Luca Netz jubelt über sein 1:1 gegen Stuttgart. Quelle: imago images/Eibner
Audio: Inforadio | 14.02.2021 | Guido Ringel | Bild: imago images/Eibner

1:1 in Stuttgart - Dardais Umstellungen retten Hertha das Remis

Ein Rekordtor des jungen Luca Netz beschert Hertha in Stuttgart einen Punkt. Das war nach einer miserablen Leistung in der ersten Halbzeit nicht selbstverständlich. Umstellungen von Trainer Dardai bewahren die Mannschaft vor der nächsten Schlappe im Abstiegskampf. Von Till Oppermann

Obwohl die Transferphase gerade erst vorbei ist, steht Hertha-Manager Arne Friedrich in den kommenden Wochen vor einer sehr wichtigen Aufgabe. Die Vertragsverlängerung mit Luca Netz steht an und ist nach dem 1:1 im Bundesligaspiel beim VfB Stuttgart wohl etwas teurer geworden. Denn Herthas größte Nachwuchshoffnung hat mit seinem Ausgleich gegen die Schwaben einen neuen Rekord aufgestellt. Mit 17 Jahren und 274 Tagen ist er nun der jüngste Torschütze der Vereinsgeschichte. Wie jung das ist, zeigt eine kleine Zahlenspielerei: Als sein Vorlagengeber Sami Khedira Herthas Gegner aus Stuttgart 2007 zur deutschen Meisterschaft köpfte, war Netz seit wenigen Tagen vier Jahre alt. Wahrscheinlich träumte er damals noch nicht mal davon, eines Tages Fußballprofi zu werden.

Luca Netz macht Dardai Hoffnung

Wie schnell aus eines Tages "heute" werden kann, zeigte der Blondschopf in der 82. Minute des Gastspiels seiner Mannschaft in Stuttgart. Nur drei Minuten nachdem Trainer Pal Dardai Netz für den lethargischen Maximilian Mittelstädt aufs Feld schickte, rechtfertigte der Youngster diese Entscheidung. Einen Pass, den Sami Khedira aus dem rechten Halbraum an die Strafraumgrenze gelöffelt hatte, nahm Netz mit vollem Tempo mit in den Sechzehner. Trotz einer etwas verunglückten Ballannahme gelang es dem 17-Jährigen, den Stuttgarter Keeper Kobel zum Ausgleich zu überwinden. "Das war eine gute Finte", scherzt er später am Sky-Mikrofon verschmitzt. Diese Unbekümmertheit kann der Mannschaft nur guttun. Dardai wird es gerne hören, wenn Netz ankündigt, sein nächstes Ziel sei ein Stammplatz. Spätestens zur nächsten Saison.

Denn nach zwei couragierten Leistungen gegen Frankfurt und Bayern fiel die Mannschaft in der dritten Partie unter ihrem neuen Trainer lange Zeit in alte Muster zurück. "Wir haben die erste Halbzeit verschenkt", bemerkt Coach Pal Dardai. Das Spiel der Berliner reihte sich nahtlos in die zahlreichen blutleeren Auftritte ein, die erst Ante Covic, dann Jürgen Klinsmann, Alexander Nouri und schließlich Bruno Labbadia den Job kosteten. "Wir haben den Plan des Trainers nicht umgesetzt", kritisiert Khedira. Dieser Plan bestand nach Dardais Aussage darin, mit Mittelfeldpressing den Stuttgarter Aufbau zu stören und dann auf direktem Wege den Pass in die Spitze zu suchen.

