfiff zu weiteren Rangeleien zwischen beiden Mannschaften. Aufgebracht redete Amiri auf Unions Innenverteidiger Florian Hübner ein. Nachdem Leverkusener und Unioner die beiden Spieler mit vereinten Kräften trennten, geriet Amiri auch mit der Bank der Berliner aneinander.

Erst Union-Trainer Urs Fischer gelang es mit einiger Anstrengung die Situation beruhigen. Schon kurz danach fand er klare Worte. Angesprochen auf die Anschuldigungen versprach er, sich der Vorwürfe anzunehmen. "Wenn das wirklich so sein sollte, dann entschuldige ich mich im Namen des Klubs. Das darf nicht geschehen." Allerdings habe er persönlich nichts gehört und sei nur vom "Hörensagen" über die Äußerungen informiert worden. "Ich möchte das in Ruhe klären und nicht irgendwo etwas erzählen, das ich nicht weiß." Auch Kerem Demirbay, Amiris Partner im Leverkusener Mittelfeld, gab an, er habe "etwas mitbekommen." Präzisieren wollte er das im Interview aber nicht. "Was auf dem Platz passiert, bleibt auf dem Platz", so Demirbay. Er habe Respekt vor beiden Spielen.

Hübner und Amiri sprachen sich aus

Währenddessen erhärtete sich der Verdacht gegen Hübner. In einer mittlerweile gelöschten Instagram-Story, die Amiri teilte, erhob sein Bruder Nauwid schwere Vorwürfe gegen den Innenverteidiger der Eisernen. Hübner habe den deutschen Nationalspieler als "Scheiß Afghanen" bezeichnet. Dabei seien er und sein Bruder in Deutschland geboren und aufgewachsen. Hübners Versuch, die Wogen in den Katakomben der Alten Försterei zu glätten, wollte er nicht gelten lassen: "Denkst Du, in die Kabine zu gehen und sich entschuldigen zu wollen, reicht und damit ist alles vergessen?!!"

Am Tag danach äußert sich Nadiem Amiri versöhnlicher. Auf Twitter veröffentlicht Bayer 04 sein Statement. Er bestätigt, dass Hübner in die Kabine gekommen sei sich entschuldigt habe. "Es sind aus den Emotionen heraus unschöne Worte gefallen, die ihm sehr leidtun." Für ihn sei die Sache damit erledigt.

"Der Spieler hat gesagt, er hat sich nicht so geäußert"

Oliver Ruhnert berichtet: "Wir haben Leverkusen darum gebeten, dass sich die Spieler unmittelbar aussprechen." Zwischen beiden Seiten habe es sehr vernünftigen Austausch gegeben. Auch Union betrachte die Sache als ausgeräumt. Auf dem Platz sei es vorher verbal teilweise sehr deutlich gewesen, erklärt Ruhnert: "Aber Kerem Demirbay hat das gut gesagt: 'Was auf dem Platz passiert, bleibt auf dem Platz.'"

Doch Tahs Vorwurf steht weiter im Raum. Ruhnert widerspricht ihm: "Für uns hat es diese rassistische Aussage nicht gegeben." Man rede noch immer von der emotionalen Aussage eines Spielers direkt nach dem Spiel, so der Manager. Was im Einzelnen zwischen den Spielern vorgefallen sei, wisse er nicht. Aber: "Der Spieler hat gesagt, er hat sich nicht so geäußert." In der Mannschaft sei trotzdem klar, dass man jeden Rassismus verurteile. Betroffene Spieler wie Antony Ujah haben sich in der Vergangenheit öffentlich zur Thematik geäußert. Vielleicht denkt Ruhnert an ihn, wenn er sagt: "Wir haben viele Spieler im Kader, die das logischerweise nicht akzeptieren würden."

Ruhnert verweist an den Kontrollausschuss

Bleibt die Frage nach der Aufarbeitung - selbst wenn der konkrete Wortlaut, den Tah den Unionern vorwarf, nicht der Wahrheit entspricht. Denn auch Ruhnert bestätigte, dass die Wortgefechte im Freitagsspiel über das normale Maß hinausgingen. Natürlich habe man deshalb mit der Mannschaft gesprochen, so Ruhnert. Auch wenn er davon ausgeht, dass "Scheiß Afghane" nicht gefallen ist, spricht er Unions Verantwortung im Kampf gegen Rassismus an. "Wir müssen das immer wieder rausstellen und betonen." Zu den Ereignissen nach dem Spiel gegen Leverkusen sagte der 49-Jährige: "Ich habe gehört, dass beide sich entschuldigt haben."

