Arne Friedrich vor einem Spiel von Hertha BSC. Quelle: dpa/Pressebildagentur ULMER
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Interview | Hertha-Sportdirektor Arne Friedrich - "Wir richten den Verein für die nächsten Jahre aus"

Der Last-Minute-Sieg gegen Augsburg hat Hertha BSC im Abstiegskampf ein bisschen Luft verschafft. Sportdirektor Arne Friedrich gibt sich im rbb-Interview erleichtert und sagt, was in den nächsten Wochen wichtig wird. Zur Personalie Fredi Bobic hält er sich bedeckt.

rbb|24: Arne Friedrich, nach dem für Hertha erlösenden 2:1 in der Schlussphase gegen den FC Augsburg durch Dodi Lukebakio ging es hoch her im Olympiastadion: Jubelschreie, Umarmungen, Rudelbildungen und Ekstase. Sie waren mittendrin, man hat Sie selten so emotional gesehen. Wie haben Sie diese letzten Minuten erlebt?

Arne Friedrich: Ja, man hat sicherlich gesehen, dass da eine Menge Druck im Kessel war. Natürlich versuchen wir immer, alles von der Mannschaft fernzuhalten, aber natürlich können alle die Tabelle lesen. Davor die zahlreichen Spiele nicht gewonnen zu haben, hat sein Übriges dazu beigetragen. Das Spiel am Samstag hat natürlich für uns nicht gut begonnen. Die Partie dann am Ende noch zu drehen, hat einige Kräfte freigesetzt.

Sie haben vor der Begegnung zu Recht gesagt, es sei kein "Alles-oder-Nichts-Spiel". Trotzdem war es eine unglaublich wichtige Partie, oder?

Wie schon gesagt: Wir können alle die Tabelle lesen. Klar ist aber auch, dass noch Spiele zu spielen sind. Gerade Spiele wie gegen Augsburg müssen wir aber einfach gewinnen. Wir hatten jetzt einige Gegner aus der oberen Tabellenhälfte, das sind alles Punkte, die man "on top" holen könnte - das haben wir leider nicht geschafft. Dennoch kann man eine eindeutige Richtung bei uns sehen: Die Mannschaft hält zusammen, teilweise haben wir echt gute Spiele gemacht, die Leistung aber nicht in Punkte umgemünzt. Deshalb ist es umso schöner, dass wir das Spiel gegen Augsburg nach einem 0:1-Rückstand noch gedreht haben.

Was hat aus Ihrer Sicht am Samstag die Wende gebracht?

Wir sind einfach drangeblieben. Die zweite Halbzeit war besser als die erste. Im ersten Durchgang haben wir den Ball viel laufen lassen, aber eher in unserer Hälfte. Gerade nach vorne hatten wir keine gute Abstimmung, haben die Postitionen nicht richtig besetzt. In der zweiten Halbzeit haben wir dann mehr Druck gemacht und hatten bessere Aktionen. Wir haben verdient gewonnen.

Ist die wichtigste Erkenntnis neben dem Sieg, dass die Mannschaft auch Abstiegskampf kann?

Ich habe das schon einmal gesagt: Der Kader ist nicht für den Abstiegskampf ausgerichtet. Es ist aber auch eine große Chance, gerade in solchen Situationen kann man zusammenrücken. Es gibt auch andere Vereine, die in den letzten Jahren unten drinstanden und da sehr viel Positives herausgezogen haben. Die haben dann auf einmal in den Folgejahren oben mitgespielt. Das kann bei uns auch passieren. Wir haben eine junge, neu zusammengestellte Mannschaft. Da gibt es viele Mechanismen, die in dieser Saison noch nicht gegriffen haben. Es müssen sich Charaktere herausbilden, die Verantwortung übernehmen. Wir haben eine große Chance, aus dieser Situation gestärkt herauszugehen.

Mit Dortmund, Leverkusen, Union Berlin im Hauptstadtderby und Mönchengladbach kommen jetzt vier Gegner, die auch zum gehobenen Kaliber gehören. Wird Hertha in den nächsten Spielen trotzdem punkten?

Ich glaube, dass in der Bundesliga jeder jeden schlagen kann. Das haben wir auch in dieser Saison schon gesehen. Mainz hat auf einmal Punkte geholt, die man nicht eingerechnet hat. Auch bei Arminia Bielefeld war es so. Warum soll das bei uns nicht auch passieren?

