Union-Spieler Christopher Trimmel (Quelle: Imago Images / O. Behrendt)
Bild: Imago Images / O. Behrendt

Fußballer gegen Hass im Netz - "Das kann einen Menschen schon zerstören"

Auf dem Platz sind alle gleich. Ein Grundprinzip im Fußball. Doch in den Kommentarspalten der Spieler wimmelt es von Hassnachrichten. Oft hinter der Maske der Anonymität. Nur die Kommentare zu löschen, reicht nicht aus. Von Lynn Kraemer

"du kannst nichts .. ich hoffe du Holst dir einen Kreuzbandriss ..du blöder vollidiot", lautet nur einer von vielen Hasskommentaren, die Maximilian Mittelstädt und andere Fußballprofis in einem viralen Video in der letzten Woche vorlasen. Es ist noch eine der harmloseren Nachrichten. Die Todesdrohungen kommen später. Hass im Netz ist für die Fußballer Alltag geworden. Doch wie viel kann ein einzelnes Video verändern?

Verbreitetes Problem

"In erster Linie verschafft es dem Thema Sichtbarkeit und zeigt eben auch anderen Betroffenen: Ihr seid nicht allein. Uns geht es auch so", erklärt Josephine Ballon, Rechtsanwältin und Head of Legal bei der Beratungsstelle HateAid. In dem Video, das von Sports360, der Agentur von Toni Kroos’ Berater Volker Struth und den Berliner Signature Studios produziert wurde, positionieren sich mehrere Fußballprofis gegen Cybermobbing und Hate Speech. Ihre Botschaft: "Wir schätzen deine Meinung. Aber Hass ist keine Meinung. Hinter jedem Bildschirm ist ein Mensch". Hertha-Profi Maximilian Mittelstädt hatte sein Instagram-Profil wegen der Hasskommentare zuletzt offline genommen.

"Natürlich war, glaube ich, jeder Fußballer schon irgendwann mal Opfer davon", sagte Union-Spieler Christopher Trimmel als Reaktion auf das Video. Die Hasskommentare und privaten Nachrichten beschränken sich nicht nur auf Profisportler als Personen des öffentlichen Lebens, sondern richten sich auch gegen Privatpersonen. Das Bündnis gegen Cybermobbing kam 2020 in einer Studie unter Kinder und Jugendlichen zum Ergebnis, dass 17,3 Prozent von ihnen schon von Cybermobbing betroffen waren. Drei Jahre zuvor waren es noch 12,7 Prozent.

Ignorieren ist auch keine Lösung

Der raue Ton nimmt zu. Und im Schutz der Anonymität ist die Hemmschwelle für User niedriger, bei großen Profilen beleidigende Kommentare zu hinterlassen. Für Union-Spieler Max Kruse ist es Alltag geworden: "Ich reagiere da eigentlich nicht drauf. Ich sehe das alles mit einem Lächeln. Man muss einfach sagen: die Leute, die sowas schreiben, sind wahrscheinlich mit ihrem eigenen Leben nicht zufrieden oder überfordert und deswegen geht es uns ja eigentlich ganz gut."

Instagram bietet die Option einzelne Kommentare zu löschen oder die Kommentarspalte zu deaktivieren. Doch das sollte nicht die einzige Konsequenz sein. "Wir müssen uns vor Augen halten, dass das was da passiert, nicht einfach nur Unhöflichkeiten sind, gegen die man sich positionieren kann, sondern das sind in der Regel sogar Straftaten", erklärt Rechtsanwältin Josephine Ballon.

Hasskommentare können zur Anzeige gebracht werden. Das geht entweder bei der Polizei vor Ort, über die Onlinewachen der jeweiligen Bundesländer oder Beratungsstellen wie HateAid. Über die App "MeldeHelden" bieten sie beispielsweise die Option Hasskommentare niedrigschwellig zur Anzeige zu bringen. "Denn wenn die einzige Konsequenz, die diejenigen erfahren, die solche Kommentare schreiben, ist, dass es immer nur gelöscht wird, dann wird sich da langfristig auf jeden Fall in der Diskussionskultur im Netz nichts ändern", so Ballon.

Mit Opfern solidarisieren

Eine Anzeige garantiere allerdings keinen Erfolg, erklärt sie weiter: "Wir haben natürlich auch das Problem, dass sehr viele Leute anonym agieren und unter Pseudonymen auch ihre Profile betreiben." Die Identifikationsquote bei HateAid liegt momentan bei einem Drittel. Trotzdem rät Josephine Ballon den Betroffenen zu diesem Schritt, da eine Anzeige auch abschreckend wirke: "Die Gesetze, die auf der Straße gelten, die gelten eben auch im Internet und werden da auch umgesetzt".

Und auch nicht direkt Betroffene können Hasskommentare melden, wenn sie die auf Profilen von anderen Nutzern bemerken. "In erster Linie ist es dann wichtig die Betroffenen nicht allein zu lassen und sich mit ihnen zu solidarisieren", so Josephine Ballon. Das gehe auch über unterstützende Kommentare, um der Person zu zeigen, dass sie nicht alleine ist.

Union-Spieler Christopher Trimmel sieht sich in einer Vorbildfunktion gegen Hass im Netz aktiv zu werden: "Wenn man in der Öffentlichkeit steht, ist es natürlich viel, viel leichter und wenn man bedenkt, wie viele Menschen sich sowas zu Herzen nehmen. Das kann schon einen Menschen zerstören. Von dem her ist es ganz, ganz wichtig. Sich zu wehren, sich zu verbünden."

Sollten Sie selbst Opfer von Cybermobbing oder Hate Speech im Internet sein, zögern Sie nicht, Hilfe zu suchen. Informationen zu Hilfsangeboten finden Sie unter anderem beim Bündnis gegen Cybermobbing oder HateAid.

Das Bündnis gegen Cybermobbing bietet auch eine kostenlose und anonyme Telefonberatung: 0721/98 19 29 10.

Sendung: rbbUM 6, 25.02.2021, 18 Uhr

Beitrag von Lynn Kraemer

3 Kommentare

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  1. 3.

    Es ist schon eklig, was man heutzutage alles lesen muss. Kommt schon vor, dass ich aufhöre, weil es kaum zu ertragen ist. Ich weiß auch nicht, ob sich die jeweiligen Schreiberlinge dann irgendwie "besser" fühlen, weil sie jemanden beschimpfen. Es hat sich auch was Entscheidendes verändert. Früher wurden die Gegner beschimft, beleidigt, dumm angemacht. (ab einem gewissen Grad auch nicht okay). Aber heute sind es die auch eigenen Anhänger, die teilweise so widerliche Kommentare schreiben, dass einem schlecht wird.

  2. 2.

    Hinter dem Schutzwall des anonymisierten Postens tobt sich so mancher kleine Geist aus. Solange so etwas möglich ist wird es Hasskommentare geben, die schwer zu verfolgen sind. Das Problem wird sich relativieren, sobald man sich mit seinen Daten, am besten sogar seinem Klarnamen anmelden kann. Kann doch nicht wahr sein, dass man als Person, die in der Öffentlichkeit steht, sowas einfach zu erdulden hat und es weglächeln soll.

  3. 1.

    Selbst als Herthanerin muss ich Kruse recht geben: "... die Leute, die sowas schreiben, sind wahrscheinlich mit ihrem eigenen Leben nicht zufrieden oder überfordert..."
    Gut auf den Punkt getroffen...

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