Hertha zeigt bekannte Schwächen

"Umschaltfußball" nennt der Trainer das. Dass dieses Umschalten misslang, hatte mehrere Gründe. Besonders offensichtlich: In Ermangelung eroberter Bälle ergaben sich viel zu wenige Gelegenheiten, das Spiel überhaupt schnell zu machen. Und nach den seltenen Ballgewinnen, die es doch gab, fehlte die Zielstrebigkeit. Khedira bemerkt einen weiteren Fehler: die Mannschaft habe sich nicht an die Abstände gehalten und die Positionen verlassen. Eigentlich müsse man das Feld breit machen, doch die Stürmer hätten sich in der Zentrale konzentriert. Schon Dardais Vorgänger Labbadia kritisierte regelmäßig das inkonsequente Flügelspiel.

Gegen Stuttgart musste im 4-3-3-Systemm einmal mehr Cunha auf der ungeliebten linken Außenbahn auflaufen. Sein Konterpart auf der rechten Seite war Dodi Lukebakio. Anders als bei seinem guten Spiel gegen die Bayern fiel er besonders dadurch auf, dass im Minutentakt laute "Dodi"-Rufe durch das Stuttgarter Stadion hallten, um ihn auf Stellungsfehler hinzuweisen - noch eine Erinnerung an Bruno Labbadia. Da passte es nur zu gut, dass Stuttgarts Kalajdzic bei seinem verdienten Führungstor von einem Zuordnungsfehler der Hertha-Abwehr nach einem Freistoß profitierte. "Die Mannschaft war gelähmt", bilanziert Dardai die erste Hälfte. Das wäre auch ein passendes Bild, um den kläglichen Versuch zu beschreiben, vor dem Gegentreffer auf Abseits zu spekulieren.

Umstellungen retten den Punkt

So löste es allgemeines Erstaunen aus, dass Dardai nach dem Wiederanpfiff weiter seiner Startelf vertraute. Der spätere Torerfolg von Netz und die Vorarbeit des ebenfalls eingewechselten Khedira legen nahe, dass mit früheren Wechseln mehr als ein Punkt drin gewesen wäre. Obwohl er bis zur 59. Minute auf seinen Einsatz warten musste, lobt Winterneuzugang Khedira den Trainer. In der zweiten Halbzeit seien die Außenstürmer nicht immer in die Mitte gezogen. Die Mannschaft habe den Plan endlich umgesetzt. "Der Trainer hat das in der Halbzeit klar angesprochen", begründet Khedira. Der tatsächliche Umschwung kam jedoch erst mit seiner Einwechslung. Khedira verlieh Herthas Spiel Struktur und zeigte, dass er eines der größten Probleme der Mannschaft lösen kann. Das Vakuum im defensiven Mittelfeld sorgte in dieser Saison sowohl gegen den Ball als auch im Aufbau- und Umschaltspiel für reichlich Instabilität.

Die Tatsache, dass Pal Dardai nicht nur Khediras "einfache und gute Pässe" lobt, sondern auch von einer Leistungssteigerung in seiner zweiten Trainingswoche spricht, legt nahe, dass der ehemalige Nationalspieler kommende Woche gegen Leipzig in der Startelf steht. Womöglich in einer neuen Formation. Denn nicht nur die Einwechslung von Khedira war ein Glücksgriff. Dass Hertha in den letzten zehn Minuten des Spiels immer mehr Druck ausübte, lag an einer taktischen Umstellung. Denn mit der Einwechslung von Netz und Matthew Leckie, wurde Lucas Tousart zum dritten Innenverteidiger einer Dreierkette. Das erlaubte den beiden dynamischen Außenverteidigern ihre Positionen deutlich offensiver zu interpretieren als ihre Vorgänger Mittelstädt und Peter Pekarik. Sofort war mehr Tempo in Herthas Spiel und endlich auch die ersehnte Breite. Das Tor war die logische Folge. In einem 3-5-2-System könnte Luca Netz diese Stärke von Beginn an ausspielen - und würde seinem Traum vom Stammplatz noch näherkommen.

Sendung: rbbUM6, 13.02.21, 18:00 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

1 Kommentar

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  1. 1.

    Na hoffentlich bleibt der junge Mann Hertha erhalten.

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