Lukas Klünter (l.) und Rune Jarstein (r.) nach Herthas Niederlage in Wolfsburg. Quelle: imago images/Contrast
Audio: Inforadio | 27.02.21 | 22:15 Uhr | Jakob Rüger | Bild: imago images/Contrast

Hertha verliert auch in Wolfsburg - Pech reicht nicht als Erklärung

Nach seinem fünften sieglosen Spiel hadert Hertha-Trainer Pal Dardai mit dem Schicksal. Mal wieder kann sich seine Mannschaft nicht für eine gute Leistung belohnen. Fehlendes Spielglück oder Pech sind dafür keine ausreichende Erklärung. Von Till Oppermann

Wie regelmäßig seit dem Amtsantritt von Pal Dardai zeigte Hertha BSC am Samstag in Wolfsburg eine ansprechende Leistung. Und trotzdem reichte es auch im mittlerweile fünften Spiel unter dem neuen Trainer nicht für den ersten Sieg. Insgesamt konnte Hertha nun seit neun Spielen nicht mehr gewinnen.

Weil die Spielverläufe sich ähnelten und die engen Szenen gegen seine Mannschaft liefen, machte Dardai in seinen ersten Wochen oft "fehlendes Spielglück" für die fehlenden Punkte verantwortlich. Angesichts einer Partie, in der die Wolfsburger zur Pause führten, ohne in den ersten 45 Minuten ein einziges Mal auf das Tor von Rune Jarstein geschossen zu haben, griff der Ungar zu einer noch drastischeren Begründung: "Das war Schicksal."

Der Spielverlauf passt zur Saison

Seit jeher haben sich Menschen für vermeintlich Unerklärliches übernatürliche Erklärungen gesucht. Auch Dardai will in der kommenden Woche "schauen, wolang die schwarzen Katzen laufen". Doch kann man tatsächlich noch von Pech sprechen, wenn eine Mannschaft regelmäßig an den gleichen Problemen verzweifelt?

Mit der Einstellung der Spieler hat die Negativserie zumindest nichts zu tun. Unter Dardai kämpfen, laufen und arbeiten sie mit hoher Intensität. Auch in Wolfsburg starteten die Berliner aggressiv und konzentriert ins Spiel. Die Abwehr ließ gegen das formstärkste Team der Liga nichts zu. In der Offensive konnten Dardais Spieler Nadelstiche setzen. Angreifer Matheus Cunha hätte sich beim ungestümen Einsatz seines Wolfsburger Gegenspielers Pongracic nur fallen lassen müssen, um einen Elfmeter zu bekommen. Cunha blieb fair und musste wenige Minuten später mit ansehen, wie sein sonst sehr guter Mitspieler Lukas Klünter den Ball beim ersten gefährlichen Angriff der Wolfsburger im eigenen Tor versenkte.

Obwohl nicht nur Cunha, sondern auch Winterneuzugang Sami Khedira verletzt ausgewechselt werden mussten, gelang es der Alten Dame, den Gegner auch in der zweiten Halbzeit vom eigenen Tor fernzuhalten. Gleichzeitig erspielte sich die Offensive mehrere gute Gelegenheiten, bei denen nur der Wolfsburger Torwart Casteels oder der Torpfosten im Weg standen. Später nahm Schiedsrichter Bastian Dankert nach Videobeweis noch einen Elfmeter für Hertha zurück und die Wolfsburger trafen in der 89. Minute nach einer Ecke zum 2:0.

Fasst man den Spielverlauf auf diese Art zusammen, wird verständlich, was Dardai mit Schicksal meint. Sein Kapitän Niklas Stark bringt das vorherrschende Gefühl während dieser Hertha-Saison auf den Punkt: "Was soll ich dazu sagen? Es ist immer das Gleiche."