Die endgültige Aufklärung will Ruhnert der Sportsgerichtsbarkeit überlassen. Wie üblich, habe Schiedsrichter Badstübner die Vorwürfe der Leverkusener vermerkt. Außerdem habe der Unparteiische selbst bei Hübner nachgefragt, berichtet Ruhnert. Auf der Audiospur der Spielübertragung ist die Beleidigung nicht zu hören. "Es gibt eine Untersuchung des Kontrollausschusses. Der Schiedsrichter hat das eingetragen, jetzt wird ermittelt." Seinen Innenverteidiger nimmt er in Schutz. "Am Ende gehören immer zwei dazu, warten wir den Kontrollausschuss ab."

Formulierungen wie von Demirbay und Ruhnert, die sich wünschen, dass die Vorfälle auf dem Platz bleiben, werden die Untersuchung nicht erleichtern. Ein weiterer Vorfall vielleicht schon. Auf Twitter verbreiteten User eine Szene in der 58. Spielminute. Dort ist gut zu hören, wie in Richtung des Leverkuseners Leon Bailey der Satz: "Chill mal, wir sind hier in Deutschland" fällt.

Sendung: rbbUM6, 16.01.2021, 18 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

34 Kommentare

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  1. 34.

    Ich schiebe garnichts! Ich sagte nur, dass man die Füße stillhalten soll bis es aufgeklärt ist. Wenn man, so wie sie, von Opfer spricht, dann gibt es auch Täter. Sie haben sich also ihre Meinung bereits gebildet und das kommt einer vorverurteilung gleich.

  2. 33.

    Du gehörst leider zu denen, die es immer noch nicht verstanden haben. Es geht nicht darum, ob Hübner ein Rassist sein soll, sondern nur darum, dass es rassistische Aussage war. Diese Unterschiede scheinen einige nicht zu kapieren.

  3. 32.

    Nun ist also das Opfer Schuld? Erst wollen Sie warten, bis es aufgeklärt ist, aber selber schieben Sie die Schuld dem Opfer zu.

  4. 31.

    woher wissen sie denn, dass das wirklich gelaufen ist? Wahrscheinlich haben sie genau daneben gestanden, sonst würde ich mal sagen, die Füße stillhalten und abwarten was wirklich gelaufen ist. Amiri ist in der Liga, neben der Tatsache, dass er ein guter Fußballer ist, auch für seine impulsität und seine schlechte verliererqualitäten bekannt.

  5. 30.

    Sie legen die Hand ins Feuer für alle Unioner? Echt jetzt? Na viel Vergnügen mit den Verbrennungen. Rassismus gibt es überall. Googeln Sie mal Alltagsrassismus. Im Fußball ist er angesichts der sehr vielen Spieler aus diversen Nationen oder mit Migrationshintergründen totaler Schwachsinn. Im Fußball ist alles so international, da ist es erschreckend, wenn es immer wieder zu Rassismus kommt. Euer Trainer ist übrigens Schweizer. Was das für ein Aufschrei wäre, wenn einer zu ihm Sche... Schweizer sagen würde. Nur mal so zum Nachdenken.

  6. 28.

    Ich bin sehr dafür, dass Rassismus im Sport öffentlich gemacht und entsprechend sanktioniert wird. Und wenn Hübner Amiri gegenüber tatsächlich den kolportierten Spruch, den man für sich genommen als rassistisch auslegen kann, gebracht haben sollte, muss er die evntl. folgenden Konsequenzen akzeptieren.

    Nun weiss man aber auch, dass auf dem Platz nicht selten ein rauer Ton herrscht; gerade wenn emotionalisierte Jungmänner aufeinandertreffen. So soll Amiri Hübner zuvor als H*rensohn und M*ssgeburt bezeichnet haben, was auch auf eine maximale Beleidigung abzielt. Dieses "Sche*ß Afghane", wenn es denn so war, geht mal gar nicht - ist aber von Hübner ganz sicher nicht rassistisch beleidigend im Sinne einer "Ideologie" oder persönlichen Einstellung, sondern aus der Emotion heraus gefallen.

  7. 27.

    Kann es sein dass sie und einige andere Unioner hier an Verfolgungswahn leiden?
    Chillt mal.....!

  8. 26.

    Was ist denn Rassismus genau? Die Definition dafür oder was der Betroffene individuell davon spürt oder "spüren will" (kann emotional vorkommen)? Kann eine glaubhafte Entschuldigung dies überhaupt "heilen" und wie lange gilt dann eine Ächtung? Hat die Öffentlichkeit ein Mitspracherecht, oder ist es Sache der Beteiligten (berührt die gleiche Frage als wenn ein Kind darüber urteilen darf, ob eines der Eltern fremd geht)? Wie hat die Öffentlichkeit davon erfahren (war man dabei durch ein Micro/Bild o.ä.) (berührt die Frage nach dem Kinderspiel "Stille Post")?

