Zu gut um abzusteigen? - Herthas Dilemma ist ein bekanntes Fußball-Phänomen

Die Herthaner Mateo Guendouzi und Luca Netz frustriert nach der Niederlage gegen die TSG Hoffenheim.
Bild: imago-images/Nordphoto

Fußballerisch wähnt sich Hertha unter dem neuen Trainer Pal Dardai im Aufwärtstrend. Tabellarisch hat sich die Lage aber deutlich zugespitzt. Denn während Hertha zwar besser spielt, aber weiter nicht punktet, siegen einige Konkurrenten im Abstiegskampf. Von Simon Wenzel

Abstiegskampf. Ein fieses Wort. Eines, das Angst erzeugt bei den Fans eines Vereins, vielleicht auch bei den Spielern und Verantwortlichen. Wer im Abstiegskampf steckt, der wurde eine Zeit lang sogar vom sogenannten Abstiegs-Gespenst heimgesucht. Ein vorübergehendes Modewort des Sportjournalismus, das gerade weniger angesagt ist.

Herthas Trainer Pal Dardai findet es vermutlich gut, dass das Abstiegs-Gespenst etwas aus der Mode gekommen ist. Er ist ein Typ, der nicht im Verdacht steht, an Spukgestalten zu glauben. Nicht mal mit völlig irdischer Angst würde man den Ungarn in Verbindung bringen.

Weil Dardai aber nicht davon ausgehen kann, dass jeder Fußballer, Fan und Verantwortliche bei Hertha BSC so furchtlos ist wie er, hat er schon bei seinem Amtsantritt vor zwei Wochen entschieden, das mitunter beängstigende Wort Abstiegskampf auf den internen Index zu setzen. "Ich will nicht über Abstieg reden", sagte Dardai damals und dabei bleibt er vorerst. "Ich glaube, wir sollten darüber nicht reden", bekräftigte Dardai am Montagnachmittag seinen Standpunkt.

Mainz und Köln fangen an, Punkte zu sammeln

Es ist ein rhetorischer Trick. Dessen Grenzen hatte Pal Dardai allerdings schon vor zwei Wochen selbst festgelegt. "Da können wir drüber reden, wenn wir auf einem Abstiegsplatz stehen", ergänzte er nämlich damals. Und dieses da noch vermeintlich ferne Szenario rückt nun immer näher. Denn während sich Hertha lange Zeit in dieser Saison mit fußballerischen Entwicklungsschritten beschäftigte und auch jetzt unter Pal Dardai erstmal die verbesserten Leistungen gegen Frankfurt und Bayern in den Vordergrund stellt, fangen andere Mannschaften aus der unteren Tabellenregion plötzlich an, Punkte zu sammeln.

Zum Rückrundenstart vor drei Wochen (damals noch mit Trainer Bruno Labbadia) stand Hertha BSC zwei Plätze und zwei Punkte vor dem Relegationsplatz. Bis zu einem direkten Abstiegsplatz waren es sogar zehn Punkte Abstand. Es lief nicht gut, aber bei anderen lief es noch schlechter, teilweise so grotesk viel schlechter (Mainz und Schalke), dass ein Abstieg alleine deshalb kaum möglich erschien. Das hat sich geändert.

Der 1. FC Köln und 1. FSV Mainz 05 haben seitdem jeweils sechs Punkte auf Hertha gut gemacht. Köln ist damit vorbeigezogen und so ist Hertha jetzt punktgleich mit dem Relegationsplatz, auf dem Bielefeld mit einem Spiel weniger steht. Vor einem direkten Abstiegsplatz und somit Mainz haben die Berliner nur noch vier Punkte Vorsprung. Bielefeld und Hertha sind die einzigen beiden Teams, die in der Rückrunde noch keinen Punkt holen konnten.

Niemeyer: "Man wiegt sich immer so ein bisschen in Sicherheit"

Der Verlauf der letzten Wochen erinnert den ein oder anderen so langsam an die Saison 2011/12. Damals herrschte zwar eine deutlich niedrigere Erwartungshaltung, weil Hertha aus der zweiten Liga aufgestiegen war, mit einer soliden Hinrunde hatte sich das Team aber bereits 20 Punkten erspielt und stand so scheinbar gefestigt im Mittelfeld der Tabelle.

