Interview | Derby-Geschichte - "Dass die Fans eine Rivalität ausleben, gehört zum Fußball auch dazu"

Torsten Mattuschka und Peter Niemeyer im Zweikampf um den Ball (Quelle: Imago Images / Contrast)
Bild: Imago Images / Contrast

Hertha BSC und der 1. FC Union Berlin teilen eine recht kurze Derby-Geschichte. Kulturwissenschaftler Thomas Schneider spricht im Interview darüber, welche Berliner Fußball-Derbys in Vergessenheit geraten sind und wie sich Hertha und Union auseinanderlebten.

rbb|24: Union gegen Hertha ist nicht das einzige Derby in der Berliner Fußballgeschichte. Welche anderen Derbys waren in der Berliner Vergangenheit besonders wichtig?

Thomas Schneider: Wenn man ganz weit in der Geschichte zu den Anfängen des Fußballs überhaupt zurückguckt, war Berlin sozusagen die Fußballhauptstadt. In der Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg lautete das Duell natürlich Britannia [Anm. d. Red.: heute unter dem Namen Berliner SV 1892] gegen Viktoria. Das klingt für heutige Ohren vielleicht ein bisschen seltsam. Britannia spielt heute in der Bezirksliga. Viktoria wiederum will gerade in die dritte Liga aufsteigen.

Dann in den 20er-Jahren, als der Fußball und das Fanpotenzial in Deutschland groß geworden ist, war das große Duell zwischen Hertha und Tennis Borussia. Das wird schon viel mehr Fans etwas sagen, weil bei Tennis Borussia damals ein gewisser Sepp Herberger spielte. Er ist vielen als Trainer der Weltmeistermannschaft von 1954 bekannt, verbrachte aber auch viele Jahre in Berlin.

Und diese Geschichte fand in den 70ern ihre Fortsetzung als Tennis zwischenzeitlich in der 1. Bundesliga spielte. Und in den 90ern, als Tennis den Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga geplant hat. Da kam es zu einem Aufeinandertreffen mit Hertha BSC im DFB-Pokal, an das ich mich auch noch erinnern kann, weil das damals schon eine ganz heiße Kiste war.

Die Historie des Hauptstadtderbys zwischen Hertha und Union geht gar nicht so lange zurück. Es ist das achte Spiel im Profibereich. Wie ist es möglich, dass es bis in die 2010er keine Überschneidungen der beiden Mannschaften gab?

Das hängt mit der Geschichte der beiden Mannschaften zusammen, die sich lange Zeit in zwei unterschiedlichen Systemen abspielte. Das wird ja heute als Duell zwischen Ost und West stilisiert. Tatsache war, dass sie in den beiden deutschen Staaten, die wir bis 1989/90 noch hatten, in unterschiedlichen Ligen und nach 1990 in unterschiedlichen Spielklassen spielten. So kam es Anfang der 10er-Jahre erst zum ersten Aufeinandertreffen in der 2. Bundesliga.

Die Rivalität zwischen den beiden Fanlagern ist auch eher ein neueres Phänomen. Während der Teilung gab es eine Solidarisierung zwischen den beiden Fangruppen. Wie wurde das ausgelebt?

Den West-Berlinern war es möglich, nach Ost-Berlin zu reisen und die Spiele in der Alten Försterei zu besuchen. Das haben die Fans von Hertha BSC lange Zeit gemacht. Und umgekehrt sind Union-Fans, als sich die Gelegenheit mal ergab, zu einem Europapokalspiel gereist. Und zwar nach Prag als Hertha gegen Dukla antreten musste. Und so entstand in der Tat eine intensive Fanfreundschaft, die dann leider 89/90 ihr Ende gefunden hat.

Wie genau ist es zu diesem Ende gekommen?

Zunächst hat es das große Wiedervereinigungsspiel gegeben. Da war die Freude groß, dass man sich nach dem Fall der Mauer wieder richtig treffen konnte. Das war im Januar 1990 im Olympiastadion vor rund 50.000 Zuschauern. Und es ist, was viele schon gar nicht mehr wissen, zu einem Rückspiel in der Alten Försterei gekommen. Da war aber nur noch ein Bruchteil der Fans anwesend. Man hat sich nach der Wende, wenn man das so sagen kann, einfach auseinandergelebt.

