Die Mannschaft des FC Bayern bejubelt den Sieg im Weltpokal-Finale in Katar. Bild: imago-images/Xinhua
Audio: Inforadio | 15.02.2021 | Thomas Hollmann | Bild: imago-images/Xinhua

Interview | Sportsoziologe Gunter Gebauer - "Das ist maßlos, was da passiert"

Klub-WM, Champions-League-Spiele - und das alles trotz Corona. Der internationale Spielbetrieb hat die Debatte über Sonderrechte des Profi-Fußballs neu entfacht. Zurecht, meint Sportsoziologe Gunter Gebauer.

Ob Länderspiele oder internationale Wettbewerbe - der Profi-Fußball reist weiter durch die Welt, obwohl gerade eine globale Pandemie-Situation herrscht. Der FC Bayern spielte in der vergangenen Woche den Weltpokal in Katar aus, in dieser Woche finden mehrere Partien der europäischen Champions League nicht am ursprünglich geplanten Ort statt, sondern in Ländern mit lockereren Corona-Regeln. Der deutsche Vertreter RB Leipzig trifft sich beispielsweise für sein "Heimspiel" mit dem FC Liverpool in Budapest anstatt in Leipzig. Der Grund: Der englische Meister hätte nicht nach Deutschland einreisen dürfen, weil England ein Corona-Mutationsgebiet ist. Es geht einmal mehr darum, ob der Profi-Fußball eine Sonderrolle genießt.

rbb|24: Herr Gebauer, "the show must go on", dieses Motto aus der Unterhaltungsindustrie gilt derzeit vor allem für den Sport - und insbesondere für den Profi-Fußball. Finden Sie, dass der Profi-Fußball das Maß verloren hat?

Gunter Gebauer: Ja, das kann man in letzter Zeit besonders deutlich erkennen. Das hat sich schon vorbereitet, als es der deutschen Fußball-Liga gelang, sogenannte Geisterspiele einzurichten (im Mai 2020, Anm.d.Red.) die es ermöglichten, dass die Profi-Fußball-Vereine weiterspielen und Geld verdienen konnten. Das war sehr geschickt gemacht von der Deutschen Fußball Liga. Das hat sich auch in gewisser Hinsicht ganz gut bewährt, insofern, dass da wenige Fälle aufgetreten sind.

Aber jetzt sehen wir immer öfter, das Spieler infiziert werden und der Spielbetrieb ausufert. Zu Beginn war es ja ein Spielbetrieb, der erstmal nur in Deutschland stattfand. Jetzt geht die Vielfliegerei los und wir haben ja am Horizont auch die Europameisterschaft im Fußball, die in vielen Ländern stattfinden soll. Also das ist dann maßlos, was da passiert.

Das Gegenargument, das auch Bayern-Trainer Hansi Flick vorbringt, lautet: Das ist unser Job, wir machen eine Dienstreise und das nicht zum Vergnügen. Zählt das Argument für Sie?

Nein, das zählt für mich nicht. Das wäre ja auch noch schöner, wenn das ein Vergnügen wäre. Es ist ein Schlag ins Gesicht für alle Leute, die sich zum Beispiel nicht weiter von ihrem Wohnort entfernen dürfen als 15 Kilometer unter den strengen Auflagen, an die wir uns alle halten müssen. Wir können auch ein bisschen durch die Gegend fahren, aber nur aus strikten Gründen, familiären und beruflichen. Natürlich ist auch das beruflich, was die Fußballer machen. Aber es geht weit über das hinaus, was man akzeptieren kann, finde ich. Die fliegen nach Ungarn, also in Länder die lockerere Bedingungen haben als wir, weil man da eben gegen Engländer Fußball spielen kann, da trifft man sich dann auf der Wiese. Das bedeutet, der Fußball schneidert sich wirklich eigene Regelungen, schlägt sie der Politik vor und die muss abnicken. Sie könnte anders, aber sie traut sich nicht.

In diesem Zusammenhang: Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge schlägt vor, Fußballer vorrangig zu impfen, der Vorbildfunktion wegen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Das ist einfach nur vorgeschoben. Das ist mal wieder ein typischer Rummenigge, den kennen wir ja nun von seinen Sprüchen, der seine blanke Unverschämtheit mit irgendwelchen altruistischen Motiven überdeckt. Es geht natürlich darum, eine Extrawurst zu bekommen. Dann müssten wir ja auch unsere ganzen Olympiasportler und alpinen Sportler und so weiter impfen lassen, damit sie Medaillen für Deutschland holen. Also ich glaube, das ist total an den Haaren herbeigezogen und das müsste den Fußballern - und das kann man ja auch teilweise an den Reaktionen erkennen - ein bisschen peinlich sein.