Pech entsteht durch Unvermögen

Sieht man sich die einzelnen Szenen genauer an, wird klar, dass "fehlendes Spielglück" oder "Schicksal" als Erklärung für die triste Situation der Herthaner nicht ausreichen. Was sich anfühlt wie Pech, entsteht häufig aus Unvermögen in den entscheidenden Situationen. Da wäre zum Beispiel das Eigentor zum 0:1. Wolfsburgs Harmlosigkeit über weite Strecken des Spiels war eine direkte Folge der Fünferkette, in der Dardai sein neues Defensivsystem gefunden zu haben scheint. Stark und seine schnellen Innenverteidigerkollegen Klünter und Marton Dardai nahmen den Gastgebern die Chance, gefährliche Tiefenläufe hinter die Abwehr zu wagen. Diese gute Absicherung erlaubte es den Außenverteidigern Maxi Mittelstädt und Deyovaisio Zeefuik, den Aufbau der Wolfsburger aggressiv zu stören. Ein guter Plan, der fast optimal funktionierte. "Wir hatten defensiv alles unter Kontrolle", sagt Dardai. Doch dann kam Klünter. Dardai bringt auf den Punkt, wie unnötig dessen missglückter Klärungsversuch war: "Wir waren nicht mal in Unterzahl, das war keine Drucksituation."

Ebenso lassen sich mehrere der unglücklichen Situationen in der zweiten Hälfte mit falschen Entscheidungen der Herthaner erklären. Der zurückgenommene Elfmeter? "Die Torchance war vorher da, da müssen wir das Tor machen", sagt auch Trainer Dardai.

Sowieso habe es danach weitere Möglichkeiten gegeben. Wie zum Beispiel den Pfostenschuss von Krysztof Piatek. Er musste aus einer schlechteren Position schießen, weil es seinem Mitspieler Guendouzi vorher nach einer schwachen Ballannahme nicht gelang, rechtzeitig abzuspielen. Obwohl Hertha die Schlussphase bestimmte, setzten die Wolfsburger kurz darauf den Schlusspunkt. Dardai quittierte das Tor mit einem ironischen Lächeln. Schicksal eben. Doch hier wird am deutlichsten, dass übernatürliche Erklärungen für Herthas Zustand zu kurz greifen. Es war bereits das 18. Standardgegentor. Nur Schalke ist schlechter.

Gegen Augsburg muss Hertha gewinnen

Torhüter Rune Jarstein zeigte sich enttäuscht: "Wir haben ein gutes Spiel gemacht." Niklas Stark lobte die gute Stimmung im Training. Auch diese Äußerungen erinnern an die letzten Wochen. Dardai steht mit dem Team vor einer kniffligen Situation.

Das Gefühl, vom Pech verfolgt zu sein, und der Stolz auf die ordentliche Mannschaftsleistung gegen den Tabellendritten können für eine trügerische Ruhe sorgen. Aber Hertha braucht dringend Punkte im Abstiegskampf und trifft am nächsten Wochenende auf einen direkten Konkurrenten. Dardai: "Nach dem Augsburg-Spiel werden wir alle ein bisschen schlauer sein." Es wäre ein guter Zeitpunkt, um die altbekannten individuellen Patzer hinter sich zu lassen. Erst wenn das funktioniert, kann sich Hertha für die guten Teamleistungen belohnen.

Sendung: rbb24, 27.02.21, 21:45 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

20 Kommentare

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  1. 20.

    Die Stadt ist doch groß genug für zwei Bundesligisten. Hatten wir doch immer mal ab und zu. Übrig bleibt doch sowieso Hertha..

  2. 19.

    Sehe ich auch so. Berlin braucht einen Bundesligisten, der für alle Berliner steht. Das kann Union nie sein, weil die Fans sich abgrenzen. Es ist eben ein Ostverein, der gerade Hipp ist. Aber wenn die Hipster was neues finden, dann ist Union wieder ein typischer Langweilerclub.

  3. 18.

    Jetzt sollte man sich langsam mal mit dem Gedanken anfreunden das man nächste Saison zweite Liga spielt. Es hat sich ja die letzten Jahre angedeutet. Vielleicht tut das Herta auch mal gut. Da kann aller Ballast über Bord geschmissen werden und neu an die Sache gegangen werden.

  4. 16.

    Als offensichtlicher Hertha Fan erweisen Sie mit solchen Kommentaren dem Verein einen Bärendienst. Realitäts- und Weltfremd bei einer gehörigen Portion Überheblichkeit, aber ich gehe mal davon aus Sie wissen das auch. Ich bin ebenfalls Hertha Fan und erkenne neidlos an das Union in jeder Beziehung einen besseren Job mach - und das mit deutlich geringeren finanziellen Mitteln. Wenn das so weiter geht wünsche ich Hertha zurecht alles Gute in der zweiten Liga ...

  5. 15.

