Hertha verliert 0:1 gegen Bayern - Diese Niederlage macht Mut für den Abstiegskampf

Herthas Neuzugang Sami Khedira bei seiner Einwechslung gegen den FC Bayern München (Quelle: POOL AP/Michael Sohn)
Audio: Inforadio | 06.02.2021 | Lars Becker | Bild: POOL AP

Obwohl Hertha BSC auch das zweite Spiel unter Neu-Coach Dardai verliert, stellt sich Aufbruchstimmung ein. Eine gute Mannschaftsleistung und taktische Neuerungen waren sichtbar gegen die Bayern. Das muss sich bald in Punkten ausdrücken. Von Till Oppermann

Matheus Cunha war wohl nicht der Einzige, der sich am Freitagabend um kurz vor 22.00 Uhr in Berlin an den Kopf fasste. Herthas brasilianischer Offensivstar war nach einer kunstvollen Verlängerung von Matteo Guendouzi allein aufs Tor der Bayern zugelaufen. Eine klarere Gelegenheit zum Ausgleich konnte es nicht geben, doch mit Cunhas Heber hoppelten auch Herthas Hoffnungen auf die ersten Punkte unter Trainer-Rückkehrer Pal Dardai am Tor der Gäste vorbei.

Das enttäuschte Geräusch, das ein kollektives Stöhnen im vollbesetzten Olympiastadion erzeugt hätte, klingt auch nach Monaten vor leeren Rängen im Ohr. Wäre ein flacher Abschluss besser gewesen? Wahrscheinlich. Cunhas Coach nahm es trotzdem gelassen: "Mich stört nicht, dass der nicht rein ging." Und womöglich helfen den Fans der Alten Dame die Worte ihres alten Helden Dardai, um über die verpasste Chance hinwegzukommen. Der findet, dass der Lupfer genau richtig gewesen sei. "Wenn der drin ist, sagen alle, das war schön."

Hertha überzeugt mit neuer Einstellung

Verglichen mit der Stimmung nach Herthas 1:4-Niederlage im bis Freitag letzten Heimspiel vor zwei Wochen, wähnt man sich in einer anderen Zeit. Nachdem der glücklose Ex-Trainer Bruno Labbadia noch auf der Tartanbahn im Fernseh-Interview von seiner Entlassung erfuhr, wurde auch der langjährige Manager Michael Preetz gefeuert. Dardai kam zurück und übernahm eine demoralisierte Mannschaft. Das Team steckt nach zwei weiteren Niederlagen unter dem neuen Coach rein tabellarisch noch tiefer im Abstiegskampf als zuvor. Aber Dardai lobt Cunha: "Er war da, das ist positiv."

Genau diese veränderte Ansprache scheint die Berliner wieder auf den richtigen Weg gebracht zu haben. Dem Rekordmeister aus München präsentierte sich Hertha von der ersten Minute an nicht nur fußballerisch als ebenbürtiger Gegner. Endlich gelingt es wieder, in die Zweikämpfe zu kommen. Endlich wirkt es, als würden alle elf Spieler zu jedem Zeitpunkt für dasselbe Ziel kämpfen. Endlich scheinen lähmende Versagensängste, einem gesunden Selbstvertrauen zu weichen.

Starke Laufleistung, gute Kommunikation

Niklas Stark bringt die positive Haltung auf den Punkt. Natürlich sei man enttäuscht, aber: "Man muss die Bayern auch erstmal in so ein enges Spiel zwingen. Das ist uns gelungen." Vor diesem Hintergrund erscheint auch Cunhas Lupfer in einem neuen Licht: "Er hat das gewählt und die Aktion durchgezogen", so Dardai. Generell war der Auftritt des Offensivkünstlers beispielhaft für das neue Gefühl auf dem Platz. Während Cunha unter Labbadia auf dem Flügel fremdelte und zuweilen mit fehlender Disziplin im Spiel gegen den Ball auffiel, arbeitete er heute vorbildlich nach hinten und half so dabei, die Angriffe der Bayern auszubremsen.

Nachdem der FC Bayern im ersten Durchgang immer wieder mit Pässen zwischen die Innenverteidiger und schnellen Kombinationen auf den Außenbahnen zu Chancen kam, ließ Hertha in der zweiten Hälfte sehr wenig zu. Neben der ausgezeichneten Laufleistung von insgesamt 118,8 Kilometern half dabei auch die rege Kommunikation auf dem Platz. Dirigiert von Kapitän Niklas Stark hielten die Herthaner die Abstände eng. Ganz nach dem taktischen Geschmack von Pal Dardai.

Zwei grundlegende Hertha-Probleme gelöst

"Der Trainer hat einen klaren Plan", lobt Neuzugang Sami Khedira. Tatsächlich scheint Dardais Ansatz, der auf schnelles Umschalten, kürzere Ballbesitzphasen und kurze Abstände zwischen den Mannschaftsteilen setzt, sehr gut zu den vorhandenen Spielern zu passen. Zwei der größten fußballerischen Probleme der Hinrunde löste der Trainer zumindest am Freitag. Weil Hertha nach Ballgewinnen häufig viel zu pomadig nach vorne spielte, ist die Mannschaft eines der Teams in der Bundesliga mit den wenigsten Torchancen. Dardai hingegen verlangt zielstrebiges Offensivspiel. Vor Cunhas Chance zum Ausgleich überbrückte die Mannschaft mit drei Ballkontakten über drei Stationen in weniger als zehn Sekunden das gesamte Spielfeld. Auf diese Art können Cunha, Dodi Lukebakio und Last-Minute-Neuzugang Nemanja Randonjic – der gute Ansätze zeigte – mit Tiefenläufen hinter die Abwehr ihre Geschwindigkeit in Torgefahr ummünzen.