Das heißt, wenn ich Sie richtig verstanden habe, dass Sie auch gegen ein Impfen der deutschen Olympiasportler sind?

Gegen eine Bevorzugung der Olympiasportler gegenüber der allgemeinen Bevölkerung und gegenüber den Risikogruppen. Wir sind jetzt beim Impfen gerade bei den größten Risikogruppen, erst kommen die 90-Jährigen dran, dann die 80-Jährigen und dann die über 75-Jährigen. Also ich sehe nicht, dass unbedingt jetzt besonders gesunde und leistungsfähige Sportler irgendeine Priorität bekommen sollten. Das hat im übrigen ja auch der deutsche Ethikrat ganz klar festgelegt.

Sie haben zu Beginn der Pandemie auch Prognosen über die Auswirkungen von Corona auf die sportlichen Aktivitäten der Menschen aufgestellt. Damals sagten sie, der Individualsport werde der große Krisen-Gewinner sein. Ist das aus Ihrer Sicht eingetreten?

Ich denke schon. Man muss das aber auch genau sehen, welchen Individualsport man da erkennen kann. Es sind Leute, die jetzt nicht mehr ins Fitnessstudio gehen, die nicht im Vereinssport tätig sind und auch sonst keinen leistungsorientierten Sport treiben können, weil die Möglichkeiten gar nicht mehr gegeben sind. Da sehe ich sehr viele Leute, die sich individuell bewegen. In den Parks in Berlin sieht man sehr, sehr viele Freizeitsportler. Auch ehemalige Leistungssportler und Leute, die jetzt noch auf Leistung trainieren, die dann ihr Training in die öffentlichen Anlagen verlegen. Es gibt außerdem viele Leute, die Home-Sports machen. Da gibt es einen großen Krisengewinner mit den Geräten für den Heimsport, die man sich anschaffen kann, die ja auch teilweise ganz faszinierend sind. Ich glaube, die Bewegungslust ist noch da und ist vielleicht sogar noch stärker als zuvor, weil man sich ja doch recht stark eingesperrt fühlt.

Zur Not turnt man eben nach, was die virtuellen Trainerinnen und Trainern vor einem am Bildschirm machen. Teilweise kaufen die Leute auch teure Home-Trainer, die dann vielleicht auch nach der Pandemie weiter genutzt werden. Bleibt es also womöglich auch in Zukunft bei dieser Digitalisierung des Sports?

Klar, wer sich ein teures Gerät angeschafft hat, der will es natürlich auch weiter nutzen. Das ist aber keine Digitalisierung, wie man zum Beispiel den Fußball gerade digitalisiert, dass man also nur noch mit dem Finger spielt, sondern da bewegt man sich ja noch wirklich. Man hat eben nur eine digitale Trainerin/einen digitalen Trainer, die oder der einen anfeuert oder selbst auf dem Rennrad sitzt, zum Beispiel. Das ist ja teilweise auch ganz gut gemacht und mag auch Freude auslösen. Aber ich glaube, sobald man wieder raus kann und dann auch die bessere Jahreszeit kommt, dann gehen die meisten doch wieder raus, anstatt zu Hause zu Rudern und zu Radeln.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Thomas Hollmann aus der Sportredaktion. Dieser Text ist eine redigierte und gekürzte Fassung, das vollständige Gespräch können Sie oben im Beitrag hören.

28 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 28.

    Maßlos? Stimmt irgendwie, weil es dafür keinen Maßstab gibt. Es ist alles eher emotional. Auch hier schwankt alles zwischen Neid und Realität. Fußball ok. Aber zB die Formel 1? Es ist nunmal Leistungssport und die Akteure werden hoch bezahlt. Aber wenn es wirklich so übel wäre, warum gehen so viel hin bzw. heulen, dass man zzt nicht hun kann? Warum abonnieren so viel sie Sportsender? Warum sind bei WM und EM dieselben Spieler die „Helden der Nation“? Warum ist Public Viewing so begehrt? Warum wird die englische Liga, wo die Gelder richtig fließen, auch international so verfolgt? Also, was soll plötzlich der Aufschrei? Doch eher Neid und Missgunst?

  2. 27.

    Ein schönes, differenziertes Interview. Und so gut beschrieben wurde Rummenigge schon lange nicht mehr.

