Sami Khedira beim Hertha-Training / IMAGO / Metodi Popow
Audio: Inforadio | 02.02.2021 | Lars Becker | Bild: IMAGO / Metodi Popow

Sami Khedira stellt sich bei Hertha vor - "Ich bin nicht der Big Boss"

Ein zurückhaltender Weltmeister präsentierte sich am Dienstag bei seiner Vorstellung bei Hertha BSC: Sami Khedira sprach offen über sein Fitnesslevel und versprach, sich nicht aufzuspielen, sondern der Mannschaft unterzuordnen - zunächst aber nur für vier Monate. Von Lukas Scheid

Man müsse nicht immer einen Vertrag auf dem Papier haben, antwortete der frisch aus Turin eingeflogene Hertha-Neuzugang Sami Khedira bei seiner Vorstellung am Dienstagmittag auf die Frage, ob er nur bis zum Saisonende bleibe. Zunächst habe man sich auf diesen Zeitraum verständigt, doch es sei nicht ausgeschlossen, dass er auch darüber hinaus in Berlin bleibe. Jetzt müsse er erst einmal die Mannschaft kennenlernen, freute sich Khedira auf die erste Trainingseinheit beim abstiegsbedrohten Berliner Fußball-Bundesligisten im Anschluss an die Pressekonferenz.

Besagter Mannschaft möchte Khedira vor allem durch seine Erfahrung helfen. Ansprüche an eine automatische Führungsrolle erhebt er trotz seiner Vita und Titelsammlung nicht: "Ich bin hier nicht der Big Boss und erzähle allen, wie es gemacht werden muss. Ich bin ein ganz normaler Teil des Teams." Zwar läge es in seinem Naturell, auch ab und zu mehr zu sagen als andere Spieler, bestätigte der 33-jährige Weltmeister, doch aufspielen wolle er sich nicht.

Friedrich: "Ich sehe ihn als 28-Jährigen"

Für diese Ehrlichkeit und Bodenständigkeit wurde Khedira von seinem ehemaligen Nationalmannschafts-Mitspieler Arne Friedrich explizit gelobt: "Das spricht für seinen Charakter." Der neue Hertha-Sportdirektor gestand, den gebürtigen Stuttgarter eben genau wegen dieser Erfahrung verpflichtet zu haben. "Sami ist Weltmeister, Hertha hat einen Weltmeister bekommen."

Das WM-Finale in Rio ist mittlerweile sechseinhalb Jahre her und Khedira auch längst kein Teil der Nationalmannschaft mehr. Sorgen um das Alter von Khedira mache sich Friedrich keine, sagte er auf die Nachfrage, warum man bei Hertha plötzlich von der Devise abgewichen sei, nur Spieler unter 30 zu verpflichten. "Alter ist nicht so wichtig. Es gibt ja noch das biologische Alter und da sehe ich ihn als 28-Jährigen", schmunzelte Friedrich.

Überhaupt spielte das Thema Fitness bei Khediras Vorstellung eine wichtige Rolle und das liegt vor allem an der fehlenden Spielpraxis. Bei Juventus kam Khedira in den letzten 14 Monaten auf gerade einmal 30 Einsatzminuten. "Die Zahlen sprechen nicht für mich", gab der Mittelfeldspieler zu. "Doch wenn man tagtäglich mit Spielern wie Ronaldo, De Ligt, Bonucci oder Chiellini auf dem Platz steht, den Ball hochhält und fünf gegen fünf spielt, verliert man nicht so viel an Fitness." Eine Einsatzgarantie für das Heimspiel am Freitag gegen den FC Bayern München erwarte er dennoch nicht. Es folgte die übliche floskelhafte Formel: "Der Trainer entscheidet."

"Es geht darum, Dreck an den Armen und Beinen zu haben"

Khedira zeigte sich zurückhaltend, betonte jedoch seinen Ehrgeiz, der Mannschaft zum Siegen zu verhelfen. Siege hätte die Hertha bitter nötig, denn nur das bessere Torverhältnis trennt den Hauptstadtklub aktuell vom Relegationsplatz und der punktgleichen Arminia Bielefeld. Eine Degradierung vom Titelsammler zum Abstiegskämpfer sieht Khedira dennoch nicht. "Fußball ist mehr als nur Titel. Da geht es auch darum, alles rauszuhauen, Dreck an den Beinen und Armen zu haben. Das habe ich vermisst."

Mit der jungen Hertha-Mannschaft will Khedira nun den Grundstein für die weiteren Ziele des Vereins legen. Dafür hat er sich die Rückennummer 28 ausgesucht. Zum einen, weil nicht viel anderes frei gewesen sei, zum anderen, weil Khedira mit dieser Nummer an seine bisherigen Erfolge in der Bundesliga anknüpfen möchte: "Die 28 hatte ich in Stuttgart, mit der Nummer bin ich deutscher Meister geworden. Es war meine erste Nummer als Profi."

Khediras Profi-Karriere beim VfB begann übrigens im Berliner Olympiastadion am 1. Oktober 2006, als er beim Stand von 2:2 in der Nachspielzeit eingewechselt wurde und sein Bundesliga-Debüt gab. Torschütze bei Hertha an diesem Tag: Arne Friedrich. In der selben Saison wurde der noch junge Khedira schließlich deutscher Meister mit dem VfB.

Auch wenn die deutsche Meisterschaft für die Blau-Weißen in dieser Saison in weiter Ferne liegt, hat Arne Friedrich bereits anklingen lassen, dass man bei erfolgreicher Zusammenarbeit – das schließt den Klassenerhalt mit ein – auch über eine Vertragsverlängerung sprechen könne: "Ich habe immer einen Stift dabei, wir können jederzeit Dinge klären. Sami hilft uns jetzt bis Saisonende und wir werden uns dann gemeinsam hinsetzen und diskutieren, wie es weitergeht."

Sendung: rbb UM6, 02.02.2021, 18:15 Uhr

1 Kommentar

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  1. 1.

    Man sollte jetzt nicht zu viel von Khedira erwarten.
    Es kommen jetzt ganz, ganz schwierige Wochen. Aufgrund des Spielplans (u.a. Bayern, Leipzig, Wolfsburg) muss man damit rechnen, Ende Feburar sogar auf einem direkten Abstiegsplatz zu stehen. Das wäre beim jetzigen Stand im Grunde "normal" und sollte keine weitere Panik auslösen oder erneute überhastete Schnellschußaktionen (wie jetzt mit der aus meiner Sicht vorschnellen Trainerentlassung, Torschlußtransfers ... )
    Erst ab März wird man aus meiner Sicht sehen können, wohin es mit der Hertha wirklich geht und, ob Khedira hilfreich ist für die taktische Ordnung und Kommunikation in der Mannschaft. Oder, ob es ein willkürlich zusammengekaufter Kader ist, der einfach nicht zusammenfinden kann, egal wer sich daran versucht. (was ich ehrlich gesagt befürchte)

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