Die folgenden Jahre gab es immer wieder ein paar Spitzen. Und die Fans haben sich voneinander distanziert. Welche Bedeutung hat das Derby denn kulturell heute für die Stadt Berlin?

Es wird natürlich als das Duell Ost und West gesehen. Und es hat seit eineinhalb Jahren nochmal eine ganz andere Brisanz, weil der 1. FC Union in die 1. Bundesliga aufgestiegen ist. Die vorherigen Aufeinandertreffen waren ja in der 2. Bundesliga, als Hertha für jeweils eine Saison abgestiegen war.

Und jetzt muss man das positiv sehen, dass die Hauptstadt Berlin zwei Bundesligaclubs hat. Das ist für die Sportmetropole Berlin ein großer Erfolg und beide Vereine können sich freuen, dass sie in der Spielklasse aufeinandertreffen. Dass die Fans dann eine Rivalität ausleben, denke ich, gehört zum Fußball auch dazu, sofern sie friedlich ausgetragen wird. Das war leider auch nicht immer der Fall, wenn man an die letzten Derbys zurückdenkt. Aber ich bin positiv gestimmt, dass wir das auch wieder hinbekommen, wenn die Fans wieder ins Stadion dürfen.

Sie sind auch Mitgestalter der "Fußball Route Berlin". Welche Rolle spielt das Berliner Derby dabei?

Wir haben bei beiden Vereinen versucht, die Geschichte ihres gesamten Bestehens nachzuzeichnen. Von den Anfängen der Hertha in Prenzlauer Berg, bevor sie dann Jahrzehnte lang in Gesundbrunnen zuhause waren. Die Geschichte vom FC Union reicht bis zu Union Oberschöneweide. Und nach 1920 ist die Alte Försterei [damals Sportanlage Sadowa] in Köpenick bezogen worden. All das haben wir versucht nachzuzeichnen.

Dass jetzt ein Hauptstadtduell zwischen den beiden stattfinden kann, ist auch aus historischer Sicht eine Besonderheit. Man muss sehen, dass der Berliner Fußball ist nicht so erfolgreich ist, wie man sich das vielleicht wünschen würde, wenn man auf andere Hauptstädte blickt. Aber insofern zeigt die Tendenz nach oben, wenn sich auch Hertha konsolidieren kann. Wenn es einen Berliner Meister geben sollte, dann schreiben wir die Berliner Fußballroute auch gerne um.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lukas Scheid. Der Text ist eine redigierte und leicht gekürzte Fassung.

Sendung: rbb UM6, 30.03.2021, 18 Uhr

2 Kommentare

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  1. 2.

    Ich empfinde nicht unähnlich Ihnen, Herthaner1970. Eine gesunde Rivalität sollte sein, aber gerade dieses doofe "West gegen Ost"- Ding finde ich sehr entbehrlich. Bei den Derbys in der 2. BL war die Stimmung zwischen den Fanlagern bis auf kleine Nicklichkeiten eigentlich noch ganz gut. Man fuhr und lief anschließend gemischt zum Olympiastadion; heute und wohl auch in Zukunft nicht mehr denkbar.
    Wobei ich noch anmerken möchte, dass die absolut asoziale Aktion einiger Hertha Fans beim ersten Stadtderby Ende '19 eine gravierende Zäsur im Fanverhältnis ausgelöst hat.

  2. 1.

    Die Fans haben sich nicht auseinandergelebt, falscher Blickwinkel.
    Die Alt-Herthaner und Alt-Unioner wissen noch heute was mit der einst vorhandenen und gepflegten Fanfreundschaft anzufangen. Die jüngere Generation und Fans ab 1990/1991 ließen sich leider nicht dahin gehend mitreißen diese alte Freundschaft zu pflegen. Sehr schade, denn das wäre einzigartig das Derbygegner auch eine Freundschaft haben.
    Ich als alter Herthaner (erstes Herthaspiel besucht 1976)freue mich jedenfalls über den Erfolg der Unioner, sportlich fair und anerkennend.

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