    In der Tat geht es den finanzstärkeren Vereinen doch nur um eigene Vorteile - in einem völlig deregulierten Markt. Es bräuchte EU-weit Salary Cap und weitere Mechanismen, die das Ungleichgewicht der Finanzstarken kompensieren; die den Sport und sportliche Möglichkeiten, keine rein finanziellen in den Fokus rücken. Die Aufhebungen der Reisebeschränkungen sind gelebte Ignoranz und Selbstherrlichkeit. Was machen denn die kleinen Vereine, die nicht mehr spielen dürfen? Die können zusehen, wie sie schrumpfen. Oder was macht der Frauenfußball, etc.? Gier bekämpft man mit klar kommunizierten Regeln. Ich hätte es von den öffentlich-rechtlichen Sendern, die nicht um Einnahmen betteln müssen, aber gerne trotzdem minutenlang offen wie verdeckt werben, gut gefunden, wenn sie die Spielübertragungen boykottiert hätten. Manche Handballer waren z.B. vernünftiger.

  3. 26.

    Nein, auch nicht Missgunst.
    Ich gönne allen, dass sie ihren Beruf ausüben können. Das gilt auch für ProfisportlerInnen.
    Fakt ist aber auch, dass die Grenzen, gerade im Profifußball immer mehr erweitert wurden und im Gegenzug die kleinen ArbeitnehmerInnen und Selbständigen weiter warten müssen, um endlich wieder selbst Geld verdienen zu können.
    Fakt ist auch, wie man an der Handball-WM sehen musste, dass das SarsCov2-Virus eben keine Rücksicht auf Grenzen oder Menschen nimmt und durch das Reisen durch die Welt eben auch immer wieder Infektionen mitgebracht werden. Was sich im übrigen auch auf nicht nötige Urlaubsreisen bezieht.
    Im übrigen hat offensichtlich bei der FIFA Club Worldcup die viel gerühmte Blase nicht funktioniert hat, weil es mindestens einen positiven Corona-Test gab. Von mehr ist mir nichts bekannt, weil genau solch ein Turnier in Quatar nicht so meins ist.

  4. 25.

    Es geht (mir) ja weniger um das Fussballspielen an sich aber mit welcher Großkotzigkeit hier die Verantwortlichen auftreten (Nachtflugverbot umgehen für die Vertreter der Nation, Impfbevorzugung für die Vorbilder der Nation, Lauterbach den Mund verbieten) ist in der Situation schon sehr befremdlich und beschämend. So klappt es nicht mit der Vorbildfunktion.

  5. 24.

    Bitte auch meinen Kommentar
    11. Alorac@Berlin49BerlinDienstag, 16.02.2021 | 20:13 Uhr
    lesen.
    Da habe ich sehr wohl zu dem Thema geschrieben.
    Der von Ihnen kommentierte Kommentar war eine Antwort.

  6. 23.

    Die Frage ist, worin die Sonderrechte bestehen. Was ist der Bezug? Die Liga und die Vereine sind Arbeitgeber. Inwieweit sind sie nun mit Sonderrechten ausgestattet? Also im Vergleich zu anderen Arbeitgebern? Die Spieler selber sind Dritte. Der Staat und die Liga bzw. die Vereine sind diejenigen, welche hier zur Debatte stehen sollten, nicht die Spieler. Deren Verhalten ist das wie jedes anderen Menschen auch, individuell sehr unterschiedlich. Also, worin besteht das Sonderrecht im Vergleich zB von Siemens, Volkswagen usw.... Und ja, ich sehe die Ebene „Arbeitgeber“.

  7. 22.

    Wenigstens sind Sie ehrlich. Hut ab davor. Ich teile Ihre Meinung zwar nicht, respektiere aber Ihre Grundhaltung. Nur den Hinweis darauf, dass Sie jemandem quasi einen Maulkorb verpassen finde ich mindestens ebenso unpassend wie die von Ihnen kritisierten Verhaltensweisen.

  8. 19.

    Das hat in meinem Fall nicht das geringste mit Neid zu tun.
    Die von Ihnen aufgezählten Sportarten sind selbst im Profibereich eher als Randsportart einzuordnen.
    Der FCB kann sich für die Saison 2020/2021 auf die Fahnen schreiben, dass sie SECHS Titel gewonnen haben.
    Zeigen Sie mir bitte auf, in welcher der von Ihnen aufgezählten Sportaren im Profibereich eine Mannschaft diese Zahl an Titel in einer Saison erzielen kann.
    Im übrigen war es der FCB, der sich über mangelnde Konkurrenz in der Bundesliga beklagt hat, aber gleichzeitig säckeweise Geld in die Hand nimmt, um anderen Vereinen die guten Spieler vor den Nasen wegkauft.

  9. 18.