  9. 25.

    Genug ist genug.Der Spieler Húbner hat sich entschuldigt und damit ist Ruhe. Ist eigentlich erledigt, Aber es wird weiter hoch gespielt. Last den Spieler in Ruhe. Wir Unioner sind keine Rassisten!!!

  10. 24.

    Es gibt keine Beleidigungs§ gegen Cops, das ist eine urbane Legende (und höchstens in Frankreich), und "Bullen" darf man ebenfalls sagen.

  11. 23.

    Dinge zu bagatellisieren bringt niemanden weiter. Amerikaner, Russen, Polizisten und Deutschen sind in der Regel keine Flüchtlinge oder als Menschen aus anderen Kuturkreisen anzusehen.

  12. 22.

    Der Unioner Spieler hat früher mit dem Bruder von Amiri in einer Mannschaft gespielt. Kennt also seinen Migrationshintergrund. Schlimm wenn eine solche Beleidigung gefallen ist. Nur die Spieler können den Sachverhalt aufklären. Wieso der Manager die Angelegenheit ins blabla ziehen will ist eher kontrapunktiv.
    Ansonsten Eisern Union! Coole Truppe.

  13. 21.

    Wer Union kritisiert ist gleich ein Herthaner? Was ist das für ein Blödsinn? Kommentar um diese Uhrzeit?? Wohl zu viel getrunken???

  14. 20.

    Sorry Vera. Das geht leider nicht, da sich heutzutage fast jeder diskreminiert fühlt selbst wenn er nur beleidigt wird oder Frust abbekommt. Die Autoren diese Buchs würden garnicht mehr mit dem aktualisieren hinterher kommen.

    Die Kinder in den Kitas sind übrigends nicht das Problem. Kinder sind sehr viel toleranter als Erwachsene.

    Die Eltern sind das Problem ! Diese impfen den Kindern Vorurteile ein. Kinder lernen von Vorbildern - guten wie bösen.

    Aber so eine Sichtweise ist natürlich in einer poststrukturalistisch geprägten Welt nicht mehr angesagt.

    Ich bleine bei meiner Sicht der Dinge - Mensch ist Mensch und nicht Mann,Frau,Afgahne,Transe,Hetere,Homo usw. diese Adjektive braucht keiner.

  15. 19.

    Also mich stören diese Übertreibungen immer mehr. Scheiss ... ist eine Beleidigung egal ob als Afgahne, Polizist, Frau ... hat aber mit Rassismus nichts zu tun. Es ist i.d. Regel ein Wutausbruch der sich in dieser Wortwahl wiederfindet. Rassistisch ist es nur wenn der Nutzer dies in einem eindeutigen Kontext tut ( als Nazi, Afdler, rechter CDUCSUler , rechter Fußballfan...) bzw. diese Beleidigung bewusst zur politischen Hetze genutzt wird. Wie beim Antisemitismus der NSDAP.

  16. 18.

    Rassismusvorwürfe im Fußball sind leider nichts neues - auch wenn die meisten Teams schon lange sehr divers sind. Schade finde ich, dass Union diesen Fall nicht untersucht, sondern ihn erstmal reflexartig kleinredet. Union steht hier in der Verantwortung für die gesamte Gesellschaft. Schließlich genießt der Fußball in der Pandemielage in Deutschland gerade erhebliche Prvilegien.
    Probleme nicht erkennen wollen, sie kleinreden, sich wegducken, die Öffentlichemachenden ggf. zu diskreditieren: Das sind Phänomene, die es nicht nur im Fußball gibt.

  17. 17.

    „ Oder bei einigen Demonstranten die Äußerung "Sche.. Bulle". Wie verhält es sich damit?“ Mit diesem Vergleich haben Sie sich schon geoutet. Ggü. einem Polizisten ist das eine Beleidigung. Aber nicht wegen seiner Herkunft, sondern wegen seiner Eigenschaft als Polizist. Der Mensch kann seinen Beruf wählen, Wenn er deswegen beleidigt wird; schlimm genug. Der Mensch kann aber weder seine Herkunft noch seine Hautfarbe wählen; wenn er deswegen beleidigt wird, ist das Rassismus pur. Wenn Sie dies nicht verstehen, dann haben Sie ein tiefersitzendes Problem mit Menschen.

  18. 16.

    Eifersüchtige Herthaner sind eben so, die können es nicht ertragen, dass Union vorbeigezogen ist, um Welten besser spielt und man selbst auf besten Weg zum Abstieg ist.

  19. 15.

    Genau so ist es. Und solche Sprüche haben nie eine Berechtigung. Wer so etwas verharmlost hat nicht viel Verstand.

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