Schalke-Fanclub "Königsblau Berlin" (Privat)
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Interview | Schalke-Fan im Berliner Exil - "Mit anerkennendem Neid nach Köpenick"

Dennis Rosenzweig ist 39, Polizist und Mitglied des Schalke-Fanclubs "Königsblau Berlin". Warum er seinen Lieblingsverein nicht mehr wiedererkennt, was er zur Rivalität zwischen Hertha und Schalke sagt und an Union mag.

rbb|24: Dennis Rosenzweig, wie wird man ausgerechnet in Berlin zum Schalke-Fan?

Dennis Rosenzweig: Ich bin in Gelsenkirchen aufgewachsen und dann gibt es nur Schalke und nichts anderes. Nach Berlin bin ich erst 2006 wegen der Arbeit gekommen.

Und seither gibt es den einzigen offiziellen Schalke-Fanclub der Hauptstadt, "Königsblau Berlin"?

Den gab es schon vorher, seit 1999. Gegründet mit acht plus eins Mitgliedern.

Also neun.

Das ist bei uns eine böse Zahl. Wegen dem BVB (Ballspielverein Borussia 09 e. V. Dortmund, Anm. d. Red.). Wir würden das nie ausschreiben oder aussprechen. Inzwischen haben wir aber auch circa 90 Mitglieder. Ein Drittel davon kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, der Großteil aus Berlin und Brandenburg.

Die Rivalität zu Borussia Dortmund wird also auch im preußischen Exil gelebt. Wie steht es um die mit Hertha BSC?

Wir als Berliner spüren das mehr. Aber im Allgemeinen ist das schon die einseitige Fan-Feindschaft, von der so oft die Rede ist. Und bevor ich nach Berlin gekommen bin, war Hertha für mich auch nicht existent. So ein bisschen neutral - wie Freiburg. Hier kriegt man es jetzt natürlich ein bisschen mehr mit.

Und dann holt Schalke 04 vor der Saison ausgerechnet Vedad Ibisevic, den sie bei der Hertha für ein Auslaufmodell gehalten haben.

Ich habe direkt gesagt: Da sieht man schon, in welche Richtung das Ganze geht. Da sprechen wir nicht mehr von Europa League oder gar Champions League. Das ist ganz klar ein Kader, mit dem man um den Klassenerhalt spielt.

Sie sollten Recht behalten. Woran liegt es denn nun?

Das hat sich schon länger angekündigt. Auch wenn es vor knapp drei Jahren noch Champions League war. Aber auch da wurde schon Geld für Spieler bezahlt, die gar nicht den Wert hatten. Auf der anderen Seite wurden und mussten gute Spieler verkauft werden, weil das Geld gelockt hat. Und dann hat man Christian Heidel als Sportvorstand geholt, der Schalke einfach nicht verstanden und viel falsch gemacht hat. Dabei war sein Vorgänger Horst Heldt jemand, der gerade dabei war, die alten Sünden von Felix Magath zu beheben. Und einen Trainer wie Domenico Tedesco (Vizemeister 2017/18, Anm. d. Red.) hat man allein gelassen, als der sich mit der Fraktion um Amine Harit und Nabil Bentaleb herumärgern musste. Das war dann insgesamt wie ein Strudel, in den der Klub hineingeraten ist.

Sie halten dem Verein dennoch die Treue, auch in der über 500 Kilometer entfernten Hauptstadt.

Seit 2009 ist unsere Heimat das Restaurant "Berliner Hof" in der Hildegardstraße in Wilmersdorf. Das ist ein wirklich gutes Restaurant mit einer tollen Küche. Der Wirt ist damals auch extra auf Veltins umgestiegen für uns. Und wir haben das Glück, dass wir unten in den Keller durften. Das war früher eine Kegelbahn und hat jetzt eine ganz rustikale Anmutung mit offenen Wänden. Auch deshalb sagen wir: Das ist unser Schacht. Komplett ausgestattet mit Beamer und Fernseher, alles natürlich in blau-weiß gehalten.

Die Bundesliga spielt weiter, die Gastronomie allerdings hat geschlossen. Wie aktiv ist "Königsblau Berlin" während Corona?

Wir versuchen unsere Mitglieder mit Mails zu informieren über das aktuelle Geschehen. Auch wie es bei unserem Wirt aussieht. Wir versuchen auch, ihn mit Spenden zu unterstützen. Der hat natürlich starke Einbußen derzeit.

Am kommenden Wochenende wären Sie aber ohnehin nicht in ihren "Schacht", sondern in die Alte Försterei eingefahren. Wie ist denn das Verhältnis zwischen Schalkern und Eisernen?

Wir schauen positiver auf Union als auf Hertha. Wir hatten ja schonmal das Pokalfinale (2001, Anm. d. Red.), da haben sich die Fans beider Vereine gut verstanden. Und man hält ja grundsätzlich eher mit dem Underdog. Wobei man heute eher mit anerkennendem Neid nach Köpenick schaut.

Warum das?

Wer Schalke noch von früher kennt - das war ein ganz anderer Verein. Früher hieß es "Kumpel und Malocher-Klub". Davon ist nicht mehr viel übrig geblieben. Schalke ist seit Jahren Erster in der Tabelle "Welcher ist der teuerste Verein für seine Fans". Also wenn es darum geht, was Tickets, Trikots usw. kosten. Schalke ist ein Kommerz-Imperium geworden. Bei Union hat man den Eindruck, mit dem Stadionbau durch die Anhänger oder dem Weihnachtssingen: Der kleine Kreis der Unioner hält zusammen. Das gab es früher auf Schalke auch mal. Das ist aber schon lange nicht mehr so.

