Friedhelm Funkel als Experte in einem Fußball-Stadion. Quelle: imago images/Jan Huebner
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Interview | Ex-Trainer Friedhelm Funkel - "Hertha wird nicht absteigen, dafür ist die Mannschaft zu gut"

Kaum einer kennt Abstiegskampf so gut wie er: Friedhelm Funkel war in 30 Jahren als Trainer mal gefeierter Retter, mal stieg er ab. 2010 auch mit Hertha BSC. Im Interview spricht er über Unterschiede zwischen damals und heute, Chefcoach Pal Dardai - und lobt einen Spieler.

rbb|24: Friedhelm Funkel, Sie haben in Ihren 30 Jahren als Trainer so manchen Abstiegskampf erlebt - in der Saison 2009/10 auch mit Hertha BSC. Wenn Sie mit der Erfahrung auf die Situation des Vereins schauen: Als wie bedrohlich schätzen Sie diese ein?

Friedhelm Funkel: Die Situation ist sicherlich bedrohlich, man darf sie absolut nicht unterschätzen. Ich glaube aber, das macht Pal (Dardai, Anm. d. Red.) auch nicht. Seitdem er die Verantwortung hat, hat die Mannschaft schon Spiele gezeigt, die wesentlich besser waren. Dass man das Spiel gegen Wolfsburg verloren hat, ist ja eigentlich unglaublich. Man hat ordentlich bis gut gespielt, hatte viele Torchancen, aber hat das Spiel verloren - und das ist das Gefährliche an der Situation.

Nach der Entlassung von Bruno Labbadia soll Dardai den Klub retten. Er ist nun seit fünf Spielen zurück auf der Bank. Hat Sie diese Rolle rückwärts überrascht?

Nein. Es ist wirklich eine sehr gute Entscheidung gewesen. Pal ist Hertha BSC. Er war damals als Spieler dabei, als ich mit der Hertha abgestiegen bin. Leider war er in wichtigen Phasen verletzt und konnte seine Bedeutung, die er damals für das Team hatte, nicht so auf den Platz bringen, wie ich mir das gewünscht hätte. Er hat als Trainer dann sehr erfolgreich gearbeitet. Dass man ihn zurückgeholt hat, ist für mich deshalb überhaupt keine Überraschung. Man merkt, dass die Mannschaft auch so langsam zusammenwächst. Pal ist auf dem richtigen Weg, aus den vielen Individualisten, für die man viel Geld ausgegeben hat, ein Team zu formen und die Berliner wieder in die Spur zu bringen. Wenn es nicht läuft, braucht man Mentalität und Spieler in der Kabine, die die Verantwortung übernehmen. Das war nicht zu erkennen. Durch die Art von Pal sind Verbesserungen eingetreten. Aber es müssen jetzt Ergebnisse her. Das weiß er. Ich glaube, dass diese Mission erfolgreich abgeschlossen wird - und dass Hertha nicht absteigen wird. Dafür ist die Mannschaft zu gut.

Sie kennen ihn gut. Als Sie am 4. Oktober 2009 Ihr erstes Spiel als Trainer von Hertha BSC hatten - gerade frisch nachgefolgt auf Lucien Favre -, stand er auf dem Platz. Ebenso zur Startelf gehörte Arne Friedrich. Trauen Sie den beiden zu, den Verein aus dieser schwierigen Situation zu führen?

Pal hat viel Erfahrung als Trainer, er weiß, wie man eine Mannschaft führt - ich traue ihm das zu. Arne ist neu in seinem Job. Er muss mit Sicherheit noch Erfahrungen in diesem Metier sammeln. Als Persönlichkeit - Ex-Nationalspieler mit großer Hertha-Vergangenheit - ist er aber jemand, der akzeptiert wird und vorangehen kann. Ich glaube, dass es eine gute Mischung ist zwischen Pal Dardai und Arne Friedrich. Sie werden Hertha am Ende in der Bundesliga halten. Dafür stehen beide. Beide sind Herthaner, beide lieben den Klub. Ich darf dabei auch Andreas "Zecke" Neuendorf nicht vergessen, der ja für Pal als Co-Trainer arbeitet. Auch er hat der Hertha schon als Spieler sehr viel gegeben.

Ihr Hertha-Debüt ging mit 1:3 gegen den Hamburger SV verloren. Es gab ein Eigentor von Kaka und einen ganz schwarzen Tag von Keeper Sascha Burchert. Es war ein bitteres Spiel, so wie sie Hertha gerade auch immer wieder erlebt. Man denke an das Eigentor von Lukas Klünter zuletzt in Wolfsburg. Gilt da das bekannte Andi-Brehme-Sprichwort: 'Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß'?