    Na klar geht Berlin ohne Bundesliga. Hat ja jahrelang bestens funktioniert. Diese Stadt kann keinen Bundesliga Fußball und Union ist momentan auch nur eine Ausnahme, wenn auch zugegeben eine recht gute. Aber irgendwann wird sich das auch erledigt haben.

  6. 14.

    Schreckensszenario mit 4 Wörtern?
    Abstieg - Kapitalabzug - Insolvenz - Regionalliga.
    Möge es so nicht kommen.

  7. 12.

    Was heißt nur Union, noch ueberheblicher geht wohl nicht mehr und wenn ich mich recht erinnere, ist Köpenick ein Kiez von Berlin. Somit ist "Eisern Union" eine Berliner Bundesligamannschaft, ob es Ihnen gefällt oder nicht

  8. 11.

    Hertha wird es schon noch packen, die wichtigen Spiele kommen jetzt. Berlin ohne Bundesliga geht nicht. Union hin oder her, aber es ist eben nur Union.

  9. 10.

    Wenn man jede Woche sehen muss, wie freudestrahlend die Spieler nach Niederlagen den Gegner umarmen und herzen, muss man schon von fehlender Mentalität sprechen. Offenbar ist es den hochbezahlten "Stars" schlichtweg völlig egal, jedes Mal die Punkte herzuschenken. Es wird sich schon ein anderer Verein finden, der sie mit diesen unterirdischen Alibi-Leistungen noch anstellt. Hauptsache man kann halbwegs geradeaus laufen und kann sich je Halbzeit merken in welche Richtung der Ball zu treten ist.

  10. 9.

    Besser kann man nicht beweisen, dass man das Spiel überhaupt nicht gesehen hat...

  11. 8.

    Liefert weiter gute Spiele dann dürft ihr nach Heidenheim :-)

  12. 7.

    Hertha ist und bleibt Hertha ... vielleicht ist ja noch etwas Geld in der Portokasse für einen Crash-Kurs bei Union (betreutes Schweigen oder der gemeinsame Sonnengruß;-)

  13. 6.

    Gegen diese Gegner hat Labadia die selbe Punkteausbeute erreicht. Waren / sind halt eine andere "Liga". Interessant wird es nun wie geschrieben gegen Augsburg. Da muss ein 3er her, sonst ist zu diskutieren, was der neue Trainer da eigentlich bringt.

  14. 5.

    Stimmt - Pech kann das nicht sein, wenn man immer! Pech hat und nie Glück. Meiner Meinung nach ist es psychologische Überforderung einzelner eigentlich leistungsstarker Spieler, die aus Angst zu versagen in den entscheidenden Situationen wirkich versagen. Das deutete sich schon zuletzt auch in der Ära Labbadia an, der aus meiner Sicht Cunha psychologisch überfordert hat (ich erinnere an verschossene Elfmeter etc.) Das hat sich seit Dardais Amtsantritt kein bisschen verbessert. Durch sein ständiges Experimentieren mit der Mannschaftsaufstellung hat er diese ängstliche Verunsicherung wahrscheinlich sogar auf die ganze Mannschaft übertragen. 1 Punkt aus 5 Spielen. Auch scheint es mir wenig hilfreich, den eigenen Sohn in der Abwehr aufzustellen und als einen der wenigen nicht auszuwechseln, obwohl dessen 2-Kampf-Werte (objektiv erfasste gewonnene Zweikämpfe) weit unterdurchschnittlich waren. Schon allein das muss doch Zweifel aufkommen lassen.

  15. 4.

    Glaub ich nicht!
    Der "Big City Club" hat zwar in der jüngsten Vergangenheit wieder mal viel versemmelt, doch bei dem Programm der letzten Wochen unter Dardai, waren die Niederlagen nicht so sehr überraschend... die nächsten Wochen werden es dann zeigen...
    ...den Abstieg schaffen sie dann wohl doch nicht.

  16. 3.

    Glaubt jetzt immer noch jemand, dass das nur am Trainer liegt? Vielleicht sollte man mal das „Gehalt“ erfolgsabhängig auszahlen.

  17. 2.

    Wer wird denn eigentlich der nächste Trainer des BigCityClubs?

  18. 1.

    2 Liga Herta ist wohl mit dabei. Mahnendes Beispiel ist der HSV und wohl auch Schalke. Also reißt euch endlich zusammen und gebt alles für den Verein.

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