Diese Zielstrebigkeit wäre ohne eine stabile Arbeit gegen den Ball nicht möglich. Diese scheiterte bisher häufig daran, dass zwischen den Mannschaftsteilen zu große Abstände herrschten. Gegnerischen Angreifern bot sich viel Raum, um Tempo aufzunehmen. Insbesondere im Sechserraum vor der Abwehr klaffte oft ein großes Loch. Durch die Hereinnahme von Santiago Ascasibar, der im defensiven Mittelfeld mit seinen kämpferischen Fähigkeiten für mehr Stabilität sorgt, scheint dieses Loch gestopft zu sein. Gemeinsam mit seinen laufstarken Nebenleuten Lucas Tousart, Vladimir Darida und dem in der zweiten Hälfte eingewechselten Guendouzi gelang es den Herthanern, Offensive und Defensive zu verbinden. Stark resümiert: "Man hat gesehen, dass wir gute Fortschritte machen."

Jetzt müssen Punkte folgen

Warum es trotzdem nicht für einen Punkt gereicht hat? "Die Tore und die Kaltschnäuzigkeit haben gefehlt", erklärt Khedira. Dardai ergänzt: "Das Spielglück hat gefehlt." Tatsächlich bleibt in dieser Hinsicht neben den vergebenen Chancen auch das Gegentor in Erinnerung, als Stark Bayerns Kingsley Coman erst zu viel Platz ließ, dann ausrutschte und den Ball schließlich mit seinem Rettungsversuch unhaltbar für Rune Jarstein abfälschte. Mit solchen negativen Emotionen will sich Dardai nicht lange aufhalten. Man habe aus Frankfurt Positives mitgenommen und werde das auch diese Woche tun. Sein neuer Weltmeister Khedira pflichtet ihm bei: "Wenn wir in den nächsten Wochen so weiterspielen, holen wir uns die Punkte."

Vielleicht kann er dann auch länger als zehn Minuten helfen. Neben dem Platz sei Khediras Einfluss schon groß, lobt Dardai. Und wenn man den Worten des höflichen Ex-Nationalspielers lauscht, entsteht durchaus der Eindruck, dass er das Vakuum in der Hierarchie füllen kann: "Die Mannschaft ist intakt. Das sind junge Spieler, die geführt werden wollen." Wohin Dardai und Khedira sie führen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Die Leistung gegen den Tabellenführer macht Mut. Aber wenn sich das nicht auch in Punkten ausdrückt, wird die Aufbruchstimmung nicht lange halten. Zumindest das ist nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre klar.

Sendung: Inforadio, 06.02.2021, 9 Uhr

Beitrag von Till Oppermann

8 Kommentare

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  1. 8.

    Verstehe Norberts Sarkasmus. Ende Februar nach Spieltag 23 wird die Hertha auch nach meiner Befürchtung wahrscheinlich immer noch nur 17 Punkte haben, wenn man sich den Spielplan bis dahin anguckt. Und wenn man sich die Leistungsparameter der Spieler (Ballbesitz, gelaufene km, Passgenauigkeit, gewonnene Zweikämpfe, Torgefährlichkeit) ansieht auch. Da ist nämlich in den beiden letzten Spielen leider keine Verbesserung zu sehen, teilweise sind sie sogar schlechter. Richtig scheint die Aufstellung von Torhüter Jarstein, der in offensichtlich sehr guter Form ist und bisher sehr glücklich agiert. Aber ich befürchte, das wird nicht reichen und Tore kann auch er nicht schießen.

  2. 6.

    Macht Mut, macht Hoffnung, ganz ehrlich diese Sprüche kann man sich eigentlich klemmen wenn man sieht das jetzt z.b. auch Köln und Mainz gewonnen haben, das heißt jetzt helfen nur noch Punkte Punkte Punkte, sprich eigentlich nur noch Siege und nicht mehr nur einfach gut spielen.
    Hoffe dass die Spieler das verinnerlicht haben und jetzt einfach 150 % für eine Torerzielung geben.

  3. 5.

    Man muss dein Herthafrust groß sein. Gibt's nichts anderes in deinem Leben? Zur Erinnerung: Hertha gibts schon seit über 100 Jahren. Und die waren schon Meister da war an Union noch nicht zu denken. Kann dieser köpenicker Möchtegernkultverein nie aufholen.

  4. 4.

    Lieber Norbert, vielleicht könnten Sie uns hier bitte mal verraten, warum Hertha absteigen soll? Union-Fan oder sonstiger persönlicher Frust?

  5. 3.

    Das Spiel wird überbewertet. Es ging schließlich gegen die Bayern. Da kommt es häufig vor, dass Mannschaften mit großen Problemen plötzlich auftrumpfen. Interessant sind die Spiele gegen Mannschaften unterhalb der internationalen Plätze.

    Eins sollte man auch bedenken: Bayern ist ein Lieblingsgegner der Hertha. Regelmäßig konnte man gegen Bayern punkten.

    Und noch eins sollte man nicht vergessen: Unter Labadia hat man in der Hinrunde nur knapp verloren (Elfmeter für die Bayern in der Nachspielzeit).

  6. 2.

    Herr Rummenigge ist doch selber Schuld. Warum müssen sie Reisen. Fussball ist nicht der Nabel der Welt. Katar ist ausserdem als Risikogebiet eingestuft. Liverpool darf auch nicht nach Deutschland. Gleiches Recht für alle. Der DFB und die FIFA sind nun mal nicht alles!!!! Müsdte der Auslandsflug nicht sein, dann hätten sie mit dem Bus fahren können!!@ Saubete Luft weniger CO2!!!!

  7. 1.

    Neuer Trainer und zwei Niederlagen. Das macht wirklich Mut, dass die Hertha absteigt. Und das wäre dann auch gut so.

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