Vor allem am vergangenen Wochenende in Wolfsburg war das so. Das darf sich nicht wiederholen. Das weiß Pal und das weiß auch Arne. Die waren damals dabei. Wir haben auch viele, viele gute Spiele gemacht, die wir leider nicht gewonnen haben. Da kamen viele unglückliche Umstände zusammen. Darum sind wir dann am vorletzten Spieltag in Leverkusen abgestiegen. Ich werde nie vergessen, wie es dort 2:2 stand und Theofanis Gekas in der letzten Sekunde noch aus einem halben Meter den Ball nicht zum 3:2 über die Torlinie bringt. Dann hätten wir am letzten Spieltag noch die Chance gehabt, die Klasse zu halten. Das haben wir nicht geschafft. Aber heute in der aktuellen Phase, in der sie nicht punkten, haben die Herthaner das große Glück, dass es Mannschaften gibt, die noch deutlich schlechter dastehen. Das ist das Positive. Mit der Trendwende auf dem Spielfeld.

Pal Dardai hatte mit Bayern, Frankfurt, Leipzig, Stuttgart und nun eben Wolfsburg sicherlich auch einen sehr undankbares Startprogramm. Lässt sich der eine Punkt aus den fünf Partien dennoch nur mit Pech erklären - oder fehlt doch mehr?

Als Pal kam, war die Mannschaft sicher sehr verunsichert - das hat sich mittlerweile gebessert. Das Miteinander wurde nicht so auf den Platz gebracht, wie man es braucht, um in der Bundesliga erfolgreich zu sein. Es war mutig von Pal, diese Herausforderung anzunehmen. Aber so ist er, Pal kennt keine Angst. Auch damals ist er gegen Spieler, die zwei Meter groß waren, mit vollem Körpereinsatz reingegangen. Er hat keinen Zentimeter zurückgezogen und das macht er jetzt als Trainer auch nicht. Gerade am Wochenende gegen Wolfsburg war sicherlich viel Pech dabei. Trotzdem muss noch mehr Entschlossenheit und Mut in die Mannschaft kommen, um die Tormöglichkeiten auch zu nutzen. Da hoffe ich, dass Pal das noch ins Team hineinbringt. Wolfsburg über weite Strecken so zu bespielen und zu beherrschen, das muss man erstmal schaffen. Das ist die Arbeit des Trainerteams in den letzten Wochen gewesen. Wenn jetzt das Wichtigste im Fußball - nämlich Tore zu erzielen - noch dazukommt, wird die Mannschaft auch noch vier, fünf Spiele gewinnen, um sicher die Klasse zu halten.

Nun ist gegen Augsburg der Druck riesig. Jeder weiß: In diesem Spiel muss es nun klappen. Wie bereitet man eine Mannschaft auf so ein Spiel vor - wie packt man sie?

Jeder weiß, dass am Wochenende ein Sieg her muss. Es ist aber wichtig - und das weiß Pal auch -, dass man im Training nicht überdreht und permanent nur über dieses Spiel redet. Den medialen Druck, der ja gerade in Berlin sehr groß ist, muss man ein stückweit von der Mannschaft fernhalten. Pal wird das mit seiner Lockerheit sehr gut hinbekommen. Davon bin ich überzeugt. Es braucht mal einen lockeren Spruch auf der einen Seite, aber dann auch die nötige Ernsthaftigkeit, wenn es im Training darum geht, gewisse Dinge einzustudieren oder körperliche Präsenz zu zeigen. Ein gewisser Druck wird da sein, der wird die Mannschaft aber nicht so überfrachten, dass sie am Wochenende ihre Leistung nicht auf den Platz bringt - das kann ich mir nicht vorstellen. Dafür ist das Team auf einem zu guten Weg. Ich möchte da Niklas Stark besonders loben: Er zeigt auf dem Spielfeld, dass er den Ernst der Lage nicht nur erkannt hat, sondern auch mit der Situation umgehen kann. Er hat am Wochenende fantastisch gespielt und den Laden hinten gut zusammengehalten.

Hertha hat sich einen Kader zusammengestellt, der Richtung Europa stürmen sollte. Nun steckt er am Abstiegskampf. Es sind jede Menge Spieler, die diese Situation nicht kennen. Erschwert das die Mission?

