Aktion "1892 hilft!" - Wie sich Hertha-Fans für Obdachlose engagieren

Bei der Aktion "1892 hilft!" teilen Hertha-Fans Suppe aus. / rbb
Video: rbb UM6 | 20.02.2021 | Simon Wenzel | Bild: rbb

Denen helfen, die es dringend nötig haben - mit der Power aus der Fanszene eines Fußballklubs: Das macht "1892 hilft!". Die Anhänger von Hertha BSC versorgen Obdachlose mit Kaffee und Suppe oder kümmern sich um Schlafplätze. Von Johannes Mohren

André Ruschkowski hockt auf dem Boden des Fränky's. Aus einem Behälter läuft Kaffee in seine große Thermoskanne. Es plätschert und dampft. Hund Tilli wuselt in der Friedenauer Kneipe um Ruschkowskis Füße. Der Mann mit den langen Haaren und ganz eindeutiger Farb-Vorliebe - blaue Maske, blaue Jacke, blaue Warnweste - schaut ihm in die Augen: "Bringen wir Kaffee raus! Kommst du mit?" Tilli kläfft. Mit den vollen Kannen geht es zum Van.

Es ist der Start einer Tour, die bis spät in den Abend dauern - und aus der Wärme des Corona-leeren Fränky's an die Orte der Stadt führen wird, an denen die Kälte Menschen weitestgehend ungeschützt trifft. Die Farben Blau und Weiß sind dabei ein ständiger Begleiter. Von den Flaggen und Schals an den Wänden der Kneipe über die Kleidung bis zum Van. Es sind Fußball-Anhänger, die hier anpacken. "1892 hilft!" und #herthanerhelfen steht auf dem Rücken von Ruschkowskis Weste - Name und Hashtag einer Erfolgsaktion aus der Fanszene.

60 bis 120 Portionen pro Tour

Gestartet war sie im späten Herbst des vergangenen Jahres. Weil sie anpacken wollten. Als Fans, als Menschen, als Berliner. "Wir als Herthaner haben über 35.000 Mitglieder. Wenn davon ein Prozent hilft, ist das schon eine enorme Power. Das auf die Straße zu bringen, finde ich super", sagt Ruschkowski. Einmal im Monat wollten die Hertha-Fans ursprünglich helfen. Doch die Zahl der Unterstützer wuchs und wuchs. So sind sie mittlerweile wöchentlich unterwegs. In der eisigen Kälte der vergangenen Wochen fuhren sie sogar jeden Tag.

Zu dritt verteilen sie pro Tour 60 bis 120 Portionen. Es gibt Kaffee, Suppe und Brötchen - kostenlos bereitgestellt von mehreren Partnern. Auch Hertha BSC unterstützt die Initiative, zahlt den Van und den Sprit. Unterwegs sind sie immer auf anderen Routen durch die Stadt. Es ist eine Entscheidung, die sie ganz bewusst getroffen haben. "Wir wollen nicht verstetigen. Es soll nicht so sein, dass obdach- und wohnungslose Menschen sich auf uns verlassen, an einer Stelle auf uns warten - und wir das am Ende vielleicht doch nicht leisten können", sagt Ruschkowski.

Bekannte Gesichter

Bisher sind sie immer gefahren. Termin für Termin. Aber sie sind und bleiben Ehrenamtler und wollen, so sagt Ruschkowski ganz bescheiden, "nur eine ganz kleine Ergänzung zu dem System sein, was es bereits gibt". Mit den Kältehilfe-Einrichtungen sei man in gutem Austausch. Holt sich bei ihnen den ein oder anderen Rat - und spricht sich ab. "Wir versuchen, zu ergänzen und nicht jemand anderem in seinem Revier rumzufahren", sagt Ruschkowski.

