Wasserball-Bundestrainer Hagen Stamm klatscht nach einem Spiel ab (Quelle: picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
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Wasserball | Bundestrainer Hagen Stamm - Abschied vom Beckenrand

Die Karriere von Hagen Stamm als Wasserballer, Bundestrainer, Unternehmer und Familienvater könnte für mehrere Leben reichen. Doch der 60-Jährige sagt, dass er jetzt erst bei der Hälfte sei. Ein Blick auf die erste und die zweite Lebenshälfte. Von Lynn Kraemer

Der Kreis sollte sich im Sommer bei den Olympischen Spielen in Tokio schließen. Nach drei Teilnahmen als Spieler wollte Hagen Stamm mit seiner dann ebenfalls dritten Teilnahme als Bundestrainer Abschied vom Beckenrand nehmen. Auf die große Bühne muss er nun verzichten.

Ende in Rotterdam

Mitte Februar versuchte die Nationalmannschaft beim Qualifikationsturnier in Rotterdam ein Ticket für Tokio zu lösen. "Es hätte ein Wunder gebraucht. Und das Wunder kam nicht", erzählt Hagen Stamm, inzwischen wieder in Berlin, knapp zwei Wochen später. Seine Mannschaft verlor alle Gruppenspiele. Schon die Vorbereitung verlief alles andere als optimal. Während in einigen Nationen der Ligabetrieb weiterging, mussten die deutschen Wasserballer pausieren. An Kaderlehrgänge sei coronabedingt nicht zu denken gewesen: "Bei uns ist sozusagen die Praxis auf Eis gelegt gewesen. Und das haben wir in den Spielen ganz klar vorgelegt gekriegt. In allen Spielen sind wir so hinterhergerannt, dass wir dann am Ende nicht mehr aufholen konnten."

Nach dem letzten Spiel gegen Kroatien lief Stamm zu Fuß von der Halle zurück zum Hotel. Eine Stunde durch die Straßen von Rotterdam, um das Geschehene zu verarbeiten. Ihm habe es vor allem für die Spieler und weniger für seine Person leidgetan: "Ich wusste, dass es ein Himmelfahrtskommando ist. Aber natürlich hat man die Hoffnung für die Jungs das nochmal zu schaffen. Und vielleicht war es wirklich Mission Impossible, aber auf der anderen Seite macht man sich auch Gedanken. Hat man Fehler gemacht?" Trotz des Abschieds ohne Olympia ist er zufrieden mit seiner Zeit als Bundestrainer. "Ich glaube, da habe ich einen ganz guten Job gemacht und habe gezeigt, dass wir wieder in die erweiterte Weltspitze gehören. Und damit muss man sich dann anfreunden und mit dem negativen Abschluss klarkommen", ist Stamms Fazit.

Die erste Hälfte

Während beim letzten Turnier viel zusammenlief, was nicht passte, waren die richtigen Puzzleteile in der Spielerkarriere des Berliners fast immer da. Bei den Wasserfreunden Spandau meldeten ihn seine Eltern schon mit zwei Jahren an. "Ganz sicher waren die 80er-Jahre nach dem Krieg die tollste Generation", erzählt Stamm, "weil wir auch das große Glück hatten, dass wir eine Ansammlung von fünf oder sechs Superspielern bei Spandau hatten und dann noch gute Ergänzungsspieler von anderen Vereinen dazukamen." Das Resultat: vier Titel im Europapokal und zwei im europäischen Supercup. Dazu noch unzählige Pokal- und Meisterschaftssiege. Mit der Nationalmannschaft holte Hagen Stamm bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 Bronze.

Für Hagen Stamm hängen seine schönsten Erlebnisse als Wasserballer auch mit den traurigsten zusammen. Nur wenige Stunden nach dem Supercupgewinn 1986 in Zürich verstarb Trainer Alfred Balen an einem Gehirnschlag im Alter von 56 Jahren. "Da kann ich heute als 60-Jähriger bewerten, wie jung das eigentlich noch war," sagt Stamm. Und auch sein Freund und folgender Trainer Uwe Gaßmann verstarb mit 37 Jahren an Krebs.

Mit Gaßmann verbindet Hagen Stamm eine seiner schönsten Spielerinnerungen bei den Europameisterschaften 1989 in Bonn: "Alle Hausdächer ringsherum waren besetzt mit Zuschauern. Da Europameister zu werden im Sudden Death, also wer das letzte Tor schießt, ist sofort der Sieger. Das war Nervenkitzel und Gänsehaut pur." Ihm sei drei Mal die Lippe genäht worden, aber jedes Mal sei er "in Trance zurückgekommen, obwohl die Lippe überhaupt nicht mehr irgendwie zu heilen war."

Wasserball-Bundestrainer Hagen Stamm und Sohn Marko im Jahr 2008 (Quelle: dpa / Gero Breloer)
Hagen Stamm mit Sohn Marko | Bild: dpa / Gero Breloer

Wasserball ist Familiensache

In seiner Zeit als Trainer denkt Hagen Stamm gerne die Olympischen Spiele in Peking zurück. Bei der Eröffnungsfeier konnte er Arm in Arm mit seinem Sohn und Schwiegersohn einlaufen. "Und das sind Sachen, die bei mir Gänsehaut erzeugen und wahrscheinlich bei jedem anderen, der daran denkt, wie toll der Sport sein kann", erzählt Stamm. Wasserball ist für ihn Familienangelegenheit. Sohn Marko spielt bei den Wasserfreunden Spandau, wo Stamm Präsident ist.

Auch nach seinem Abschied als Bundestrainer wird Hagen Stamm dem Verein erhalten bleiben und versuchen seine Sportart wieder populärer zu machen: "Wasserball ist bei den Ballsportarten diejenige, die als letzte im Alphabet kommt und wir müssen versuchen das umzudrehen. Und müssen gucken, dass Leute an Wasserball denken." In Deutschland gibt es rund 10.000 Aktive. Dadurch fehlt, laut Stamm, die Breite. Das lasse sich nur mit mehr medialer Aufmerksamkeit und besseren Rahmenbedingungen ändern.

Die zweite Hälfte

Doch zuerst will sich der 60-Jährige, der einen Fahrradgroßhandel mit 220 Mitarbeitern betreibt, wieder mehr seiner Familie und dem Geschäft widmen. Ohne deren Unterstützung und Verständnis wäre das nicht möglich gewesen, sagt Stamm: "Das muss ich jetzt zurückzahlen. Sowohl in der Familie, als auch in der Firma. Und muss mich mit anderen Prioritäten dann auch um die Enkelkinder kümmern. Der Verein wird weiterhin meine Liebe bleiben."

Hagen Stamm war und ist so erfolgreich und macht alles gleichzeitig, weil er gleich mehrere Leidenschaften gefunden hat. "Also ich glaube, das allerwichtigste Antriebsmittel ist, dass man Spaß und Freude hat und dass man alles was man macht, gerne macht", erzählt der Berliner. Und wenn man es gerne mache, dann schaffe man auch sehr viel. Deswegen wird ihm auch ohne das Amt des Bundestrainers nicht so schnell langweilig werden. Schließlich muss der DSV noch einen Nachfolger finden und Stamm will "natürlich bei Spandau weiter versuchen oben anzugreifen, damit es für Waspo Hannover nicht so langweilig wird."

Für den endgültigen Abschied vom Beckenrand ist Hagen Stamm viel zu beschäftigt.

Sendung: Inforadio, 05.03.2021, 10:45 Uhr

Beitrag von Lynn Kraemer

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