Im Moment kann natürlich niemand nach Europa gucken - das wäre ja eine Utopie, das geht ja nicht. In der Tat tun sich solche Spieler dann schwerer, wenn sie in derartige Situationen kommen. Aber: Auch da hat Hertha mit der Personalie Pal Dardai richtig gehandelt. Er wird diese Mentalität in die Spieler hineinbekommen. Mit Gesprächen, wie auch immer die aussehen - einige Spieler sprechen ja weder Englisch noch Deutsch. Aber dann muss eben mit Händen und Füßen geredet werden. Das ist ja auch eine der Stärken von diesem Trainer. Jeder Spieler sollte mittlerweile aber ohnehin verstanden haben, dass es mit Europa nichts mehr werden kann. Es geht nur noch darum, den Verein in der Liga zu halten.

Es sind nun noch elf Spieltage, um die Kurve zu bekommen. Sie sind 2010 am Ende mit Hertha abgestiegen. Lässt sich die Situation heute und damals vergleichen?

Der gravierende Unterschied ist, dass es in dieser Saison ein paar Mannschaften gibt, die deutlich schlechter sind und nur noch wenige Punkte holen werden. Zudem hatten wir damals viele Schiedsrichterentscheidungen gegen uns, so haben wir viele Spiele verloren. Ich weiß noch, dass der Schiedsrichter sich damals nach einem Spiel von uns in Bremen sogar bei uns entschuldigt hat, weil es vor dem entscheidenden Tor eine Fehlentscheidung gab. Ich glaube nicht, dass sich das nochmal wiederholt. Heute würde man das möglicherweise durch den Videoschiedsrichter revidieren. Ich hoffe einfach, dass das nötige Spielglück jetzt zur Hertha zurückkommt. Das hatten wir damals und Hertha zuletzt einfach nicht. Das sind die Kleinigkeiten, die entscheidend sein werden, um die Klasse zu halten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Johannes Mohren, rbb sport.

18 Kommentare

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  1. 18.

    Schmeichelhaft, was F. Funkel meint, aber man sollte sich die Situation nicht schönreden. Wenn Bielefeld das Nachholspiel gegen Bremen gewinnen sollte, steht die Hertha bereits derzeit auf dem Relegationsplatz. Positiv: Gegen die jetzt folgenden 5 Gegner hat Hertha in der Vorrunde 8 Punkte geholt, d.h. 1,6 Punkte pro Spiel. Das war eine richtig starke Phase gewesen. Sollte das jetzt aber nicht gelingen, wird es ganz eng werden.

  2. 17.

    Schmeichelhaft, was F. Funkel meint, aber man sollte sich die Situation nicht schönreden. Wenn Bielefeld das Nachholspiel gegen Bremen gewinnen sollte, steht die Hertha bereits derzeit auf dem Relegationsplatz. Positiv: Gegen die jetzt folgenden 5 Gegner hat Hertha in der Vorrunde 8 Punkte geholt, d.h. 1,6 Punkte pro Spiel. Das war eine richtig starke Phase gewesen. Sollte das jetzt aber nicht gelingen, wird es ganz eng werden.

  3. 16.

    Der Investor hat das generell überzogene Selbstverständnis Herthas lediglich in drei Worte gefasst und damit das, was Herthaverantwortliche schon seit ewig kundtun, zusammengefasst. Oder schon die hoeneßchen Phantasien v. der Meisterschale unter dem Brandenburgertor vergessen?
    ...und wenn Lars W. keine Lust mehr hat o. mal wieder Pleite is - bumm!

  4. 15.

    Hi Klaus, Danke für das Lesen, auch wenn es unpräzise ausgedrückt war. Ausdrücken wollte ich in 2 Kommentaren, wie die Hertha der Gegend gut tut, warum das so ist und der Anspruch immer höher sein sollte, um Ziele zu erreichen. Der Unterschied ist dann die „Kluft“, die manchmal zu groß ist. Der Senat hat damit nichts zu tun. Wenn man gerade aber unter dem Eindruck eines anderen Beitrages stand (Verbrennerverbpt), dann entsteht im Kopf der Zusammenhang, was einer Stadt gut tut (Hertha) und was nicht (Technologiefeindlichkeit). Das ist zwar etwas konfus, birgt die Gefahr falsch verstanden zu werden und ist etwas zu emotional. Kritik hält man dann aus und versucht es beim nächsten mal besser.: in der Zuspitzung liegt die Lösung, wenn Zeit und Platz hier fehlen ;-)

  5. 14.

    Das Hertha aktuell keine temporäre Erscheinung in der Buli ist, hat man sicher auch dem Willen der hohen Verschuldungen in der Vergangenheit und den Stadionmietstundungen des Senats in der Abstiegssaison zu verdanken.
    Etwas mehr Realitätssinn und Bewußtsein für die Vergangenheit würde ihnen und dem Großteil der Anhängerschaft ganz gut tun.

  6. 13.