Und sportlich?

Man sieht auch bei den Spielern von Union auf dem Feld, dass die einfach alles dafür geben, den Sieg vom Platz zu holen. Diesen Eindruck hat man bei unserer Mannschaft nicht.

Das heißt, das für Schalke nichts zu holen sein wird an diesem 22. Spieltag?

Union ist stark, auch wenn es in den letzten Spielen nicht so geklappt hat. Ich traue es uns nicht zu. Unsere Mannschaft hat zuletzt auch einfach gezeigt, dass es im Moment nicht reicht. Aber ich hoffe natürlich trotzdem auf drei Punkte. Es ist eben so: Das Herz möchte drei Punkte und der Kopf sagt, dass das wieder eine Niederlage wird.

Haben Sie sich schon damit abgefunden, dass Schalke absteigen wird?

Nicht ganz. Wenn alles gut läuft, schaffen wir es in die Relegation.

Immerhin haben sie vermieden, den Uralt-Rekord von Tasmania Berlin zu knacken.

Das war mehr als schwer. Man hat wirklich gebangt, dass man sich diesen blöden Rekord (31 Bundesligaspiele am Stück ohne Sieg, Anm. d. Red.) nicht holt. Einfach, weil es einem ewig anhaften würde.

Wenn Sie sich einen Union-Spieler aussuchen könnten für Schalke, wer wäre das?

Wir haben ja Steven Skrzybski (Von 2007 bis 2018 Spieler bei Union Berlin, Anm. d. Red.) - so viel zum Thema Union-Spieler bei Schalke. Naja, so ein Max Kruse wäre schon nicht schlecht. Ach, vielleicht können wir ja mal die ganze Mannschaft tauschen (lacht).

Das Gespräch führte Ilja Behnisch.

Sendung: rbb UM6, 11.02.2021, 18 Uhr

17 Kommentare

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  1. 17.

    Glück auf Schalke

  2. 16.

    Ich verkenne gar nichts, Ole. Der Schalke Fan Kurt (#6) schrieb, dass wir, der FCU, uns "den falschen Gast zum 50ten eingeladen" haben, da er offenbar mit einem Sieg seiner Knappen rechnet. Der FCU hatte aber schon am 20.01. Geb. - und diesen haben wir eben mit unseren Freunden aus Gladbach bereits am vorletzten ST (nach-) gefeiert. Comprende?

  3. 15.

    Was hat nun Gladbach damit zu tun? Sie verkennen, dass der Artikel sich um S04 dreht. Union kommt nur am Rande vor, ebenso wie Hertha. Insofern hat Klaus (8) vollkommen Recht. Unioner sind offenbar ziemlich engstirnig.

  4. 14.

    Etwas mitdenken muss man hier schon. Der Kollege meinte eben Rhein-Ruhr. Außerdem denken Sie an Preußen Münster. Im Ergebnis ist es eben kein Exil hier. Westfalen halt.

  5. 13.

    Das hat nichts mit anbiedern zu tun; mir persönlich ist S04 eben nicht unsympathisch, Kurt. Und ausserdem haben wir unseren Geburtstag schon am 19. ST mit den Freunden aus Gladbach (nach-) gefeiert.

  6. 12.

    Westfalen oder Provinz Westfalen, beide haben nichts mit dem Rheinland zu tun. Und somit kann auch der Tenor nicht richtig sein. Aber Berliner und Geogaphie, häufig ein ganz besonderes Kapitel. :-))

  7. 11.

    Gemeint ist wohl die Provinz Westfalen. Im Grunde aber hat er es schon vom Tenor richtig. Als Westfale ist man preußisch geprägt. So ganz Exil ist es daher in Berlin nicht ;-)

  8. 10.

    Sie haben es gerade nötig, zu schulmeistern. Auf welcher Karte liegt Gelsenkirchen denn im Rheinland?

  9. 9.

    Im Exil in Preußen? Das ist wirklich peinlich. Einem Rheinländer das zu erzählen zeugt von reichlich Unkenntnis. Ich empfehle einen Blick auf eine Landkarte. Das Rheinland war genauso Preußen wie Berlin.

  10. 8.

    Keine Sorge, ist mittlerweile normal bei Unionern. Muss sich immer alles um Union drehen...

  11. 5.

    Texte verstehen ist nicht deins oder? Ich drücke Herne-West die Daumen, damit die nicht absteigen, denn sonst fehlen die Revierderbys. Was juckt mich Union?

  12. 4.

    Ein "BVB4ever" drückt Schalke 04 die Daumen, wenn's nur gegen Union Berlin geht. Sie scheinen echt ein Hardcore Fan von Lüdenscheid-Nord zu sein.

  13. 3.

    Ein wirklich nettes Interview mit einem sympathischen "Schalke-Schutzmann". Ich wünsche dem S04 den Verbleib in der Liga. Und da der FCU ja nicht gerade eine Fanfreundschaft mit dem BVB pflegt, geht da vlt. irgendwann mal was . . .

    Auf ein gutes Spiel morgen Abend.

  14. 2.

    Der Berliner Hof ist bei mir um die Ecke. Ich frage mich nur gerade, ob das gute Werbung für das Lokal war... ;)

  15. 1.

    Ich drücke Herne-West die Daumen. Nichts so schön, wie ein Derbysieg über Herne-West :-D

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