Mirko Hartung wirft einen Ball in seinem Flur. Bild: rbb
Video: UM6 | 16.02.2021 | Torsten Michels | Bild: rbb

Paralympischer Boccia-Spieler Mirko Hartung - Grenzen durchbrechen mit der Leder-Kugel

Mirko Hartung hat eine spastische Lähmung. Als er mit Boccia anfing, sollte er die Kugeln von einer Rampe rollen lassen. Aber Hartung wollte sie richtig werfen - und tut das heute auch, zur Not im eigenen Wohnungsflur. Jetzt träumt er von den Paralympics 2024.

"Blaues Licht!", ruft Mirko Hartung seinem Smart-Speaker zu. Der gehorcht. Die LED-Beleuchtung im Flur seiner Wohnung wechselt von rot auf blau. Der 39-jährige fährt seinen elektronischen Rollstuhl in Position, nimmt eine lederne Boccia-Kugel aus dem Korb auf seinem Schoss und wirf sie übers Laminat. Für die nächste Kugel wechselt er auf rot. Er spielt gerade gegen sich selbst, denn das Training in der Halle bei seinem Verein Inklusivo kann schon seit Mitte Dezember nicht mehr stattfinden.

Paralympisches Boccia wird von Rollstuhlfahrern gespielt

Mirko Hartung hat seit seiner Geburt eine spastische Lähmung. Man merkt, wie viel es ihm abverlangt, den ledernen Boccia-Ball dort zu platzieren, wo er ihn gerne hätte. Aber es klappt gut. Vor drei Jahren hat er mit dem Boccia angefangen. "Ich habe eigentlich mal den Trainerschein im Fußball gemacht", erklärt Hartung, "aber mir war von vornherein klar, das ich was Besonderes bin und dass mich kein Fußballverein so ohne Weiteres nehmen wird. Also bin ich weiter gegangen und eine Freundin hat mir gesagt, ich solle es doch mal mit Boccia probieren." So ist er beim Lichtenberger Verein Inklusivo gelandet, der Boccia als Behindertensport anbietet.

Boccia ist die italienische Variante des französischen Boule. Gespielt wird es von Einzelspielern oder in Teams. Es gibt eine Zielkugel, die zu Beginn des Spiels geworfen wird. Anschließend versuchen die Spieler, ihre Kugeln möglichst nah an die Zielkugel zu werfen. Dabei dürfen auch die Kugeln des Gegners mit den eigenen weggestoßen werden. Die paralympische Variante von Boccia ist für Menschen ausgelegt, die im Rollstuhl sitzen. Aufgrund unterschiedlich starker Behinderungen gibt es verschiedene Ausführungen. Einige Athletinnen und Athleten werfen ihre Kugeln selbst, andere stoßen sie von einer Rampe.

Mirko Hartung lacht im Interview. Bild: rbbSympathischer Typ: Mirko Hartung lacht im Interview.

2024 will er sich für die Paralympischen Spiele qualifizieren

Auch Mirko Hartung hat zunächst die Variante mit der Rampe gespielt. Nach einigen Wochen wechselte er aber und wurde "Handspieler". Jeder Wurf erfordert für ihn mit seiner spastischen Lähmung ein großes Maß an Konzentration, nicht immer gelingt es so, wie er will. "Es gibt Tage, da bin ich eher mittelmäßig, aber es gibt auch Tage, da läuft es richtig gut", sagt er.

Die Spielart mit Rampe lehnte er aus Ehrgeiz ab. "Mir wurde Anfangs gesagt, ich solle mit Rampe spielen, weil ich mit meinen Armen den Ball anfangs nicht weit genug bekommen habe", erzählt Hartung. Davon ist heute nichts mehr zu merken: Lederball um Lederball rollt und wirft er durch seinen Wohnungsflur mit den LED Leuchten.

Trainer Peter Hornig, gleichzeitig auch der Vorstandsvorsitzende des Vereins Inklusivo, hat ihn beim Umstieg von der Rampe auf die Wurf-Technik unterstützt. "Wir wollen ja auch unsere Grenzen durchbrechen. Und er ist genau so: Er lässt sich von nichts aufhalten, egal wie groß die Aufgabe ist", sagt Horning über seinen Sportler. Deshalb trainiert Mirko Hartung auch im Lockdown in seiner Wohnung. Er will immer besser werden. Er hofft, noch in diesem Jahr wieder in die Halle zu können. Sein Ziel sind die deutschen Meisterschaften in Wiesbaden. Die sollen im September stattfinden und Hartung will sich für die Hauptrunde qualifizieren.

Das soll erst aber der Anfang seiner Boccia-Karriere sein. "2024 will ich mich für die Paralympischen Spiele in Paris qualifizieren", sagt er selbstbewusst. Das traut ihm sein Vereinstrainer durchaus zu.

Virtuelles eBoccia Turnier in dieser Woche

Vielleicht hat er in Mirko Hartung auch schon seinen eigenen Nachfolger im Verein gefunden. Denn der will irgendwann auch im Boccia noch den Trainerschein machen. Das sei einfach sein Ding, findet er. "Ich bin da so ein bisschen ein Brüller, wie manche Fußballtrainer", beschreibt sich Mirko Hartung lachend.

Dass Fußball seine eigentlich Leidenschaft war und ist, sieht man seiner Wohnung an: Überall hängen Fanschals, Poster oder andere Devotionalien rum. Neben seinem PC-Bildschirm hängt ein Mannschaftsfoto des 1. FC Union Berlin.

Auf den Monitor schaut er in dieser Woche öfter. Gerade finden die Berlin Open statt, ein e-Boccia Turnier im Internet. Es ist zumindest ein kleiner Wettkampf, auch wenn Mirko Hartung es nicht mit normalem Boccia gleichsetzen will. "Es bringt zumindest insofern etwas, als das man Taktik üben kann und wie die Bälle laufen", erklärt er. Allerdings hat das virtuelle Spiel, das nicht für Behindertensportler entwickelt wurde, für ihn ein klares Manko: "Es gibt ein Zeitlimit, das gefällt mir nicht. Als Spastiker muss ich schon ganz schön rudern, um in dreißig Sekunden den Ball so einzustellen, wie ich ihn brauche."

Das virtuelle Boccia Turnier ist ein Angebot des Behinderten und Rehabilitations Sportverband Berlin, das noch bis Sonntag geht. Behindertensportler sollen so zumindest virtuell mal wieder zusammen kommen, um die Gemeinschaft zu stärken. Mirko Hartung sieht dieses Turnier deshalb entspannt. "Natürlich würde ich auch gerne gewinnen, aber dabei sein ist alles." Den Geist der Olympischen und Paralympischen Spiele hat er also schon verinnerlicht. Paris 2024 kann kommen.

Sendung: UM6, 16.02.2021, 18 Uhr

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