    Letztlich aber hält jener Sprücheklopfer 66,6% an der ausgegliederten Lizenabteilung, welche von 75% der Mitglieder auf einer MV durchgewunken wurde.
    Von daher ist BCC schon Herthasprech, denn ma wußte was man sich ins Haus holt.
    Mein Mitleid hält sich in Grenzen.

  7. 12.

    Lieber Wossi,
    Ich verstehe ihre Antwort auf den Beitrag von Zumba nicht. Was ist eine Kluft die vorhanden sein soll? Und was hat die fussballarische mittelmäßige Leistung von der alten Dame mit dem jetzigen Senat zu tun? Ich bin selber Hertha Fan und kann gerade deswegen ihren Kommentar nicht nachvollziehen. Oder meinen sie ernsthaft,mit einem neuen Senat bekommt unsere Hertha automatisch ein neues Stadion? Traumtänzer ,gut und zusammen spielen,das eint eine Mannschaft,und ich gebe es zu,Hertha ist z.zt. weder das eine noch das andere. Auch wenn ich mir was anderes wünschte,wie sie wohl auch ,lieber wossi. Bleiben sie aufrecht! Mfg

  8. 11.

    Na das passt doch zu dem "Kullerverein" wie Faust aufs Auge...oder etwas nicht?

  9. 10.

    Ohne Worte, sportlich Pech und böse Schiedsrichter, deswegen ist Herr Funkel mit Hertha abgestiegen...alles klar !!!

  10. 9.

    Hi, bin nicht perfekt, wie die Hertha auch... was gut ist ;-) - Anspruch und Wirklichkeit klaffen manchmal auseinander - besser als andersrum - eigentlich sollte immer eine Kluft da sein...

  11. 8.

    ... und ist in der Bundesliga keine temporäre Erscheinung. Berlin hatte ja nun einige Vereine, die sich in der Liga versucht haben, geblieben ist nur Hertha.
    Ihr Beitrag trifft es auf den Punkt : All dies ist Hertha, ob das nun gefällt oder nicht.
    Hahohe

  12. 7.

    hi wossi,
    gehts noch ein wenig dramatischer und ohne senatsbashing?
    ( in einem Punkt recht, hertha vs union ist ein schönes Derby, der rest ist für mich schwierig nachvollziehbar)

  13. 6.

    Hertha ist eine BL-Bereicherung. Das Stadtderby ist eine BL-Bereicherung, wie andere Derbys auch (Schalke/Dortmund; Leverkusen/Köln/Gladbach; HSV/Bremen/St.Pauli). Hertha kann man nicht verbieten, wie z.B. Autos. Hertha bleibt blau und wird nie grün/rot, was bei schneebedecktem blauen Olympiastadium sehr schön ist. Hertha hat eine Sogwirkung. Hertha verbindet die Stadt mit dem Umland. Herta erzeugt ein "Wir-Gefühl". Hertha hat eine hervorragende Jugendarbeit. Hertha hat ... treue Fans... Hertha hat eine Seele, so wie Union auch, nur anders und das ist schön...Hertha "tut Berlin gut", anders als ewig Gestrige und Umerzieher...

  14. 5.

    Und wegen diese drei großkotzigen Worte( Big City Club) hat sich Hertha für immer angreifbar gemacht! Und das ist das Problem!

  15. 4.

    Das haben andere Teams davor auch schon gedacht! Dann kam das böse Erwachen!

  16. 3.

    NIEMAND bei Hertha BSC hat sich oder den Club selbst Big City Club genannt. (das war der Windhorst, mehr nicht). Und mehr muss man zu Ihrem Text auch nicht sagen- geballte Ahnungslosigkeit, sorry.

  17. 2.

    Umgekehrt. Hertha steigt nicht ab, weil die Anderen da unten so schlecht sind. Außerdem ist das Restprogramm ja nun wirklich nicht gerade schwer. Sollten sie das verbocken, dann ist ihnen nicht zu helfen.

  18. 1.

    Klingt wie das Pfeifen im Wald und wo hatte die Hertha mal " glanzvolle" Zeiten? Werden da die Zeiten angesprochen, wo diese Mannschaft am Anfang einer Saison für zwei, drei Spieltage an der Spitze der Tabelle stand? Ober im Kampf um (k) einen Relegationsplatz? Ich glaube, der selbsternannte "Big City Club" sollte in die 2.Liga absteigen, wo sie momentan besser aufgehoben sind. Vielleicht ist die dann nur ein Durchgangsbahnhof in die 3., bei der Spielfreude, Biss, Spielintelligenz, dem eigenen Vermögen durchaus möglich.

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