Die Qualität im Kader schien trotz des einjährigen Intermezzos in der Zweitklassigkeit eigentlich zu gut, um abzusteigen. Mit Raffael, Adrian Ramos, Roman Hubnik oder Fabian Lustenberger standen einige gute Fußballer im Kader. Aber Hertha geriet in einen Abwärtstrend. Aus neun Spielen, bis zum 27. Spieltag, holte die Mannschaft damals nur noch drei Punkte. Peter Niemeyer erlebte das auf dem Platz mit.

Der heutige Sportdirektor von Preussen Münster analysiert rückblickend, was in der Mannschaft während dieser Saison damals passierte. "Man wiegt sich immer so ein bisschen in Sicherheit. Man glaubt, es kommen ja noch genug Spiele gegen Gegner, die man eigentlich schlägt. Das Problem ist das Wort 'eigentlich' - denn wenn man diese Spiele nicht gewinnt, dann hat man ein Problem und das ist die Gefahr, die in so einer Saison aufkommen kann", sagt Niemeyer.

Irgendwann kommt dann nämlich der Moment, in dem es für das fiese Wort Abstiegskampf keine rhetorischen Alternativen mehr gibt. "Man realisiert auf einmal, dass man schon weit im Sumpf steckt", sagt Niemeyer dazu. Spätestens ab da würde es dann nicht mehr darum gehen, ob man gut Fußball spiele.

Herthas Mannschaft nach dem Relegations-Hinspiel gegen Düsseldorf 2012. Bild: imago-images/Bernd KönigLeere Blicke: Peter Niemeyer (links) und seine Mitspieler nach der 1:2-Niederlage mit Hertha im Relegations-Hinspiel gegen Fortuna Düsseldorf 2012.

Dardai will noch "18 oder 20 Punkte" holen

Was Niemeyer beschreibt, ist ein Schicksal, das schon viele große und ambitionierte Vereine in der Liga ereilte. Eine objektiv betrachtet gute Mannschaft wird den in sie gesetzten Erwartungen nicht gerecht. Sie spielt schlecht, hat Pech oder beides zusammen und im Laufe der Saison entwickelt sich eine beängstigende Eigendynamik.

Ein Team, das da nicht hingehört, findet sich im Abstiegskampf wieder (oder wie man es auch immer nennen will). Der Hamburger SV schaffte dieses Kunststück gleich mehrfach, Wolfsburg schrammte 2011 mit einem absurd teuren Kader (zu dem auch der heutige Hertha-Sportdirektor Arne Friedrich und Rechtsverteidiger Peter Pekarik gehörten) knapp an der Relegation vorbei und auch Borussia Dortmund landete 1999/2000 mal als Champions-League-Teilnehmer im Abstiegskampf, um nur einige Beispiel zu nennen.

Herthas fragiler Kader mit den zahlreichen teuren Neuverpflichtungen der letzten anderthalb Jahre und dem Abgang vieler Führungsspieler scheint geradezu prädestiniert dafür, eine derartige Rolle in dieser Saison einzunehmen.

So weit ist es allerdings noch nicht. 14 Spieltage haben Hertha BSC und Pal Dardai noch Zeit, um diesem Szenario zu entgehen. Die Hoffnungen stützen sich auf die Leistungen in den letzten beiden Spielen und auf den neuen Zusammenhalt. Es scheint so, als habe es Trainer Dardai für den Moment geschafft, alle Spieler hinter sich und seiner Idee des Fußballs zu vereinen. "Mein Gefühl ist, dass sich die Prioritäten ein bisschen verschoben haben", beschreibt Niemeyer seine Eindrücke, "es geht jetzt erstmal um das Verhindern von Toren. Dadurch will Pal Stabilität gewinnen, um dann nach vorne die vorhandene Qualität ausspielen zu können."

Dardai will sich für die Bundesliga "qualifizieren"

Hertha braucht aber zeitnah vor allem eins: Ergebnisse. Das weiß auch Dardai. Er hat ein straffes Ziel bis zum Saisonende: "18 oder 20 Punkte" will der Trainer noch holen - also mehr als bisher nach 20 Spielen. Dann, da ist er sich sicher, hat Hertha keine Sorgen mehr. "Das reicht", erklärte er bei einer virtuellen Presserunde am Montag. Angesichts der kommenden Gegner Stuttgart, Leipzig und Wolfsburg beugt Dardai aber schon jetzt den nächsten Enttäuschungen vor: "Die nächsten paar Spiele können auch noch mehr Sachen bringen, die nicht gut aussehen, da müssen wir vorbereitet sein."