Gegen Augsburg fehlte Sami Khedira zwar verletzt, Sie waren bei der Bekanntgabe seiner Verpflichtung aber geradezu euphorisch. Was zeichnet ihn aus, warum kann er für Hertha so wichtig werden?

Er ist schon jetzt extrem wichtig. Er hat einen sehr großen Einfluss auf seine Mitspieler, auch dahingehend, neue Hierarchien zu bilden. Jetzt, wo er verletzt ist, legt er sich seine Behandlungstermine um die Trainingseinheiten. Das heißt, er ist trotzdem ganz oft mit auf dem Platz und guckt sich die Einheiten an. Er führt viele Gespräche und hilft so mir und natürlich auch dem Trainer. Wie schon gesagt, es ist es für uns fundamental wichtig, dass sich neue Hierarchien bilden.

Die Hierarchien haben sich nach der Entlassung von Michael Preetz auch innerhalb des Klubs verändert. Sie haben mehr Verantwortung bekommen. Wie hat sich Ihre Position verändert, was sind Ihre Einflussmöglichkeiten?

Natürlich hat sich mein Aufgabenfeld erweitert. Zuletzt war ich im Grunde genommen hauptverantwortlich für die Transfers. Wir haben einen großen Strategieprozess bei Hertha, richten den Verein für die nächsten Jahre aus. Da habe ich im sportlichen Bereich ein ganz gewichtiges Wort mitzusprechen und mitzuentscheiden. Gerade das strategische Arbeiten ist also dazugekommen. Ich bin nicht mehr ganz so häufig bei der Mannschaft wie vorher, aber immer noch oft genug, um den Draht nicht zu verlieren. Das Arbeitspensum und die Verantwortlichkeiten sind mit Sicherheit nach oben gegangen. Es sind aber Themen, die ich ganz gut meistere.

Der Strukturprozess ist noch nicht abgeschlossen, möglicherweise gibt es demnächst auch wieder einen Geschäftsführer Sport. Fredi Bobic, der derzeit in selber Funktion bei Eintracht Frankfurt aktiv ist, dort aber zum Saisonende aufhören wird, ist in der Debatte. Hertha-Aufsichtsrat Jens Lehmann hat am Sonntag bei Sky bestätigt, dass man sich mit Bobic beschäftigen würde. Wie ist der Stand der Dinge?

Da hat Jens Lehmann mehr Informationen als ich. Am Ende ist es die Aufgabe des Vorstands, diesen Posten neu zu besetzen. Wir würden, wenn das passiert, informiert werden. Ich habe zwei Aufgaben: das Team in der Liga zu halten und die Weichenstellung für Hertha BSC in den kommenden Jahren einzuleiten. Da habe ich genug mit zu tun, alles andere interessiert mich eigentlich nicht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Lars Becker, rbb sport.

Sendung: Inforadio, 07.02.21, 15:15 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Jeder Sieg verschafft etwas Luft, unabhängig davon was die Konkurrenz macht, sofern die Situation nicht aussichtslos ist ggf. war. Und da dies derzeit nicht der Fall ist, Bielefeld remis gegen Union gespielt hat, ist Hertha einmal der Gewinner des Spieltags, was die aktuelle Tabellensituation angeht. Also bitte immer im hier und jetzt bleiben. Alles andere sehen wir am nächsten Wochenende.

  2. 2.

    Wie im Artikel von Arne gesagt: wir können alle die Tabelle lesen. Die Luft mag dünn sein aber noch kann Hertha das aus eigener Kraft schaffen und Schützenhilfe aus Köpenick braucht auch keiner.

  3. 1.

    Ich freue mich, dass der rbb bei Hertha Luft im Abstiegskampf entdeckt hat. Sollte Arminia Bielefeld die gerade laufende Partie gegen Union gewinnen, dann trennt Herha nur das weniger schlechte Torverhältnis vom Relegationsplatz. Und die Arminia hat noch ein Nachholspiel. Wenn das die Luft im Abstiegskampf ist, dann ist sie wohl noch ziemlich dünn. Besonders angesichts der nächsten Gegner.

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