Berlin lebenswerter - ja, besser - machen, das will er. Und das mit den Menschen, mit denen er durch die Liebe zum demselben Verein verbunden ist. Gemeinsam treffen sie trotz wechselnder Routen durch die Stadt unter den Obdach- und Wohnungslosen auch immer wieder bekannte Gesichter. Es sind Wiedersehen mit gemischten Gefühlen. "Es ist schön, dass man sie sieht, weil man dann weiß, dass sie nicht untergegangen sind. Aber schön ist in diesem Kontext eigentlich nicht das richtige Wort. Ich fände es schöner, wenn sie eine Wohnung fänden oder vielleicht sozialarbeiterisch betreut würden und von der Straße wegkämen", sagt Ruschkowski.

Auch an diesem Abend gibt es solche Begegnungen. Am Bahnhof Alexanderplatz zum Beispiel - ganz unten an den U-Bahn-Gleisen der Linie 8.

"Wen haben wir denn da? René, mein Bester!"

"André, na hundert Prozent."

"Was machst du denn hier? Du hast doch ein Hostel-Zimmer."

"Weiß ich doch."

"Gehst du da heute Abend wieder hin?"

"Natürlich."

"André hat mir den Arsch gerettet"

Das Zimmer hat er auch über "1892 hilft!" bekommen. Es ist eine der Aktionen, die sie über die Essensverteilung hinaus in der Zeit der ganz kalten Nächte angestoßen haben: Hostels for Homeless. Die Dankbarkeit ist groß - und sie ist spürbar. Später am Tag etwa, als Ruschkowski und die anderen Helfer im Eingangsbereich des Hostels auf Tommy treffen. Schwarz gekleidet ist er, aber mit zwei farblichen Akzenten: blauer Maske und blau-weißem Hertha-Schal. "André hat mir den Arsch gerettet. Ich laufe seit 14 Tagen rum und kriege keine Bude. Wenn Hertha nicht gewesen wäre, würde ich auf dem Schlauch stehen", sagt er.

Dass diese möglich ist, liegt auch an den Spenden der Fans. "Die Resonanz ist überwältigend", erzählt Jens Hollah. Er ist an diesem Abend mit dabei und - wie Ruschkowski einer der Mitbegründer der Initiative: "Wir bekommen durchweg positive Kommentare in Social Media und die Bereitschaft zu unterstützen, ist enorm." Es gibt ihnen Rückenwind für ihr Ehrenamt, dass Zeit und auch Kraft kostet. Was im frühen Nachmittag mit Tilli im Fränky's begann, endet um 23 Uhr in der Nacht am Lager in Zehlendorf. Die Streifen auf den Warnwesten leuchten grell im Dunkeln. Es wird noch sortiert. Die nächste Tour folgt ja schon bald.

Sendung: rbb UM6, 20.02.2021, 18:15 Uhr

Beitrag von Johannes Mohren

7 Kommentare

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  1. 7.

    Mal mit Hertha beschäftigen, dann wüsste man, dass es seit Jahren engagierte Herthaner*innen gibt

  2. 6.

    So ein dämlicher Kommentar.... Übrigens bietet Hertha mehr als Fußball. Sie spielen vermutlich auf die Fußballabteilung an. Aber auch das ist voll daneben, haben Sie sich überhaupt mal mit Hertha beschäftigt? Außer ab und an mal Fußball zu gucken?

  3. 5.

    ENDLICH mal ne positive Nachricht.... Danke an den Fanclub ,für das Engagement !!

  4. 4.

    Sehr tolle und in der heutigen Zeit auch wichtige Aktion.
    Schön wäre gewesen , wenn es in der Vergangenheit noch mehr engagierte Herthaner*innen dieses Schlages gegeben hätte. Somit hätte man vielleicht die Enteignung des eigenen Clubs verhindert.

  5. 3.

    Geile Aktion
    Würde mich mit einbringen , da ich einen Fanclub leite aber kein Facebook u.ä habe muss ich sehen wie man sonst da bei euch mitmachen kann.
    Haben auch bei anderen Aktionen vor den Stadion uns beteiligt .

  6. 2.

    Starke Aktion! Eiserne Grüße aus dem Wald! Viel Erfolg morgen gegen die Brausetruppe!

  7. 1.

    Super Engagement. Und schön, dass es endlich auch mal öffentlich gewürdigt wird. Hat ja lange genug gedauert.

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