Seine Arbeit ist - vielleicht früher als gedacht - ein schwieriger Balanceakt. Die Ergebnisse der Konkurrenz setzen Hertha unerwartet unter Druck. Hertha ist schon jetzt mitten in jener Phase, in der fußballerische Qualität nichts mehr zählt, wenn am Ende eines Spiels keine Punkte in der Tabelle gutgeschrieben werden. Peter Niemeyer versteht dennoch, wieso Dardai sich weigert, vom Abstiegskampf zu sprechen. "Ich glaube nicht, dass sich damit etwas schön geredet wird. Natürlich will er eine Aufbruchsstimmung erzeugen. Da muss man vielleicht auch mal ein bisschen überspitzen, damit man alle mitnimmt", erklärt Niemeyer.

Dieser erste Schritt ist Hertha bislang geglückt. Die Aufbruchstimmung hat die Mannschaft mit den verbesserten Leistungen gegen Frankfurt und Bayern erzeugt. In den nächsten Spielen müssen aber Ergebnisse erzielt werden, sonst ist das Saisonziel in Gefahr. "Am Schluss müssen wir uns am letzten Spieltag für die Bundesliga qualifiziert haben", formuliert es Pal Dardai. Vielleicht ist es ein Zufall, dass es ihm gelingt, das Wort "Abstieg" zu vermeiden. Vielleicht aber auch nicht.

Sendung: rbb UM6, 08.02.2021, 18:00 Uhr

8 Kommentare

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  1. 8.

    Tja - etwas weniger BIG CITY CLUB -- dafür etwas mehr Rückbesinnung auf den Ball und Zusammenspiel auf dem Feld --
    dann klappt es auch wieder mit dem Nachbarn. Geld alleine schießt die Tore ; diesbezüglich gibt es ja einige dezente
    Beispiele.

  2. 7.

    Hoffentlich müssen die Herthaner nicht irgendwohin fliegen... ein Anflug/Abflug am BER hat so seine Tücken - ob man darf oder nicht.

  3. 6.

    Think positiv Hertha. Kader ist gut, Trainer hat Energie und das alte Management ist weg. Alle internen Hemmnisse sind nun einfach mal weg. Konzentration auf den nächsten Gegner und Teamwork.

  4. 5.

    Ob Aufwärtstrend oder nicht, ab jetzt zählen nur noch Punkte.
    Mainz kann ein Lied davon singen, wie es ist, gar nicht so schlecht zu spielen, aber keine Punkte dafür mitzunehmen.
    Ich denke, dass Mainz noch hochkommen wird, so dass die Hertha versuchen muss, Schalke, Bielefeld, Augsburg hinter sich zu lassen. Allerdings hält der Spielplan für die kommenden Wochen einige harte Brocken bereit. Mindestens ein Punkt beim VfB am kommenden Wochenende wäre jetzt mal nicht schlecht, danach wird es erstmal wieder schwieriger, zu punkten.

  5. 4.

    Nach zwei Spielen; eines gegen den Lieblingsgegner Bayern; mit ähnlichen Leistungen wie bei den beiden Hinrundenbegegnungen... Es ist ja nachvollziehbar, dass von seitens des Vereines die positiven Dinge betont werden. Aber aus Sicht von "Experten" sollte man es doch sachlich beurteilen.

  6. 3.

    Es sind deutliche (positive) Veränderungen zu erkennen.
    Also einfach mal etwas Geduld haben, auch Pal kann nicht zaubern !!!

  7. 2.

    Entspricht der Wahrheit : Es geht aufwärts, auch wenn einigen "Experten" hier das Know-how oder der Wille fehlt, auch mal etwas positives zu bemerken.
    Aber bei den einen geht es aufwärts, da entwickeln sich Dinge positiv, bei anderen geht es zur Zeit abwärts, so ist das im Fußball.

  8. 1.

    "Fußballerisch wähnt sich Hertha unter dem neuen Trainer Pal Dardai im Aufwärtstrend. "

    "wähnt" ist hier das richtige Wort.

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