    Stimmt. Zumal es auch andere Sportler gibt, die aktiv sind und reisen. Handballer, Wasserballer, Skisport.... Aber es entlädt sich einfach der Frust der Leute, die eh schon Gegner des Profifußballs sind. Warum allerdings ein Sportsoziologe so unwissenschaftlich an die Sache herangeht ist mir unbegreiflich. Und die Diskussion bisher zeigt klar, dass hier Sozialneid speziell gegen den FCB hochkommt. Wer Erfolg hat wird immer Feinde haben.

  10. 17.

    Mir (und wahrscheinlich noch den ein oder anderen auch) geht es vordergründig wohl weniger um das Fussball spielen als um die Großkotzigkeit, mit der so mancher Verantwortliche so unverschämt Auftritt. Nachtflugverbot umgehen, Impfung als 'Vorbildwirkung', Lauterbach darf sich nicht äußern. Was da von Bestverdienern zum besten gegeben wird, ist an unverschämtheit nicht zu überbieten.
    Ihr dürft spielen und (viel) Geld verdienen. Also Nachdenken und Klappe halten.

  11. 16.

    Vielleicht lesen Sie sich mal ein

    https://de.wikipedia.org/wiki/Profifußball

    Was soll den Sport sein?

  12. 15.

    Natürlich sind das Arbeitnehmer mit Verträgen. Was denn sonst? Und auch im Amateurbereich gibt es diese. Die waren übrigens in Kurzarbeit. Spielerverträge sind was für Sie? Künstler? Selbständige? Sklaven? Meine Güte ... Profisportler können entlassen werden etc.



  13. 14.

    Ja richtig, ein positiver in einer Schulklasse und die ganze Klasse muss in Quarantäne. Hier gibt es ne extra Wurst. Wenn es drauf ankommt ist der Fußball asozial, da kann man wenig auf Verständnis hoffen.
    Komisch das die Bayern Profis sich nicht über den fehlenden Handschlag vom Scheich gegenüber den weiblichen Schiedrichtern aufregen. Da wird schön weggeschaut. Sehr feige.

  14. 13.

    Das ist keine Arbeit sondern Sport bzw. Leistungssport. Oder haben sie schon mal gehört, dass man sagt, morgen müssen wir gegen Hertha BSC arbeiten gehen.
    Zudem die Spieler im Amateurbereich, die eine echte Arbeit haben, dürfen nicht "spielen". Hier zeigt sich nunmal die Arroganz der Millionäre, kaum kritisiert man etwas, wird rumgejammert. Leute mit echter Existenznot jammern nicht so rum wie Fußballspieler. Liegt wohl auch daran, das manche Fußballer in der Schauspielkunst sehr talentiert sind.

  15. 12.

    Ich bin verwundert, dass sich die hier Versammelten nicht empörten, dass dieser Müller, konterminiert und höchst ansteckend, in einem Flieger, im Bus, auch im Hotel sitzt, mit seinen Spielkameraden zusammenstehen, sie vielleicht ansteckt und dann, statt die gesamte Mannschaft unter Quarantäne zu stellen, aussortiert und aufwändig zurück in die BRD schickt. Die ganze Mannschaft gehörte in Quarantäne. Aber, die Weißwürstchen durften spielen und deren rolexschmuggelder Lautsprecher plärrt und greift die Corona Maßnahmen an.
    Wo bleibt da der Aufschrei der hier Versammelten, die sich aber darüber echofieren, wenn Menschen auf dem Eis stehen und tanzen.
    Wie verlogen ist das denn?

  16. 11.

    Als erstes scheint ja dem FCB der verspätete Abflug vom BER doch nicht so geschadet haben, wie es von Rummenigge und Hoeneß befürchtet wurde.
    Als zweites muss ich Herrn Gebauer in dem Punkt Recht geben, dass es mit dem Profi-Fußball immer mehr ausartet.
    Da wird in der Welt umhergeflogen, Tests zum abwinken durchgeführt (hoffentlich auf Vereinskosten) und am Ende kommen doch Infizierte zurück. Im besten Fall ist es keine Mutante, die eingeschleppt wird.
    Da entscheidet die Bundespolizei, dass Liverpool nicht nach Leipzig einreisen darf, weil dass Einreiseverbot erst am nächsten Tag aufgehoben wird. Egal, fliegen halt beide Mannschaften mit Betreuerstab nach Bulgarien, Hauptsache, der Ball kann rollen.

  17. 10.

    Was wäre denn die Alternative? Kurzarbeitergeld, Coronagelder für die Vereine? Es geht um Arbeitsplätze im Fußball. Nicht um Sport. Soll der Staat also ein Berufsverbot aussprechen und dann Gelder zahlen? HomeOffice geht ja wohl nickt. Kundenkontakt ist ja schon untersagt.

Nächster Artikel

Das könnte Sie auch interessieren